Ihr Künstlername ist eine klare Ansage: Re.Fem steht für Revolta Feminina, die „feminine Revolte“. Geboren wurde Re.Fem als Janaína Oliveira in Duque de Caixas. Dort lebt sie immer noch, sofern sie ihr Kampf für Chancengleichheit und Respekt nicht ins nahe Rio oder ins südliche São Paulo führt. Wenn Re.Fem als Master of Ceremonies vor das Mirko tritt und ihren Ärger in Reime verpackt, dann klingt es authentisch. Denn sie ist schwarz und sie ist eine Frau – eine ausgesprochen ungünstige Kombination für soziale Anerkennung und beruflichen Erfolg, in Brasilien und im Rest der Welt.
Der Rap, eine der vier Säulen der Kultur des HipHop, ist in Brasilien ein guter Transporteur für sozialkritische Anliegen. Er kommt genau dort an, wo er hin soll: bei Menschen in der Peripherie und beim „bildungsfernen“ Publikum, das weder in Büchern schmökert noch Zeitungen liest. Und davon gibt es in Brasilien jede Menge.
Fernsehen und Volksbildung
Auch das Fernsehen ist ein beliebtes Mittel, um die Öffentlichkeit aufzurütteln. Effizient trägt es bei zur Volksbildung - und leider auch zur Volksverblödung. Re.Fem drehte vor drei Jahren die Dokumentation „Rap de Saia“ (Rap im Rock). Er fällt in die erste Kategorie, es ist die Geschichte der Rapperinnen im Bundesstaat Rio de Janeiro.
Die grundlegende Mission von Re.Fem lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Frauen, lasst euch das nicht gefallen. Wobei „das“ einen weiten Bogen spannt, er beginnt bei Benachteiligungen im Beruf und endet bei Gewalt an Frauen.
Harte Worte und ermutigende Appelle
„In „Rap de Saia“ dokumentiere ich die Laufbahn der Rapperinnen, ich zeige, wie sich der Frauen-Rap in den letzten 15 Jahren entwickelt hat und reflektiere so die gegenwärtige Situation der Frauen in Brasilien. Denn die Protagonistinnen sprechen brisante Themen an, Themen, die auch viele andere Frauen beschäftigen“, sagt Re.Fem im Interview. Über 30 Rapperinnen treten in dem 18 Minuten dauernden Film auf, ihre Worte sind frustrierend und ernüchternd, die Appelle dennoch ermutigend.
Sie stammen von Koryphäen wie Paula Diva, von Vertreterinnen der gegenwärtigen Generation wie Edd Wheller und von den ganz Jungen: die jüngste heißt Vitório und war beim Dreh neun Jahre alt. Die Frauen sprechen über die Situation am Arbeitsmarkt, über Rivalität zwischen den Rappern und unter den Rapperinnen, über Sexualität und über ihre Familien.
Frauen-Rap goes public
Bereits in den späten 1980er Jahren erkannten die ersten Brasilianerinnen das Potential des Sprechgesangs. Mit schnellen Beats und flotten Reimen traten sie an die Öffentlichkeit, sie rappten für Gleichberechtigung und gegen Gewalt. „Das Problem war“, so Re.Fem, „dass die Frauen so gut wie nie Plattenverträge bekamen. Ihre Arbeit war unsichtbar, sie wurde nicht honoriert. Frauen traten mal als Background-Sängerinnen auf oder assistierten den Sprayern, und das wars auch schon.“ Das sei inzwischen besser geworden, erklärt Re.Fem, auch das Medienecho auf „Rap de Saia“ hatte ihre Erwartungen übertroffen.
Selbst ist die Frau
Verbessert habe sich auch die Beziehung zu den Berufskollegen. HipHop sei zwar nach wie vor ein männliches Territorium, aber der Respekt gegenüber Frauen wachse: „Frauen sind heute unabhängiger als in den 1990er Jahren. Zugleich hat der HipHop immens an Popularität gewonnen. Immer mehr Frauen begeistern sich für den Rap oder für das Sprayen, sie werden selbst aktiv und werden von den Männern respektiert." Auch die technischen Entwicklungen, allen voran das Internet, sei den Frauen zugute gekommen. Re.Fem selbstbewusst: „Wir sind heute nicht mehr so stark auf das Gutdünken der Männer angewiesen. Wir drehen unsere eigenen Videos, produzieren unsere eigenen CDs und gestalten unsere eigenen Homepages.“
Inzwischen konnten auch schwedische Cineasten den Worten jener Frauen lauschen, die den Rap in Rio prägten: „Rap der Saia“ wurde beim Brasilianischen Filmfestival vorgestellt. Im November 2007 sollte die Doku auch die Basilianische Filmwoche in Berlin beehren, Re.Fem hatte eigens dafür warme Klamotten organisiert. Sie persönlich wollte ihr Werk vorstellen und sich danach den Fragen des Publikums stellen. Doch daraus wurde nichts, die brasilianischen Sponsoren sprangen im letzten Moment ab. Und aus eigener Tasche einen Flug nach Deutschland bezahlen, das ging nicht. Die Künstlerin demonstriert brasilianische Gelassenheit: „Vielleicht klappt es ja heuer.“
