Reformen im Bildungssystem

Schule braucht mehr „Nutzer-Orientierung“

Psychologische und sozialpädagogische Beratungsfachleute sollen die Arbeit der Lehrkräfte unterstützen. Interview mit Prof. Klaus Hurrelmann zu Reformen im Bildungssystem

Das deutsche Bildungssystem muss reformiert werden. Mitunter ist zu hören, dass dies nur schwer in Gang kommt, weil an den entsprechenden Schaltstellen ehemalige Lehrer sitzen. Was bringt den Reformprozess vorwärts, der Blick von außen oder die Erfahrung der Praktiker, sozusagen aus dem Innern des Systems?

Ich würde schon dabei bleiben, dass Lehrerinnen und Lehrer im Schulsystem die führende professionelle Gruppe sind. Allerdings würde ich neben diese Gruppe weitere Berufsgruppen stellen - Menschen, die eine Hilfsfunktion übernehmen und den Lehrkräften zur Hand gehen könnten, so genannte „teaching assistants", mit einer eindeutig den Lehrkräften zugeordneten Funktion. Wir haben zu wenig Menschen, die administrative Arbeiten übernehmen, zu wenige, die Tests übernehmen, mit denen ich messen kann, was der Schüler kann, was nicht, wo seine Stärken und Schwächen sind, welches Profil im Sozialbereich er hat. Letztlich all das, was jede Lehrkraft für einen guten Unterricht braucht. Wir haben zu wenig psychologische und sozialpädagogische Beratungsfachleute wie z. B. Pflegekräfte, möglicherweise Ärzte, Psychotherapeuten. Sie alle gehören mit in die Schule hinein und müssen die Arbeit der Lehrkräfte assistieren. Es gilt, die schulische Arbeit in den verschiedensten Dimensionen anzureichern, auszuweiten, sodass sie nicht wie heute nur eine reine unterrichtliche Trainingsarbeit ist.

Sind Ihnen Schulen bekannt, die das gerade Geschilderte schon umsetzen?

Es gibt eine ganze Menge von Schulen, die sich darum bemühen, vor allem Schulen, die einen hohen Selbständigkeitsgrad haben. Sie haben ihr eigenes finanzielles Budget, sie können die Stellen von Lehrkräften besetzen, sie können aber auch einige offen lassen und mit Fachleuten aus anderen Berufsgruppen besetzen. Sie können sich Assistenzen holen, sie können Kontakte in die Gemeinde, in die Unternehmen, in die Wirtschaft hinein knüpfen, sie können ihr eigenes fachliches Profil etablieren, sie können ihre Unterrichtsphilosophie, ihre pädagogische Arbeit entsprechend selbst bestimmen. Und dadurch können sie sich auf ihre Klientel gezielt einstellen, nämlich auf die Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern, an die man immer mitdenken muss. Darin liegt die Chance: über die Selbständigkeit den Wechsel des pädagogischen Arbeitens hin zu einer „Nutzer-Orientierung" oder „Klienten-Orientierung", zu einer, wie die Amerikaner sagen „people processing organisation". Immer dann, wenn man einer Schule die Möglichkeiten gibt, sich wirklich auf ihre Klientel einzustellen, kann sie diese Arbeit besser erfüllen als wenn sie in ein festes Korsett hineingepresst ist.

Was genau bedeutet „Nutzer-Orientierung" in diesem Zusammenhang?

