
- Krimi schreiben: Regeln für den klassischen Krimi - RainerSturm /pixelio.de
Der moderne Kriminalroman kann auf etwa 150 Jahre Geschichte zurückblicken. Das Goldene Zeitalter des klassischen Kriminalromans dauerte ungefähr von 1920 bis1950 und aus dieser Zeit stammen auch die Regeln für einen traditionellen Whodunit.
Was versteht man unter einem klassischen Krimi?
Im Englischen spricht man von "the orthodox detective story", wenn man das meint, was bei uns als klassischer Krimi bezeichnet wird. Klassisch ist in diesem Fall also keine "Epochen"-Bezeichnung, sondern ein Gattungsbegriff. Der klassische (oder auch traditionelle) Kriminalroman, wie er bereits von E.A. Poe und Arthur Conan Doyle verfasst wurde, ist bis heute eine gängige Form des Kriminalromans. Er folgt einem bestimmten Muster, das man schon in den 1920er Jahren versuchte, in einigen wenigen Punkten zusammenzufassen.
S. S. Van Dine und R. A. Freeman: erste Versuche, Regeln für einen Kriminalroman aufzustellen
Unter dem Pseudonym S. S. Van Dine schrieb der Literatur- und Kunstkritiker Willard Huntington Wright (1888–1939) seit 1926 Kriminalromane. Sein Held Philo Vance war seinerzeit der bekannteste amerikanische Detektiv, dem erst in den 1940er Jahren Chandlers Philip Marlowe den Rang ablaufen sollte. Wright war der erste, der versuchte, die wesentlichen Merkmale eines Kriminalromans zusammenzufassen. An vorderster Stelle stand für ihn Fairness dem Leser gegenüber. Dieser sollte immer auf dem gleichen Informationsstand sein wie der Detektiv, um ihm ein Mitraten und Mitlösen des Falles auf gleichem Niveau zu ermöglichen. Der Plot sollte nach den Gesetzen der Logik aufgebaut sein. Liebesgeschichten im Plot hielt er indes für überflüssig.
Der Kriminalschriftsteller R. Austin Freeman und sein Held Dr. Thorndyke sind heute leider fast in Vergessenheit geraten. Auch Freeman befasste sich mit der Theorie des Krimis und schrieb 1924 einen Aufsatz über die Abgrenzung der detective story von der crime story: Erstere solle "intellectual satisfaction" gewährleisten, während letztere beim Leser mehr das Bedürfnis nach Action und Abenteuer befriedige.
Ronald A. Knox und seine "10 Regeln für einen fairen Kriminalroman"
Ronald A. Knox, römisch-katholischer Priester und Kriminalschriftsteller, veröffentlichte 1928 seine berühmten "10 Commandments of Detection" ("Die zehn Regeln für einen fairen Kriminalroman"). Auch für ihn ist das Fairplay dem Leser gegenüber wichtig. Die zehn Regeln nach Ronald Knox lauten frei übersetzt etwa folgendermaßen:
- Der Verbrecher muss bereits am Anfang der Geschichte erwähnt werden, darf aber niemand sein, dessen Gedanken der Leser folgen durfte.
- Alles Übersinnliche oder Übernatürliche ist untersagt.
- Es soll nicht mehr als ein Geheimgang vorkommen.
- Weder sollen bislang unbekannte Gifte zum Einsatz kommen noch irgendeine Verabreichungsform, die am Ende der Geschichte einer langen wissenschaftlichen Erklärung bedarf.
- Es sollen keine Chinesen in der Geschichte vorkommen.
- Weder Zufälle noch Intuition sollen dem Detektiv helfen, den Fall aufzuklären.
- Der Detektiv darf nicht der Täter sein.
- Der Detektiv soll keinen Spuren folgen, die der Leser nicht kennt.
- Der einfältige Freund des Detektivs, der Watson, soll nichts verheimlichen, was ihm durch den Kopf geht. Sein Intelligenzquotient soll leicht, aber nur ganz leicht, unter dem des Lesers liegen.
- Zwillinge oder Doppelgänger sollen nicht auftauchen, ohne dass der Leser darauf vorbereitet wurde.
Der Londoner Detection Club
Im gleichen Jahr, in dem Knox seine Regeln aufstellte, gründete er zusammen mit Agatha Christie, Dorothy L. Sayers und einigen anderen Kriminalschriftstellern den Londoner Detection Club, dessen erster Präsident G. K. Chesterton wurde. Mitglied des noch heute existierenden Clubs kann man nur auf Empfehlung werden – und wenn alle anderen Clubmitglieder mit dem Neuzugang einverstanden sind.
In diesem exklusiven, relativ kleinen Kreis von Kriminalautoren standen seit jeher bei Dinner Meetings die Ansprüche an einen guten Kriminalroman auf dem Prüfstand. Die Grundlage des Clubs waren die Regeln, die Knox 1928 verfasst hatte, und auf die die Clubmitglieder einen Eid, schwören mussten, sie einzuhalten. Dieser feierliche Eid des Detection Club, verfasst von Dorothy L. Sayers, forderte unter anderem, dass "göttliche Offenbarung, weibliche Intuition, fauler Zauber, Hokuspokus, Zufall oder ein Akt Gottes" nie bei der Aufklärung eines Falles beteiligt sein sollten. Knox' Regeln, die aus heutiger Sicht eher skurril wirken, wurden von den Mitgliedern des Londoner Detection Club mehr oder weniger eingehalten. Dorothy L. Sayers brach die Regeln in all ihren Krimis nie.
Quellen:
- Ulrike Leonhardt: Mord ist ihr Beruf. Eine Geschichte des Kriminalromans. München 1990.
- http://www.ronaldknoxsociety.com/
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