Recklinghausen/Herten: Halde Hoheward mit viel Astronomie

Halde Hoheward, Recklinghausen/Herten - Martin Merz, 2009
Halde Hoheward, Recklinghausen/Herten - Martin Merz, 2009
Ruhrgebiets-Ausflugstipp im Landschaftspark Emscherbruch: Halde Hoheward mit Bergebau-Mondlandschaften, Sonnenuhr-Obelisk und Horizontalobservatorium.

Schon von weitem ist sie zu sehen - die mit 110 Metern für Ruhrgebietsverhältnisse alpinesk hohe Halde Hoheward und ihre weiten Gipfel-Bögen sind bei gutem Wetter von Castrop-Rauxel-Schwerin aus genauso zu sehen wie von der Aussichtsplattform auf Zollverein und sogar von der S-Bahn-Linie 1, die das südliche Ruhrgebiet durchkreuzt. (Dabei steht Hoheward am nördlichsten Rand des Reviers!)

Ein toller Tipp also für einen Spaziergang bei gutem, klaren Wetter, auch und gerade mit auswärtigen Gästen. Denn ihre Halden-Mondlandschaft hat eine eigenartige, faszinierende Ausstrahlung, der Ausblick ins Münsterland, besonders aber ins Ruhrgebiet hinein ist fantastisch und das Gipfel-Observatorium ist für alle Sternengucker ein Muss, sofern man es denn irgendwann einmal betreten darf.

Die zwei Seiten der Industrierelikte des Reviers

Wer sich der Halde Hoheward nähert, betritt erst einmal öde Landschaft, beim zweiten Blick erweist sich diese aber als eine merkwürdige Mischung aus Mondlandschaft bepflanzt mit einigen hartgesottenen Gräsern, zähen Büschen und Bäumchen und einer nach allen Regeln des modernen Landschaftsmarketings angelegten Landmarken-Kultur und -Architektur. Hübsch illustrierte Schilder künden in wenigen Worten von großen Plänen, es gibt hervorragende Treppen und Wege, aufwendige Beleuchtung, gestylte Bänke und so weiter, alles Dinge, von der nicht wenige Fußgängerzonen oder Parks des Ruhrgebiets träumen.

Hoheward: Kunst auf Halde

Nicht zu vergessen die so genannte Landmarkenkunst (auch: Kunst im öffentlichen Raum), die im Kulturhauptstadtjahr (2010 war das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas) über das Revier ausgeschüttet wurde und zweifellos einigen, wenigen Künstlern reichen Geldsegen gebracht hat. Gerechterweise muss man jedoch zugeben, dass Hoheward nur eines solcher Kunstwerke aufweist.

(Plus ein Landmarken-Objekt, das so schlampig ersonnen und geplant und/oder ausgeführt wurde, dass es nicht zu genießen ist.)

Drachenbrücke: Inflationärer Kunstbegriff

Da ist die Drachenkopfbrücke des "Erfinders und Erbauers" Professor Wörzberger, eine zweifellos schöne und originelle Brücke - nur muss man für alles, was nicht nur hässlich und nur funktional ist, also auch dekorativen Zwecken dient und zudem etwas originell ist, den Begriff Kunst wählen? Die "Brückenskulptur" schwingt sich auf halber Halden-Höhe über die Cranger Straße mit einem drachenzackenartigen Geländer, welches - und wedelt dieses in einen Fortsatz in Drachenhals-Form aus. Wie bei dem Gipfel-Observatorium war ihr Bau unter anderem aufgrund planerischer Mängel holprig (weswegen auch nicht ganz einsehbar ist, dass ausgerechnet das DeutscheIngenieursblatt sie als "stählernes Ingenieurbauwerk" feiert).

Bergehalde: Winterspaziergang zum Hoheward-Plateau

Solange die Vegetation dort noch spärlich ist, ist der Weg nach oben eher langweilig, ob - anstrengend - über die steilen Treppen oder als gemütlicher halbstündiger Spazierweg. Oberhalb der auf allen Berge-Halden anzutreffenden künstlichen "Baumgrenze" erwartet den Besucher dann aber das haldentypische Plateau, das auch beim zehnten Revier-Halden-Besuch "irgendwie" - wohl vor allem durch die einfache weite Leere - beeindruckt.

Der schwarze Untergrund aus schwarzen Steinchen, das ist der Rest (die "Berge") des Bergbaus, das was man nicht verwenden konnte - auch wenn es an Vulkanasche-Landschaften erinnert. Wie fast alle der weitläufigeren Industriedenkmäler im Ruhrgebiet ist Hoheward am schönsten im Winter, da zeigt sie ganz besonders ihre karge, harte Schönheit.

Das Plateau von Hoheward ist in verschiedenen Ebenen und Ausrichtungen gestuft. Schon auf den unteren Flächen ist der Blick spektakulär - nach Südosten und Süden hin gewinnt man den Eindruck, von oben auf das riesige Herner STEAK-Kraftwerk und die AGR-Müllverbrennungsanlage in Herten zu schauen, im westlichen Hintergrund lugt die Spitze des Doppelbock-Fördergerüsts der Zeche Ewald über den Hanghorizont (siehe Fotos).

