Rechtzeitig an sein Seelenheil denken

Ist diese alte Vorstellung noch zeitgemäß?

Engelsgestalt mit Rose - A. Steidlen
Engelsgestalt mit Rose - A. Steidlen
Die Sicht auf das Seelenheil hat sich gewaltig geändert im Lauf der Jahrhunderte. Die Physiologie des Menschen ist gleich geblieben: Er wird geboren, um einst zu sterben

"Ich bin nicht tot, tausche nur die Räume. Ich leb' in Euch und geh' durch Eure Träume", sagte Michelangelo vor fast fünfhundert Jahren. Tatsache ist, dass der Tod heute genauso gegenwärtig ist, wie bei den Menschen in früheren Jahrhunderten. Nur sucht er sie heute nicht mehr durch Pest, Hungersnöte und willkürlichem kriegerischen Gemetzel heim.

Die Sicht auf den Tod hat sich geändert

Der Tod hat sich den heutigen Lebensumständen angepasst. Menschen, die nicht altersbedingt sterben, sterben heute vor allem wegen Fehlernährung und Bewegungsmangel – den modernen Zivilisationskrankheiten. Sie sterben durch Verkehrsunfälle, Naturkatastrophen und nicht zuletzt durch den Terrorismus. Menschen werden geboren, um einstmals zu sterben. Ob der Tod sich schon früh im Leben ankündigt oder erst im hohen Alter, weiß keiner. Sicher ist nur, der Mensch muss einst sterben. Es ist das einzige und wirkliche "Muss" im Leben.

Was sich geändert hat, ist die Sicht auf den Tod. In der heutigen Gesellschaft wird der Tod nur zu gern tabuisiert. Keiner mag das Wort gern in den Mund nehmen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der Tod den Menschen immer wieder auch Grenzen vor Augen führt. Er greift ein in großartige Errungenschaften, wirft wissenschaftliche Erkenntnisse über den Haufen und lässt so manchen technischen Fortschritt fragwürdig erscheinen. Kurzum: Der Tod zeigt Grenzen auf. Mit der Einstellung zum Tod hat sich auch die Sicht auf das Seelenheil geändert.

Plötzlich und unerwartet - die Allgegenwärtigkeit des Todes

Einst war der Tod öffentlicher und alltäglicher Bestandteil des Lebens. Er war ein ständiger Begleiter der Menschen. Man sprach offen und ohne Scheu über den Tod und war sich ihm täglich aufs Neue bewusst. Plötzlich und unerwartet konnte er Besitz von einem ergreifen. Für die Menschen früherer Jahrhunderte Grund genug, sich immer wieder aufs Neue auf den Tod vorzubereiten. Denn die Sorge um das Leben nach dem Tod - die Sorge um ihr Seelenheil - war groß und beschäftigte sie sehr. "Ars bene moriendi - die Kunst des guten Sterbens" stand folgedessen im Vordergrund.

Spürte der Mensch den Tod nahen, kamen Pfarrer und engste Familienangehörige und Freunde ans Sterbebett. Die Sterbesakramente wurden ihn gereicht, man begleitete ihn gemeinsam hinüber. War der Tod eingetreten, wurden die Fenster des Sterbezimmers geöffnet, um die Seele entweichen zu lassen. In der Zeit zwischen dem Eintritt des Todes und der Beerdigung wurden bedeutsame Tätigkeiten rund um den Leichnam verrichtet. Die Augen wurden ihn geschlossen und die Totenwäsche an ihn vorgenommen. Das Totenhemd, das schon in frühen Jahren Teil seiner Aussteuer war, wurde ihn angelegt. Schließlich wurde die Totenwache gehalten. Die ganz persönliche Abschiednahme vom Verstorbenen stand ebenso an wie dessen geistiger Übergang von der irdischen Welt zur jenseitigen.

