Spaß am Lernen, Optimismus und Kreativität sollen eine kindgerechte Erziehung gewährleisten. Die Reggio-Pädagogik will genau das leisten und richtet den Fokus auf die Identität eines jeden Kindes. Das Bild vom Kind zeichnet sich durch Offenheit und Optimismus aus. Jedes Kind bringt viele Fähigkeiten und vor allem Neugier und Energie mit. Daher wird davon ausgegangen, dass Kinder verstehen wollen und zwar selber verstehen wollen. Freiheit und Zeit sind dabei ihre wichtigsten Rechte. Sie sind Voraussetzung dafür, dass eine selbstständige Entwicklung stattfinden kann.
Es lebe die Vielfalt
Identität entsteht nach der Reggio-Pädagogik aus dem ständigen Austausch mit der Umwelt heraus, es handelt sich hierbei um einen stetigen Entwicklungsprozess. So sind Kinder gleichzeitig vollkommene und sich entwickelnde Menschen. Da die Gesellschaft von Vielfalt und verschiedenen Kompetenzen profitiert, wird Individualität großgeschrieben. Dieser soziale Aspekt ist nicht wegzudenken, schließlich handelt es sich beim Menschen um ein Gemeinschaftswesen.
Der Lernprozess
Da jeder Mensch anders ist, gibt es auch verschiedene Wahrheiten und verschiedene Arten, die Welt zu sehen. Dennoch läuft Lernen nach einem bestimmten Schema ab: Die Prozesse Wahrnehmung, Reflexion, Aktion und Kommunikation folgen aufeinander. Zuerst muss eine emotionale Bindung zum Objekt von Interesse aufgebaut werden, denn nur Dinge, die einem am Herzen liegen, werden gut und gerne gelernt. Die Kinder in Reggio-Einrichtungen dürfen daher frei wählen, mit welchem Thema sie sich gerade beschäftigen wollen. Die KiTas organisieren dann Projekte, die sich auf das kindliche Interesse, direkte Erfahrungen und konkrete Erlebnisse beziehen. Nach der Phase des Nachdenkens wird dadurch die aktive und kreative Auseinandersetzung mit einem Thema gefördert. Mit Kommunikation ist dann sowohl der sich beschäftigende Dialog mit dem aktuellen Projekt als auch der Austausch mit anderen Kindern oder Erwachsenen über dieses gemeint. Vor allem die Gewinnung alltagsbezogener Fertigkeiten sowie das Erlangen von Selbst- und Umweltverständnis stehen hierbei im Mittelpunkt.
Ein neues Bild vom Erzieher
Die KiTas schaffen die Rahmenbedingungen für die Projekte. Dabei wird die Rolle des Erziehers neu definiert: Als Begleiter soll er eine Atmosphäre des Wohlfühlens und des Vertrauens als Voraussetzung für Entfaltung schaffen. Durch Beobachten und Zuhören wird er zum Zeugen. Die Projekte werden genau dokumentiert, um die Entwicklung der Kinder jederzeit nachvollziehbar zu machen. Die dritte Aufgabe des Erziehers ist die des Forschers. In Zweier-Teams werden die Beobachtungen interpretiert, um herauszufinden, welche Impulse und Ressourcen jedes Kind gerade braucht.
Da der direkte Einfluss abnimmt, gehört viel Vertrauen in die kindlichen Fähigkeiten zu dieser Erziehungsform. Die klassische Erzieherrolle muss abgelegt werden, um für die nötige Freiheit und Zeit sorgen zu können. Die Eltern werden als Fachleute ihrer Kinder in Bezug auf deren Biografie, Vorlieben und Gewohnheiten sowie Stärken und Schwächen direkt mit eingebunden. So sind Reggio-Einrichtungen als „Häuser für Familien und Kinder“ konzipiert.
Der Raum als dritter Erzieher
Eine weitere wichtige Rolle spielt der Raum als sogenannter "dritter Erzieher": Seine Aufgaben sind es, für Geborgenheit und gleichzeitig Herausforderung zu sorgen. Es gibt eine klare Einteilung in Funktionsräume (etwa Bastel-, Spiel-, Schlaf-, Speiseraum, Außenbereich). Einerseits werden Rückzugsmöglichkeiten, andererseits viele Gegenstände mit Aufforderungscharakter als Ressourcen und Impulsgeber angeboten. Hierbei kann es sich um Bastelmaterialien, Spiele, Verkleidungen, Spiegel oder Turngeräte handeln.
Die Raumgestaltung ist durch Offenheit gekennzeichnet. Es gibt viele Fenster und Glastüren und keine verschlossenen Räume (Toiletten einmal ausgenommen). Zum Wohlfühlcharakter gehört auch, dass die Kinder die Räume aktiv mitgestalten. Hier sind vor allem die „Sprechenden Wände“ zu nennen, an denen durch selbstgemalte Bilder, von den Erziehern gesammelte Aussprüche der Kinder, Fotos und kurze Texte die Projekte dokumentiert werden.
Die weltweite Verbreitung der Reggio-Pädagogik
Obwohl es keine Studien darüber gibt, ob Reggio-Kinder sich besser oder schlechter entwickeln als Kinder aus anderen Kindergärten, findet man mittlerweile auch außerhalb der Gründungsstadt Reggio-Emilia viele von dieser Erziehungsphilosophie beeinflusste Einrichtungen. Einerseits wird durch Kongresse und Ausstellungen viel internationale Öffentlichkeitsarbeit geleistet, andererseits kann das Konzept flexibel an verschiedenste kulturelle und gesellschaftliche Vorstellungen angepasst werden. 1991 wurde die Reggio-Pädagogik von der amerikanischen Zeitschrift Newsweek sogar als „beste vorschulische Institution der Welt“ ausgezeichnet.
Ein Beispiel für eine deutsche Einrichtung mit Reggio-Bezug, ist der Kindergarten des Landweg e.V. in Prignitz.
Quellen:
- Kindergartenpädagogik.de
- R. Jaszus, I. Büchin-Wilhelm, M. Mäder-Berg, W. Gutmann: Sozialpädagogische Lernfelder für Erzieherinnen, S. 124-150, Holland & Josenhans Verlag
- eigene Recherche