Astronomie auf Halde Hoheward: Obelisk und Horizontobservatorium

Der Gipfel der Halde ist der Astronomie gewidmet, eine Idee des Initiativkreis Horizontalstronomie im Ruhrgebiet e.V. Einige Meter unterhalb der höchsten Ebene steht der Obelisk, eine Säule als Zeiger einer Sonnenuhr. Und oben befindet sich dann das Horizontobservatorium mit den zwei weit geschwungenen Bögen, mit deren Hilfe Hoheward auf 152 Meter Höhe kommt und somit höchste Revier-Erhebung ist. Mehr soll hier darüber gar nicht geschrieben werden, weil es sehr gut an anderer Stelle erklärt wird.

Hoheward: Wer kapiert die Astronomie-Skulpturen?

Denn erst mit diesen Hintergrundinformationen wird klar, was man mit den astronomischen Hilfskonstruktionen anstellen und erkennen kann. Es kann nicht genug betont werden: Lese-Faulheit rächt sich hier, das zeigen eigene Erfahrungen, denn die Funktionalität besonders des Observatoriums wird man ohne Erläuterungen nicht verstehen und vor allem auch das ganze Ensemble nicht angemessen würdigen können. Ohne Erläuterungen hat man den Eindruck, als seien Säule und Bögen und Astronomie an den Haaren herbeigezogen verknüpft worden, um sie künstlich mit Bedeutung aufzublähen.

Hoheward: Pfusch an Skulptur-Bögen

Allerdings gibt es hier ein "kleines" Problem: Die Gipfel-Bögen sind nämlich seit 2009 wegen eines Risses abgesperrt. Seitdem wird gestritten, wer für den Pfusch verantwortlich ist.

Konsequenz: Besucher können sich nicht unterhalb der die Bögen gehen, so dass viele der Funktionalitäten gar nicht entdeckt und genutzt werden können. Beispiel: In der Mitte befindet sich ein tiefer liegendes Amphittheater, zu dem die Ebene, auf der die Bögen stehen, den perfekten Horizont bildet - und was man daraus alles erfahren kann, dazu mehr bei den Horizontalastronomen.

Traurig nur, dass die Situation festgefahren scheint und eine Lösung nicht in Sicht ist, passend zur allgemeinen Atmosphäre (der Halde, des Ruhrgebiets, ...).

Halde Hoheward: Schwermütige Blicke, große Gesten

Wie so viele "Neue Orte" im Ruhrgebiet drückt auch die Halde Hoheward aufs Gemüt, wirkt kahl und karg, aber auch wie ein einsamer Gigant - das haben die neuen Industriekulturlandschaftsarchitekten der Industriearchitektur der großen Stahl- und Kohlebarone abgeschaut: der Hang zum Theatralischen - überall im Revier finden sich sorgfältig angelegte Industrie-Kathedralen oder sonderbar urtümlich scheinende Orte, die wie die heiligen Plätze für altertümliche Rituale inszeniert sind: nicht ohne Grund wird das Observatoriums-Areal auf Hoheward als neuzeitliches Stonehenge des Ruhrgebiet bezeichnet. Ein Hang zur großen Gestik - die oft die inhaltliche Leere oder auch die schiere Notwendigkeit (irgendetwas muss man ja mit den brachliegenden ehemaligen Industrieflächen anfangen) verpacken hilft.

Infos zu Halde und Landschaftspark Hoheward

  • Landschaftspark/Halde Hoheward, Herten/Recklinghausen: Informationstechnisch ist die Halde Hoheward inzwischen praktisch aus dem Netz genommen - was es da an Offiziellem gibt, ist völlig veraltet oder aus dem Kulturhauptstadtjahr 2010.
  • Halde ist ein Tipp für Silvester!
  • Anfahrt/Parkplatz: Entweder Theodor-Körner-Straße an der Drachenbrücke oder besser an der Nordseite in Herten, Am Handweiser. ÖPNV: schwierig, der Bahnhof Recklinghausen-Süd ist etwa 1,5 Kilometer vom östlichen Rand entfernt.
  • Dort ebenfalls Imbiss-Café "Am Handweiser" mit günstigen Preisen, Biergarten, eigenen Angaben zufolge einer der besten Currywürste der Gegend und Eiern von Hühnern aus eigener Haltung - offensichtlich auch ein Fahrradtouren- und LKW-Pausentreff, das ist meist auch eine Empfehlung.
  • Ganz in der Nähe liegen Halde Hoppenbruch und Zeche Ewald.
  • Astronomische Führungen (am besten Herrn Morwae direkt kontaktieren!).
  • Astronomie: Horizontalastronomie. Recklinghausen hat auch eine Sternwarte!
Vera Kriebel, Vera Kriebel

Vera Kriebel - Themen: u.a. Wirtschaft, Technik, Literatur, Reisen, IuK, Politik, Kultur, Geistes- und Sozialwissenschaften Texte, Recherchen, ...

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