ReduFix: Fixierung von Demenzkranken vermeiden

Schulungsprojekt sensibilisiert und setzt Zeichen in der Altenpflege

Fixierungssystem - SEGUFIX-Bandagen, Das Humane System GmbH & Co. KG
Fixierungssystem - SEGUFIX-Bandagen, Das Humane System GmbH & Co. KG
Um Fixierungen in Pflegeheimen zu minimieren, werden Pflegekräften praktikable Alternativen gezeigt, Heimleitungen bei der Umsetzung eines Reduzierungskonzepts beraten.

Fixierungen in der Altenpflege als Missstand zu beklagen und gut gemeinte Appelle an die Akteure in der Pflege zu richten, dass allein genügt nicht. „Um zu erreichen, dass weniger Menschen in Senioreneinrichtungen in ihrer Freiheit eingeschränkt oder in ihrem Bewegungsdrang behindert werden, ist ein Umdenken nötig, ein neues Pflegeverständnis. Das wollen wir fördern und entwickeln“. So bringt die gelernte Altenpflegerin Nicole Osterholz, eine von rund 30 Mentoren/innen der ReduFix Praxis-Kampagne, die Ziele und Aufgaben des Projekts ReduFix auf einen Punkt.

Anderes Pflegeverständnis fördern

Ins Leben gerufen haben es Altenpflege-Experten wie Priv. Doz. Dr. med Clemens Becker vom Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart und Prof. Dr. Thomas Klie vom FIVE e.V. (Forschungs- und Innovationsverbund der Evang. Hochschule Freiburg Alter/Gesellschaft/Partizipation - Institut für angewandte Sozialforschung). Bislang wurden und werden drei Kampagnen der Initiative ReduFix seit 2004 unterstützt und gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend:

  • ReduFix-Projekt (2004 bis 2006):45 Altenpflegeheime aus Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen nahmen am Projekt teil, das mit Hilfe gezielter Interventionen freiheitsbeschränkende Maßnahmen bei demenzerkrankten Heimbewohnern verhindern oder reduzieren sollte, ohne sich negativ auf die Bewohner auszuwirken. Tatsächlich nahmen Fixierungen sowie Fixierungszeiten um jeweils rund 20 Prozent ab. Sowohl die Verletzungsrate als auch die Vergabe von Psychopharmaka blieben im gleichen Zeitraum konstant, im Bereich der fordernden Verhaltensweisen kam es sogar zu Verbesserungen.

  • ReduFix Praxis (2007 bis 2009):Das Folgeprojekt entstand, als klar wurde, wie groß das Interesse und der Bedarf an weiterer Vertiefung des Themas war - in Einrichtungen, bei Trägern, Angehörigen und verschiedenen Berufsgruppen (z.B. Betreuern). ReduFix Praxis bildete Multiplikatoren wie Nicole Osterholz aus, die bundesweit in Schulungen und Vorträgen Ziele, Inhalt und Haltung des Interventionskonzepts vermittelten.

  • ReduFix ambulant (2009 bis 2012):Das Forschungsprojekt untersucht, welche Formen freiheitseinschränkender Maßnahmen es in der in der häusliche Pflege und Betreuung gibt, wie häufig sie vorkommen, welche Hintergründe verantwortlich sind. Rund 70 Prozent aller demenzkranken Menschen werden zu Hause versorgt. Das Projekt ist zunächst örtlich begrenzt auf Frankfurt und den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald.

Handlungssicherheit durch umfassende Aufklärung

Wie kann man denn ein Umdenken fördern und in den Pflegealltag transportieren? Aus ihrer Sicht als Personaltrainerin und Krisenmanagerin im stationären Bereich versteht Osterholz den Überzeugungsprozess als den einfachen Teil ihrer Engagements: „Die Pflegekräfte sind froh, wenn sie durch Aufklärung der Faktenlage an Handlungssicherheit gewinnen. Schwieriger ist es, die Prozesse und Vorgaben nachhaltig im Pflegealltag zu verankern. Denn die oft ganz unterschiedlichen Beweggründe aller Beteiligten machen die Lage nicht einfacher, wenn es um die Entscheidung geht, einen Bewohner zu fixieren.“

Und da gibt es offenbar eine ganze Menge von Argumenten, die für eine Fixierung sprechen, diese aber keineswegs rechtfertigen:

  • Patientenorientierte Gründe: Eine stark eingeschränkte Bewegungsfähigkeit, Unsicherheiten beim Gehen, Stehen, Aufstehen (vom Stuhl oder aus dem Pflegebett) zusammen mit einer verminderten Sehfähigkeit erhöht das Sturzrisiko mit steigendem Alter und fortschreitendem Krankheitsverlauf einer Demenz.
  • Sozialorientierte Gründe: Das Verhalten eines Bewohners stört massiv das Leben der Mitbewohner, sie fühlen sich belästigt, werden angegriffen, sie oder deren Angehörige beklagen sich.
  • Personal- und organisationsorientierte Gründe: Das Pflegepersonal reicht nicht aus, um jeden einzelnen Bewohner so zu versorgen und zu betreuen, dass beispielsweise auf besondere Verhaltensweisen wie Aggressivität oder Weglauftendenz besser eingegangen werden kann.
  • Behandlungsorientierte Gründe: Eine Magensonde oder ein Katheter wird von demenzkranken Menschen, deren Einsichtsfähigkeit bereits stark vermindert, als störend empfunden. Die Gefahr ist deshalb groß, dass die Betroffenen daran herumfingern oder sie entfernen wollen. Ist eine Fixierung ärztlich angeordnet, so gilt sie meist nur für einen kurzen Zeitraum nach einem operativen Eingriff.

Häufig begegnet man in Pflegeheimen den aufgeführten Argumenten. Sie lassen sich jedoch dadurch entkräften, „dass es immer auch andere, meist praktikablere Lösungen gibt. Natürlich gibt es Einrichtungen der Altenpflege, in denen niemand fixiert wird“, betont Expertin Osterholz.

Praktikable Alternativen bieten

Einstellung und Selbstverständnis der Pflegenden und der Pflegeeinrichtung im Umgang mit Demenzkranken sind unterschiedlich ausgeprägt. Was sie aber eint, ist die Angst, von den Angehörigen eines gestürzten Bewohners rechtlich belangt zu werden wegen möglicher Verletzung der Fürsorge-, Aufsichts- oder Sorgfaltspflicht. Und das, obwohl es dazu eindeutige Grundsatzurteile gibt und allen bewusst sein muss, dass vorsorgliche Schutzmaßnahmen ohne konkrete Gefährdung unzulässig sind. Ist hier aber Klarheit geschaffen, dann können die professionell Pflegenden sicherer im Entscheidungsprozess auftreten, argumentieren und ihre Empfehlungen begründen und vertreten.

Unbestritten ist jedenfalls, dass in keiner Studie Vorteile nachgewiesen werden konnten, die aus einer Fixierung resultieren. Dagegen gibt es ein ganzes Bündel alternativer Maßnahmen, die sich positiv auf das Wohlbefinden und Verhalten von Bewohnern auswirken und eine Fixierung überflüssig machen. Weitere Informationen darüber, was Fixierung für Demenzkranke bedeutet.

Marion Seigel, (Foto: Martin Seigel)

Marion Seigel - Marion Seigel ist Fachjournalistin, PR-Beraterin und Referentin - sie betreibt das journalistische Handwerk, ...

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