Die Schule ist ein soziales Gebilde, ein Gemeinschaftsgebilde, in dem die Schülerin/der Schüler nicht als eine feste, fixierte Person erscheint sondern als eine sehr formbare, noch voll in der körperlichen, psychischen, intellektuellen und sozialen Entwicklung befindlicher Mensch. Die Jugendlichen möchten sich entwickeln und suchen, sie sind hungrig nach Impulsen für ihre Entwicklung. Die Kunst der Schule besteht darin, diese Impulse so zur Verfügung zu stellen, dass sie adressatengerecht sind, dass sie den Bedürfnissen und Interessen dieser Kinder und Jugendlichen entsprechen. Die Formel aus der pädagogischen Alltagswelt finde ich sehr gut „die Schüler da abholen, wo sie stehen", sie dann aber an die Hand nehmen, sie locken und zu einer Entwicklung bringen, die sie sich selbst vielleicht so niemals hätten erschließen können. Das ist die Aufgabe der Schule als eines pädagogischen Anregungs-, Anleitungs- und Anerkennungssystems. Diese drei Schritte: der Anleitung, der Anregung und der Anerkennung sind für solche Erziehungsprozesse von riesiger Bedeutung. Wenn eins davon fehlt, kann der Prozess nicht gelingen.

Die Zahl der Absolventen ohne Abschluss ist seit 1992 um mehr als 30% gestiegen. Gehen Sie - nach Ihren Befunden aus der Shell-Jugendstudie und der World-Vision-Kinderstudie - davon aus, dass diese Zahl noch weiter ansteigen wird, wenn sich im deustschen Bildungssystem nichts ändert?

Man kann gegenwärtig so schlecht unterscheiden, ob diese hohen Zahlen etwas damit zu tun haben, dass die schlechten Ausbildungs- und Arbeitsmarktzahlen auf das Schulsystem einströmen. Man muss sich das nur einmal vorstellen: An einer Hauptschule hören die Schüler schon im 8. oder 9. Jahrgang: „Unsere Abschlussklasse von diesem Jahr hat sich um Arbeitsplätze und Ausbildungsplätze bemüht, und ungefähr fünf von den 90 Absolventen haben etwas bekommen, die anderen sind leer ausgegangen". Das schlägt natürlich jede Motivation kaputt, denn wozu ist die Schule da? In den Augen der meisten Eltern ist sie eine Institution, die trainiert, die bildet und Kompetenzen entwickelt, damit man schließlich eine berufliche Tätigkeit aufnehmen kann. Wenn dann aus dem Beschäftigungssystem die Nachricht kommt: „Wir brauchen sowieso nur 80 % von euch", dann erstickt das natürlich auch die letzten Reste von pädagogischer Motivation bis hin in die Lehrerschaft, die an den entsprechenden Schulen tätig ist.

Deswegen ist das so schwer zu trennen von der Frage, ob die Schulen auch unter solchen Umständen, wie wir sie jetzt so lange schon haben, überhaupt ein besseres Ergebnis erzielen können. Ich würde immer unterstellen, dass die Lehrerkollegien ebenso wie die Schülerinnen und Schüler und die Eltern sehr früh demoralisiert werden durch diese allen präsente Großwetterlage im Beschäftigungssystem.

Die Shell-Jugendstudie zeigt ganz deutlich: 50 % der jungen Leute geben zu Protokoll, dass sie Angst davor haben, später keinen Ausbildungs- und keinen Arbeitsplatz zu bekommen! Das bedeutet, weit über die statistischen 20 % hinaus wirkt diese Unsicherheit auch in die Gruppen hinein, die eigentlich ganz gut dastehen und bisher ganz vernünftig in ihrer Schullaufbahn abgeschnitten hatten. Die World-Vision-Kinderstudie zeigt, schon etwa ein Viertel der Grundschulkinder geben zu Protokoll, dass sie sich überhaupt nicht zutrauen, mal in eine anspruchsvolle weiterführende Schule zu gehen. Dieses „sich selbst Aufgeben", weil man den Eindruck hat, es wird einem keine Chance gegeben, ist ein überlagernder Faktor. Und Schulen aufzufordern oder zu erwarten, dass sie gegen diesen überlagernden Faktor angehen können - ich glaube, das ist nicht möglich.

Annelie Otte, Annelie Otte

Annelie Otte - Ich habe Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste, Berlin, studiert und im Anschluss in einer ...

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