Welche Rolle soll die Ethnologie künftig spielen? Neuere Forschungsansätze, wie sie seit den 1960er Jahren entstanden sind (Dimitrova 2009a) bieten auf diese Frage zwar mögliche, aber keine erschöpfenden Antworten. Denn zum einen ist die Wiedergeburt des Ethnologen in Gestalt des sog. "Action Anthropologist" naiv und blauäugig, zum anderen ist die Programmatik anderer Ansätze (Interpretative Ethnologie, Symbolische Ethnologie, etc.) nicht einzigartig genug, um tatsächlich eine Neuausrichtung des Fachs zu begründen. Was zunächst den "Aktionsethnologen" angeht, so ist es wohl ein frommer Wunsch zu glauben, dieser könne - wie weiland Siegfried mit der Tarnkappe - gleichzeitig da und nicht da, aktiv und passiv sein. Max Weber hat zu der soziologischen Kategorie "Sozialen Handelns" weise genug auch das Unterlassen eigener Handlungen oder Dulden fremder Handlungen gezählt (Weber, 1972: 11). Der Aktionsethnologe möchte gerne von den Menschen lernen, die er gerade besucht, mit ihnen gemeinsam versuchen, ihre Lebenssituation zu verbessern, ihnen in Form seines Wissens und seiner Fertigkeiten vielleicht sogar etwas zurückgeben - sich aber an maßgeblichen Entscheidungen nicht beteiligen (Dimitrova 2009b). Das setzt jedoch voraus, dass Entscheidungen von einer einzigen juristischen Person getroffen werden, von einem einzigen Agens. Hier "der Stamm", der mit einer Stimme spricht; dort "der Aktionsethnologe", der abseits hockt und politically correct abwartet, bis und wie der Stamm entschieden hat. Dieses Szenario ist weltfremd. Stattdessen zerfällt jede menschliche Gesellschaft in ein komplexes System sich ausschließender und ergänzender Interessen. Spreche ich mich für eine Alternative aus, entscheide ich mich gegen die andere. Enthalte ich mich, dulde ich dennoch stillschweigend die eine verwirklichte Alternative der Entscheidung auf Kosten der anderen. Kurz: Der Aktionsethnologe entscheidet mit, ob er will oder nicht. Er kann aber die Konsequenzen seines Handelns überhaupt nicht vorhersehen. Die Ethik der Aktionsethnologie ist die Ethik des Spießers, personifiziert in der Figur des Onkel Nolte in der Frommen Helene von Wilhelm Busch: "Das Gute ist stets das Böse, das man lässt." Was aber ist das "Böse"?
Daß andererseits "die Betroffenen" nun "selbst zu Wort kommen", daß tatsächlich ein Dialog zwischen "Untersuchten" und "Untersucher" an die Stelle des olympischen Erzählens getreten sei, ist so neu nicht, wie immer behauptet wird, und schon gar nicht auf bestimmte Forschungsparadigmen wie die Interpretative Ethnologie beschränkt. Denn natürlich kommen "die Betroffenen" auch in Arbeiten der analytischen Ethnologie zu Wort. Wie sollte ernsthafte empirische ethnologische Forschung denn sonst aussehen? Auf der anderen Seite ist die Rekonstruktion materieller Konsequenzen sozialen Handelns als "kulturellen Text", den man interpretieren und am Ende vielleicht sogar verstehen könne, keine Alternative zu der Erklärung einer historischen oder kulturellen Situation: zum einen ist der Unterschied zwischen Erklären und Verstehen nicht so groß, wie gelegentlich behauptet wird, zum anderen liegt in der Rekonstruktion der materiellen Folgen sozialen Handelns als "kultureller Text" ein gewisser Zynismus, geht jedenfalls an der tatsächlichen Lebenswelt der untersuchten Menschen vorbei. Es ist l'art pour l'art. Und was das wichtigste ist: das grundsätzliche Dilemma ethnologischer Forschung - entweder exklusive Meinung, biographische Augenblickserfahrung des Einzelnen zu bleiben oder dem Vorwurf des Eurozentrismus ausgesetzt zu sein - ist dadurch nicht gelöst. Vielmehr hat sich die ethnologische scientific community lediglich einer Seite des Dilemmas zugeneigt. Ein Dilemma ist aber dadurch charakterisiert, dass beide Seiten gleich schlecht sind.
Was bleibt?
Während also die Krise der Ethnologie durch die Reinterpretation soziokultureller Phänomene als kultureller Text zwar eine interessante Behandlung, aber keine grundsätzliche Lösung erfährt, erfährt die Ethnologie von anderer Seite Konkurrenz. Politologen, Historiker, Soziologen, Journalisten und Wirtschaftswissenschaftler tummeln sich in den Ländern, die vormals bevorzugtes Reiseziel von Ethnologen waren. Oft genug entstammen diese ForscherInnen genau den Nationalstaaten, in denen ethnologische Studien durchgeführt werden. Oftmals sprechen diese Wissenschaftler sogar die Sprache der untersuchten Menschen fließend und sind mit deren Kultur schon am Beginn der Forschung vertrauter als die EthnologInnen aus dem fernen Übersee. Die Publikationen solcher WissenschaftlerInnen machen deutlich: Der Blick der Ethnologie ist nicht mehr privilegiert.
Kurzum: Der Ethnologe qua Ethnologe ist ein Auslaufmodell. Den Ethnologen, der uns sagt, wie "es draußen ist", den braucht niemand mehr, und wenn er noch gebraucht wird, dann nur noch als Historiker seiner eigenen Wissenschaft. Wofür? Um den ethnologisch interessierten und versierten Historiker und Sozialwissenschaftler, Politiker und Volkswirtschaftler, Juristen und Mediziner eine Richtschnur für ihre Forschungen in einer global vernetzten Welt an die Hand zu geben; um ihnen zu zeigen, was es auf sich hat mit der "kulturell fremden Gesellschaft". Und vielleicht werden Einführungen in die humanitas irgendwann ein Kapitel enthalten, welches beginnt: "Die Ethnologie erzählte von der Fremde und den Menschen, die dort leben. Sie erzählte von Penisfutteralen, bunten Federkronen und grausamen Mythen. Vom Inzest. Von der Heirat zwischen Ego und Mutterbruderstochter. Von der Scherzbeziehung. Vom Schadenszauber. Von der Jagd auf die Robbe und die Antilope. Davon, wie deren Fleisch verteilt wurde. Und wie wichtig dabei Verwandtschaft war. Und wie fremdartig all das war, wie seltsam und wunderbar..."
Weber, M. 1972: Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen: Mohr
Dimitrova, D. 2009a: Krise der Ethnologie. http://www.suite101.de/content/krise-der-ethnologie-a57088
Dimitrova, D. 2009b: Aktionsethnologie. http://www.suite101.de/content/aktionsethnologie-a57302
