Reklamefiguren

Dekoation ist  auch Werbung - Kadereit
Dekoation ist auch Werbung - Kadereit
Viele Menschen lassen sich als Reklamefiguren missbrauchen und machen diese hoch wirksame Werbung für die Firman obendrein auch noch kostenlos

Viele Menschen sehen sich als Vernunftwesen mit dem Wunsch oder gar der ausdrücklichen Forderung nach Selbstbestimmung. Nach Duden möchten sie unbedingt „frei dem eigenen Willen gemäß handeln“. Um so erstaunlicher ist es dann, dass sie sich im täglichen Leben zwar selbstbestimmt fühlen, andererseits aber nach Strich und Faden manipulieren lassen, ohne es selbst zu bemerken.

Aushängeschilder

Da kaufen sie „Markenklamotten“, die ihnen unterschwellig raffiniert über Presse, Kino und Internet, aber auch über Radio und Fernsehen sowie unübersehbare Reklamewände angeboten werden und mit mehr oder weniger stark auffallendem Emblem versehen sind. Es ist ihnen wichtig, die Kappe mit dem „verblassten Gestirn in allen Gassen“, die Armbanduhr von Pollanex, den Pullover von x&x mit der grünen Eidechse auf der Brust oder die Bluse von Schunell mit den gekreuzten Hyazinthen und dem Original-Namenszug der Schöpferin zu tragen und zu zeigen: „Das kann ich mir erlauben!“

Neurosen

Vielleicht gehört es aber schon zum guten Ton, sich entsprechend einer diktierten Mode so zu verkleiden, um wenigstens ein Miniaufsehen zu erregen oder auf diese Weise Profil zu bekommen, das sonst fehlt. Es könnte aber auch sein, dass man sich einfach nur „vom gewöhnlichen Volk“ abheben möchte. Dieser Zwang zum profilneurotischen Verhalten scheint sich aber selbst bis zu den Kids im Kindergarten fortzusetzen. Da werden Gleichaltrige gehänselt, weil sie eben nicht dieses oder jenes Markenemblem auf den Textilien vorzeigen können.

Selbstbestimmung

Aber wie steht es da eigentlich mit der Selbstbestimmung? Die ist wahrscheinlich schlicht und einfach futsch oder so weit in den Hintergrund getreten, dass es keinem mehr auffällt. Die Hersteller bestimmen jetzt, wo es lang geht und die Verbraucher erweisen sich als folgsame Schafe, die hinter den anderen her trotten. Aber während die Schafe zumindest ihr Fell und die Wolle rein halten, stellen sich die Menschen unentgeltlich als lebende Werbeflächen zur Verfügung. So laufen sie denn als Reklamefiguren herum und finden das komischerweise überhaupt nicht lächerlich.

Manipulation

Ebenfalls wirksam manipuliert werden die Käufer durch bestimmte Supermärkte. In zwangloser Folge melden diese Anbieter scheinbar unschlagbare Sonder- oder Lockvogelangebote. Natürlich sind die Inhalte dieser Wochenaktionen schon viele Monate vorher bekannt und wer in absehbarer Zeit einen Monitor, einen Computer oder eine Digitalkamera kaufen will, macht sich rechtzeitig schlau und nimmt an jenem Donnerstagmorgen extra frei, wenn Paldi oder Letto mit dem Verkauf des Knüllers beginnen. Das muss sein, denn aus Erfahrung weiß der Interessent, dass diese Schnäppchen oder was man dafür hält, bald vergriffen sind. Die Einkäufer der Handelsketten haben nämlich augenscheinlich die Anweisung, die Sonderangebote nicht in Riesenpartien einzukaufen, sondern nur in Mengen, die spätestens bis mittags vergriffen sind. Diese künstliche Verknappung hat zur Folge, dass sich bereits lange vor dem Öffnen des Geschäftes Schlangen bilden.

Werbesäule auf zwei Beinen

Mit der berechtigten Aussicht auf Erfolg stellt man sich gern an. Um die Langeweile zu vertreiben, unterhält man sich natürlich mit dem Hintermann über einschlägige Erfahrungen und nimmt den Namen des Filialisten recht häufig in den Mund. Das ist gewollt, denn diese Mundpropaganda ist auch eine Form der Werbung und dazu noch effektiver als eine Anzeige im Wochenblatt oder ein Prospekt. Ein weiterer Effekt ergibt sich nach außen. Alle Passanten - ob Fußgänger, Radler oder Autofahrer - nehmen die Schlangen wahr und verarbeiten die Tatsache, dass es dort so eine starke Nachfrage gibt, im Unterbewusstsein. Der Name des Filialisten wird immer wieder über die Lippen kommen oder ins Bewusstsein geholt. Den kostenlos missbrauchten Reklamefiguren vor der Ladentür macht das wohl aber gar nichts aus. Auch hier stellt sich die Frage, wo denn in all den Fällen die Selbstbestimmung bleibt. Aber vielleicht erzeugt leidenschaftlicher Konsum auch jede Menge Endorphine und macht damit einfach schmerzfrei. Die beschriebenen Reklamefiguren murren jedenfalls nicht.

Hans Kadereit, Autor aus Remscheid, Bildrechte bei Hans Kadereit

Hans Kadereit - Seit 1974 bin ich journalistisch tätig, habe für Wochenzeitungen, aber gelegentlich auch für Tageszeitungen und das Radio ...

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