
- Eines der Symptome der neuen Grippe ist die Angst - Luise Wagner
Geschäfte mit der Angst sind lukrativ. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 fuhren Sicherheitsfirmen und Versicherer jahrelang Gewinne ein. Heute sorgt die Bedrohung des H1N1-Virus und die Angst vor der Schweinegrippe für volle Kassen bei spezialisierten Unternehmen.
Mit der Ausbreitung der Grippe zu einer Pandemie haben alle 194 Staaten in großem Stil vorgesorgt und Medikamente für den Notfall auf Vorrat bestellt oder gekauft. Deutschland hat bereits 50 Millionen Dosen Tamiflu (Oseltamivir) bestellt, womit 30 Prozent der Menschen versorgt werden sollen. Nach langem Streit über die Übernahme der Kosten für die Impfungen hat man sich geeinigt: gesetzliche Krankenkassen und der Bund werden sich die bis zu 1 Milliarde teure Impfaktion teilen. Vorerst sind keine Erhöhungen der Beiträge vorgesehen. Wenn sich jedoch mehr als die Hälfte der Bürger impfen lassen wollen, werde der Staat mit Steuermitteln einspringen, sagte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD).
Jeder neue Grippefall bringt Gewinne
Die weltweite Nachfrage nach den antiviralen Medikamenten zur Vorsorge und Behandlung der Grippe bedeutet für Pharmafirmen Umsatzsteigerungen für die nächsten Jahre. Gewiefte Wirtschaftsberater empfehlen Anlegern nun, in diese Sparten zu investieren. So lässt sich das Geschäft mit der Angst in bare Münze umwandeln. Kommt die Grippe, steigen die Aktien. Und mit den wachsenden Zahlen der Erkrankten – das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) rechnet pro Tag mit 400 bis 600 neuen Schweinegrippe-Fällen in Deutschland – steigen die Gewinne.
So empfehlen Finanzberater der GeVestor Financial Publishing Group, ein Netzwerk aus über 50 Analysten und Redakteuren, die im Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG organisiert sind, den Kauf von Aktien von Pharmaunternehmen, die im Zuge der Grippewelle Profite ansammeln werden. Die Berater erklären in ihrem Online-Newsletter Nebenwerte-aktuell wie der Anleger mit dem Kauf von so genannten Nebenwerten von der Grippewelle profitieren kann.
Empfohlen werden kühlen Köpfen in den fiebrigen Zeiten die Aktien folgender Unternehmen:
- Roche (Tamilflu-Hersteller aus der Schweiz)
- Geratherm (Thermometer aus Thüringen)
- Pharmavertrieb Andreae-Noris Zahn AG (ANZAG) aus Frankfurt/Main
- 3 M (Hersteller von Atemschutzmasken, USA).
Profite durch Grippemittel, Mundschutz, Thermometer und Testverfahren
Dass der Tamiflu-Produzent Roche von der Schweinegrippe profitiert, war trotz der Zwischenmeldung über Resistenzen gegen das Grippemittel, zu erwarten. Denn der Umsatz mit Tamiflu verdreifachte sich auf 1,01 Mrd. Franken, weil Regierungen und Unternehmen ihre Lager aufstocken. Roche will wegen der weltweiten Nachfrage die Produktion hochfahren, um bis Anfang 2010 bis zu 400 Millionen Packungen jährlich liefern zu können. Der Wirkstoff Oseltamivir wurde übrigens auch für die Bekämpfung der Vogelgrippe eingesetzt. Auch der britische Pharmahersteller GlaxoSmithKline arbeitet mit Voldampf an den Regierungsaufträgen: Glaxo kündigte an, bis Ende des Jahres das Grippemedikament "Relenza" auf 190 Millionen Dosen pro Jahr zu verdreifachen. Die Analysten rechnen allerdings damit, dass sich der weltweite Run auf den Impfstoff erst Ende des Jahres in den Bilanzen niederschlagen wird.
Der Großhändler Anzag könne aus Sicht der Berater von einer anstehenden Verbreitung der Schweinegrippe profitieren, weil der Gesellschaft die logistische Aufgabe der Medikamentenbelieferung im Falle der Ausbreitung der Krankheit zufallen.
Auch Thermometer würden in den nächsten Monaten mit Sicherheit größeren Absatz finden, argumentieren die Analysten weiter. Dies gilt für die Schweinegrippe wie auch für jede andere Erkältungskrankheit, die in der kalten Jahreszeit vermehrt auftritt.
Der amerikanische Multitechnologiekonzern 3M hat im letzten Quartal mit dem Verkauf von Atemschutzmasken die Schätzungen der Finanzexperten übertroffen und wird jetzt als früher Profiteur des Aufschwungs gefeiert. Aus Sicht des Online-Börsendienstes Motley Fool hat das Unternehmen aus Minnesota trotz der Krise „ein ziemlich beeindruckendes Ergebnis“ hingelegt. Das Investmenthaus Zacks bewertete die Aktie in einer Ersteinschätzung als Kauf.
Fragwürdige Moral der Finanzberater
Einigen Finanzberatern ist offenbar das eigene Handeln etwas befremdlich, doch schützt dies nicht vor Profitgier. So schreibt GeVestor-Berater Christoph Schnabel in seinem Newsletter zum geheimen Treffen der Börsianer in München: "Wer in der Krise verdient, macht sich unbeliebt. Verdächtig sogar. Darum ist eines überlebenswichtig: Radikale Exklusivität." Exklusive Informationen könnten den Abbonenten zugänglich werden, wenn sie dem "inneren Kreis" von Informierten beitreten und Finanzberatungen der Analysten folgen.
Da Analysten Zahlen lieben, werden die steigenden Zahlen der Erkrankten im exklusiven Rundschreiben wie Quartalsberichte päsentiert: "In Europa steht Deutschland mit über 6.000 gemeldeten Schweinegrippe-Fällen auf Platz 2, hinter England mit über 11.000 gemeldeten Fällen. Auf Platz 3 folgt Spanien mit 1.500 erkrankten Personen (Stand: Ende Juli 2009)."
Letztlich spiegelt sich aus Investorensicht ein Anstieg der Krankheitsfälle positiv im Börsenbarometer wieder. Wenn ab Herbst bis zu 35 Millionen Bundesbürger gegen die Grippewelle geimpft werden, bleibt das Thema in den Nachrichten und sichert so zugleich das weitere Interesse an Aktienkäufen.
