Eine der kürzesten Definitionen zur Unterscheidung der deutschen und österreichischen Lebensart kommt vom längst verstorbenen österreichischen Publizisten Hans Weigel: „In Deutschland steht an einer Tür das Schild: ‚Eintritt strengstens verboten’; in Österreich steht ein zweites Schild darunter: ‚Vorsicht Stufe!’“. Nichts charakterisiert ein Volk - bei aller Vorsicht vor Verallgemeinerungen - so gut wie seine Redensarten, wie eben „der Volksmund sagt“!
Lösungsorientierte Südländer
In Italien lernt man schnell den herrlichen Satz im Alltagsleben kennen und lieben und anwenden: „C’è sempre una via!“ Das heißt: Es gibt immer einen Weg und bedeutet auch, irgendeine Lösung werde sich schon finden lassen, und sei es am Rande der Legalität. Nur ein Beispiel eines Freundes: Er erwarb in der Toskana ein viele Jahrhunderte altes kleines Kastel, das unter strengen Denkmalschutz-Gesetzen stand. Ausgerechnet im obersten kleinen Dachgeschoss, das natürlich den schönsten Panorama-Blick bot, waren nur eine Art kleiner Schießscharten angebracht. Und man weiß bei Denkmalschutz: Keine Veränderung an der Außenfassade erlaubt! Eine Besprechung erfolgte beim italienischen Architekten, wie man denn etwas Licht in dieses Stockwerk bringen könne. Und eigentlich hätte er als echter Deutscher innerlich schon resigniert, da hörte er: „Aber ganz einfach: C’e sempre una via,“ sagte der Architekt, der übrigens praktischerweise auch im Gemeinderat saß, „wir sagen einfach, da war schon ein Fenster, das vor 200 Jahren zugemauert wurde und wir stellen nur den ursprünglichen Zustand wieder her!“ Spätestens da bestätigt sich der Eindruck: Im Norden lebt man vorschriftenorientiert, im Süden lösungsorientiert.
Sprichwörter werden auch in Sprachkursen gelehrt, aber besser von Einheimischen
Kein Wunder, dass Sprichwörter auch Einzug in die praktischen Sprachkurse gehalten haben. Man erhält positive Resonanz im Ausland, wenn man sie lässig, vorausgesetzt an der richtigen Stelle, anwendet. Aber Vorsicht, nicht einfach deutsche Redewendungen wörtlich übersetzen, was dann wieder zu Lacherfolgen führen kann. Noch besser ist das Lernen von Einheimischen, denn es gibt regionale Unterschiede, das gilt bei uns in Deutschland schon fürs Nord-Süd-Gefälle: Wer im Hannover-Osnabrück-Raum "danke" sagt, hört die – fast harsch klingende – Antwort „Da nich für!“ Diese kennt der Bayer nicht, da kommt an dieser Stelle: "Guit scho!" ("gilt schon"). Und nun vergleichen Sie mal 3.000 Kilometer weiter südlich das spanische „No hay de que“ – tja die Osnabrücker Wandalen müssen es gewesen sein, die hier ihre Spuren hinterlassen haben! Oder die Engländer mit ihrem „It doesn’t matter“?
Vorsicht Kulturschock
„Mañana” hört man kaum mehr in Spanien, dafür aber: „No te preocupes", wenn ein Problem auftaucht: Wörtlich: „Sorge dich nicht!“ Hakt man nach, wie es denn weitergehen solle, lautet die Antwort noch einmal: „¡No te preocupes!“ Und wenn man dann, schon leicht ungeduldig, einen Lösungs-Vorschlag verlangt, kommt wieder: „¡No te preocupes!“, und der Andalusier wendet sich achselzuckend ab, geht in den Feierabend und überlässt einen dem Problem.
Und so erinnert man man sich notgedrungen an die mindestens 700 Jahrhunderte maurisch-arabischer Wurzeln in Andalusien, die immer wieder als Fatalismus durchscheinen. Und eine andere Erinnerung kommt spontan hoch, jener eingängige, aber sehr einfach gestrickte Reggae-Song: „Don’t worry, be happy“ mit dieser gebetsmühlenartig wiederholten Behauptung. Es ist wohl kein Zufall, dass Reggae aus der Karibik kommt, die von den Spaniern erobert und jahrhundertelang kolonisiert war! Und so übersetzt man „no te preocupes“ am besten mit: „Mach Dir keine Sorgen, genieße lieber Dein Leben“.