Das Seelenheil verwirken stellte zu Lebzeiten die größte Sorge dar

Nach der Überzeugung der Menschen früherer Jahrhunderte konnte man sich sein Seelenheil schon zu Lebzeiten sichern. Gute Taten und Werke vollbringen und Buße tun, waren das A und O Seelenheil zu erlangen. Sich nichts zuschulden kommen lassen, ob man arm war oder reich. Beides, arm und reich, galt als von Gott gegeben. Die Armen nahmen ihr Schicksal hin und dankten Gott, wenn ihnen in ihrer Not was zugesteckt wurde. Die Wohlhabenden taten gut daran, ihre armen Mitbürger mit dem Nötigsten zu versorgen. Selbst Kaiser und Könige, die sich Gott am nächsten glaubten, waren um ihr Seelenheil besorgt. Sie stifteten eifrig Kirchen und Klöster und förderten nicht wenige der noch heute zu bestaunenden monumentalen Dombauten. Auch der Eintritt in ein Kloster bot eine größtmögliche Garantie auf ein gutes Leben im Jenseits. Die Kleriker wurden nicht müde, die Menschen an ihr einstiges Seelenheil zu erinnern.

Heute hat man andere Sorgen als um sein Seelenheil zu fürchten

Dass hilfsbedürftige Menschen unterstützt werden müssen und Leid gelindert, daran hat sich auch heute nichts geändert. Durch gut funktionierende Sozialsysteme und Solidargemeinschaften werden heute viele Menschen erreicht, die auf Hilfe angewiesen sind. Weltweit operierende Hilfsorganisationen, wie das Rote Kreuz etwa, gelangen in die entlegensten Winkel der Welt, wenn nach Naturkatastrophen die Lebensbedingungen erschwert werden. Humanitäres Handeln geht heute nicht mehr damit einher, deswegen ein besserer Mensch zu sein. Geschweige denn, Seelenheil dadurch zu erwirken. Auch in religiöse Gemeinschaften oder Klöster einzutreten, geschieht heute nicht aus der Überzeugung heraus, deswegen ein besserer Menschen zu sein oder zu werden. Unschöne Vorfälle in solchen Einrichtungen, wie sie in den letzten Wochen ans Tageslicht kamen, sprechen eine eindeutige Sprache.

Seelenheil erlangen ist dennoch ein erstrebenswerter Zustand

Ob nun die Hilfe und der Dienst an Menschen in Not so oder so gesehen wird, eines ist geblieben, heute wie in früheren Jahrhunderten: Man fühlt sich 'gut', wenn man anderen helfen kann. Ein rundum angenehmes und schönes Gefühl macht sich in einem breit. Auch wenn das Wort 'Seelenheil' vielleicht nicht mehr zeitgemäß klingt, so ist es doch genau richtig, dieses Gefühl damit auszudrücken. Die Seele, und damit der Mensch, in dem sie wohnt, und dessen Tun und Barmherzigkeit um das Göttliche kreist, wird in seinem Wesenskern tief berührt, wenn er anderen Menschen Gutes tun kann. Man kann dieses Gefühl als ein universelles bezeichnen, das allen Menschen obliegt. Gleich welcher Rasse, Religion oder welches Kulturkreises.

'Seelenheil erlangen' wollen, und sei es ein Entschluss erst in den letzten Atemzügen, drückt ein menschliches Sehnen bei all jenen aus, für die es mit dem Tod nicht aus und vorbei ist. Dieses Sehnen, das nur mit Gutem behaftet sein kann und keinem Zeitgeist unterliegt, geht über in einen höheren Zustand. Einen Zustand, der über dem steht, was heute mit 'emotionalem Gleichgewicht' oder auch 'psychischer Gesundheit', ausgedrückt wird. Inwieweit dieser erstrebenswerte Zustand 'Seelenheil' einstmals gewichtet werden wird? Keiner weiß es. Lediglich so viel, dass er einen schon im Diesseits gut fühlen lässt.

Annelore Poljasevic, Annelore Poljasevic

Annelore Poljasevic - Ich bin 1952 im mittelalterlichen Rothenburg ob der Tauber geboren und habe (weil es sich so ergeben hat) den nüchternen Beruf der ...

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