
- Krabbenkutter 1972 in Norddeich - Monika Hermeling
Das Krabbenfischen hat an der deutschen Nordseeküste eine lange Tradition und ist ein harter Knochenjob, meist im Familienbetrieb. Auf Grund einer EU-Kontrollverordnung gaben zahlreiche Krabbenfischer ihren Betrieb auf oder überließen ihrer „Jungmannschaft" das „Sagen", nachdem die Fangquoten für den Fischfang eingeschränkt wurden, und jetzt das EU-Kontrollsystem auch von Krabbenfischern umfassende Modernisierungsmaßnahmen verlangt.
Zwei der ehemaligen Granatfischer hatten den Mut umzusatteln. Die ehemalige "Frisia XII" wurde in „Wappen von Norderney“ umbenannt und Kapitän Dieter Oltmanns und Steuermann Gerhard Conradi übernehmen nun mit Gästen Schaufischen oder Charterfahrten entlang der Ostfriesischen Küste. Viele der Urlauber sind stark daran interessiert, wie Krabbenfischer in früherer Zeit ohne Satellitenüberwachungssystem „klar kamen“.
Krabben heißen in Ostfriesland Granat
Die Nordseegarnele (Crangon crangon), wird im Volksmund Sand- oder Strandkrabbe und an der ostfriesischen Küste Granat genannt. Sie ist die einzige Garnele mit fischereiwirtschaftlicher Bedeutung für Deutschland.
Neue EU-Verordnung für die Nordsee Fischer
Die EU hat im Jahr 2009 eine Kontrollverordnung erlassen. Auch die Eigner von Granatkuttern müssen sich demnach ein Satellitenüberwachungssystem und ein elektronisches Logbuch, genau wie die Fischkutter anschaffen. Die Sinnlosigkeit des Beschlusses beschreibt Knud Bußmann, Geschäftsführer der schleswig-holsteinischen Krabbenfischer: "Man kann außer dem Betriebszustand der Geräte nichts kontrollieren, und trotzdem sollen die hohen Betriebskosten für die Geräte von den Unternehmen aufgebracht werden." Trotz der Proteste der Betroffenen, es hatten noch im Juli 2009 rund 160 Kutter in Bremerhaven gegen die Pläne der EU protestiert, sind die Vorschriften in Kraft getreten.
Schildbürgerstreiche auf Kosten eines aussterbenden Berufsstandes
Wie der Verband der Deutschen Kutter- und Küstenfischer e.V. mitteilte, lässt die 140-seitige Kontrollverordnung für die Granatfischer keine Ausnahme zu - obwohl die Geräte in der Krabbenfischerei sinnlos sind. Nach Beschluss des EU-Ministerrates 2009, müssen die Granatfischer teure Satellitenanlagen und ein für sie unnützes elektronisches Logbuch kaufen.
Verhöhnung als Erklärung
Als zusätzliche Verhöhnung sehen die Fischer die Pressemitteilung des Bundesministeriums nach der Sitzung des Ministerrates der EU, auf der die Überwachung beschlossen wurde, an. Darin erklärt Gert Lindemann, Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium, die Forderungen der Bundesregierung seien erfüllt worden, und man sei "sehr zufrieden" mit dem Ergebnis. "Wir haben alles bekommen, was wir nicht haben wollten. Wir erwarten, dass uns der Herr Staatssekretär hier an der Küste erklärt, womit er so sehr zufrieden ist", fasst Dirk Sander (Accumersiel), Präsident des Verbandes der Kleinen Hochsee- und Küstenfischerei im Landesfischereiverband Weser-Ems, den Ärger der Küstenfischer zusammen.
Krabbenfischer wurden zur Betriebsaufgabe/Betriebsübergabe gezwungen
Dieter Oltmanns und Gerhard Conradi waren beide früher stolze Kutterfischer. Da ihre Betriebe die zusätzlichen Kosten nicht aufbringen konnten, war eine Möglichkeit, wenn sie in ihrem Alter ihren Beruf ausüben wollten, für die Reederei Norden-Frisia, von Greetsiel aus, Minikreuzfahrten in der Nähe der ostfriesischen Inseln mit Schaufischen anzubieten. Ihnen fiel die Umstellung schwer, besonders weil eine, nach ihrer Auffassung, unsinnige EU-Verordnung die Ursache ihrer Entscheidung war. Jetzt helfen sie den Gästen Ostfriesland zu erkunden.
Die Krabbenfischerei vor der ostfriesischen Küste, einst und jetzt
Der 63-Jährige Gerhard Conradi war von 1974 bis 1994 auf Fischfang. Sechs Jahre davon auf einem Krabbenkutter. Schweigen war die erste Sprache an Bord. "Wir waren zu zweit, da war schnell alles gesagt", erinnert sich der Greetsieler. Jetzt muss Conradi als Steuermann an Bord der "Wappen von Norderney" fast ununterbrochen erklären und erzählen. Er veranschaulicht den Gästen allerlei Wissenswertes rund um den Fischfang, über Greetsiel, die Seehunde und das Naturschutzgebiet Leyhörn. Dass er dabei immer auf die aktuellen Probleme seiner alten Zunft hinweist, ist für ihn Ehrensache. Unterschiedlich ist die Menge der gefangenen Meerestiere. Statt einer Tonne täglich, holen Dieter Oltmanns und Gerhard Conradi höchstens noch einen Zehn-Liter-Eimer voll Granat aus der Nordsee. Über Förderbänder und eine Waschtrommel werden die Krabben an Bord vom Beifang, Wittlingen, Seesternen, Krebsen, Tobiasfischen und Hornhechten, getrennt. Die frischen Krabben, die zunächst gräulich-durchsichtig sind, werden an Deck in Meerwasser gekocht, bis sie ihre typische rosa Farbe annehmen.
Der Kapitän der "Wappen von Norderney" arrangiert sich
Der 53-Jährige Dieter Oltmanns, der Kapitän der "Wappen von Norderney" begrüßt zwar die an Bord gekommenen Gäste, gibt dann aber das Wort an Gerhard Conradi ab. Oltmanns kennt das Revier und die Krabbenfischerei in- und auswendig. Er fuhr von 1978 bis 1986 auf dem Kutter "Poseidon" und danach bis 1993 auf der "Sturmvogel".
Wenn den beiden bei ihren Minikreuzfahrten den Greetsieler Kuttern begegnen, sind meist die Söhne derer an Bord, mit denen sie damals unterwegs waren. Am Anfang sei das ein komisches Gefühl gewesen bekennt Conradi: "Ich kam mir vor wie fahnenflüchtig." Das ist inzwischen vorbei. Beide lieben ihren neuen Job und pflegen ein gutes Verhältnis zu den Gästen aus aller Welt, die in Ostfriesland mit ihren Kindern Urlaub machen, und zu den ostfriesischen Fischern.
Fahrplan der "Wappen von Norderney" ab Greetsiel
Quelle: Ostfriesen Zeitung
