Reise ans Ende der Nacht – ein Roman von Louis-Ferdinand Céline

Naked fear.war 2 - Gerd Altmann/the BernFiles
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Louis-Ferdinand Céline ist nach Marcel Proust der meist gelesene und anerkannte Schriftsteller Frankreichs. Er schrieb den "hässlichsten" Roman der Welt.

Louis Ferdinand Céline (1894-1961 Nordfrankreich) war ein französischer Schriftsteller und praktischer Arzt. Nachdem er im Ersten Weltkrieg schwer an Kopf und Armen verwundet wurde, entwickelte er eine Angstpsychose und sein Arm war zum Teil gelähmt. Ab 1925 reiste Céline im Auftrag des Völkerbundes als Seuchenspezialist quer durch Amerika, Europa und Afrika. Ab 1936 entwickelte er Psychose ähnliche antisemitische Gedanken, die er in Pamphleten zum Besten gab, wurde deshalb 1944 zum Tode verurteilt und floh nach Deutschland. Ab 1952, wieder zurück in Frankreich, und nachdem er begnadigt wurde, arbeitete er bis zu seinem Tode als praktischer Arzt und behandelte hauptsächlich mittellose Patienten.

Der Protagonist des Romans "Reise ans Ende der Nacht" erinnert stark an den Autor

Reise ans Ende der Nacht ist zu einem großen Teil autobiographisch gefärbt. Céline schrieb dieses Buch zwischen 1928 und 1932, beendete es im 39. Lebensjahr. Der Protagonist Ferdinand Bardamu erzählt in der Ich-Form über sein Leben als Kriegssoldat und danach als Arzt, sowie über seine Reisen nach Afrika, Amerika und Europa. Zunächst geht es um die Sinnlosigkeit, Brutalität und Lächerlichkeit des Krieges im Allgemeinen, wobei immer wieder philosophische und reflektierte Sätze darüber im Handlungsgeschehen einfließen:

„Wer hätte vorhersehen können, bevor er wirklich in den Krieg kam, zu was allem die dreckige, heldenhafte und träge Seele des Menschen imstande ist?“

„Also kein Irrtum? Dass wir hier aufeinander schossen, einfach so, ohne einander auch nur zu sehen, das war nicht verboten? Es gehörte zu den Dingen, die man tun darf, ohne einen Anschiss zu riskieren. Anerkannt war es sogar, empfohlen von ernsthaften Leuten, wie Loseziehen, Verlobungsfeiern, Treibjagden!“

Alle Ideale sind zum Scheitern verurteilt – die Wahrheit ist der Tod

Während seiner Aufenthalte in Afrika und Amerika sieht und erfährt Bardamu am eigenen Leib, wie roh, niederträchtig und dumm die ihn umgebenden Menschen sind. Die Einsamkeit in Afrika war zwar unerträglich, weil er wirklich keiner Menschenseele begegnete, aber die Einsamkeit unter den vielen Konsumsüchtigen Menschen in Amerika wird für ihn noch unerträglicher. Bardamu betätigt sich als Arzt für arme Leute, verlangt kein Honorar und wird ausgenützt. Dadurch, dass er in seinem Leben sehr viel Schlechtes erlebt, sich immer am Rande der Existenz befindet, bleibt ihm nichts anderes übrig als zu resignieren. Damit ist er aber auch nicht zufrieden, er hätte gerne ein Ideal, so wie sein Freund und Feind Robinson, schafft es aber nicht sich eines anzueignen, weil er sich der Illusionen der Menschen bewusst wird, der Sinnlosigkeit aller Bestrebungen. Verzweiflung, Angst und Resignation, dies sind die Hauptthemen des Romans, darum geht’s im Leben der Menschen, alles und alle gehen dem Tod entgegen, die Jugend ist nur ein „Anlaufnehmen fürs Altwerden“.

Der Körper und der Geist der Menschen ist zum stinken und verfaulen verurteilt

Insgesamt wird der Mensch in diesem Roman als niederträchtiges, falsches, rohes, verzweifeltes, ängstliches Wesen beschrieben, wobei Céline diese Tatsache bis zum Schluss nicht wirklich wahrhaben will und immer wieder versucht, diese Niedertracht zu entschuldigen. Der Tod und der körperliche Verfall spielen auch eine wichtige Rolle. Der Körper ist für Céline nichts Schönes, im Gegenteil, er stinkt und verfault, sowie der Geist auch:

„Unser ganzes Unglück kommt daher, dass wir verdammt sind, so elendig viele Jahre lang Jean, Pierre oder Gaston zu sein und zu bleiben, koste es, was es wolle. Unser Leib, dieses Kostüm aus banalen, nervösen Molekülen, lehnt sich die ganze Zeit gegen diese schreckliche Zumutung des Weiterlebens auf. Unsere Moleküle wollen weg und sich zerstreuen, so schnell es nur geht, sie wollen ins Universum, die Süßen!“

„Das ist das Leben, ein bisschen Licht, das in der Nacht verlischt.“

Wie wurde und wird heute Louis Ferdinand Céline von Kritikern und Autoren rezipiert?

Heute ist Ferdinand Céline neben Marcel Proust der am meisten gelesene und geschätzte Schriftsteller in Frankreich, wobei Literaturwissenschaftler eher auf den Sprachstil, als auf den Inhalt eingehen. Céline schreibt zum Teil in französischem Jargon, in der Alltagssprache der Franzosen, in diesem Buch kommen sehr viele Redensarten aus der gesprochenen Sprache vor, so dass sich die Übersetzung ins Deutsche nicht ganz leicht gestaltete. Die neue Übersetzung durch Hinrich Schmidt-Henkel ist eine sehr gute Übersetzung, weil man beim Lesen meint, das Buch wäre in Deutsch geschrieben worden und nicht in Französisch. Michel Houellebecq, ein gegenwärtiger Intellektueller und Schriftsteller zitiert oft aus diesem Buch. Henry Miller und Charles Bukowski, zwei weitere wichtige amerikanische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, ließen sich auch von Célines Schreibweise beeinflussen. Céline selbst denkt über die Sprache, über Wörter im Speziellen folgendes:

„Man kann den Wörtern gar nicht genug misstrauen, sie tun so harmlos, die Wörter, sie wirken absolut nicht gefährlich, so, als wären sie nur ein sachter Lufthauch, leise Töne aus Mündern, weder kalt noch warm, aber wenn sie durch Ohr eindringen, werden sie schnell von dem riesigen grauweichen Überdruss des Gehirns verschluckt. Man misstraut ihnen nicht genug, den Wörtern, und schon ist das Unglück passiert.“

Quellenangaben: Céline, Louis-Ferdinand: Reise ans Ende der Nacht. Rowohlt Verlag, 2008.

Bildangabe: Gerd Altmann/the BernFiles/pixelio.de

Sarah und David April 2011, Sarah Krampl

Sarah Krampl - Studium der italienischen Philologie (2003 abgeschlossen)Sprachtrainerin in den Sprachen: Italienisch, SpanischÜbersetzungen: ...

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