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Religiöse Propaganda in Preußen

Preußen als Retter der Christenheit gegen den "Teufel" Napoleon

Kriegsliederbuch um 1813 - ILAB
Kriegsliederbuch um 1813 - ILAB
Bei der Mobilmachung der deutschen Bevölkerung während der Befreiungskriege gegen Frankreich spielte Preußens religiöse Propaganda eine ausschlaggebende Rolle.

In einem "Staat" wie Preußen, in dem seit der Französischen Revolution nichts mehr so zu sein schien wie zuvor, in dem es nun eine Vielzahl von politischen und gesellschaftlichen Unruhen gab, fehlte es an Einigkeit und Patriotismus. Diesen scheinbar unüberwindlichen Riss galt es zu überbrücken.

Russland hatte es bewiesen: Das althergebrachte Gesetz Gottes hatte der Gefahr aus Frankreich getrotzt und die Bedeutung "von Gottes Gnaden" erfuhr eine neue Aufwertung. In den Befreiungskriegen gegen Napoleon ging es nun darum, die Rolle Friedrich Wilhelms III. zu stärken und seine "absolutistische" Autorität zu untermauern. Und genau diese Einbeziehung des christlichen Selbstverständnisses, sich an dem Krieg "mit Gott für König und Vaterland" zu beteiligen, war das neue Credo Preußens und seines religiösen Patriotismus.

Pro-Kriegs-Propaganda in Preußen - das russische Zarenreich als Vorreiter

Nach dem Sieg des russischen Zarenreiches über Napoleon und dem Rückzug der französischen Truppen gewann Russland für die Deutschen an Ansehen und avancierte zum Vorbild. Das "mutige" und patriotische Verhalten des russischen Volkes erweckte in Preußen ein neues Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit der deutschen Staaten. Der russische Zar wurde zum Retter des russischen Reiches vor dem "Teufel" Napoleon: Es fand eine Rückbesinnung auf christliche Werte und deutsche Traditionen statt. Eine große Rolle spielte bei diesem Phänomen die über die Grenzen schwappende Publizistik, Schrift- und Mundpropaganda. Denn durch die Streifkorps gelangten Flugblätter, Broschüren, Zeitungen sowie Bilder und kleine Karikaturen über die russische Grenze in die deutschen Gebiete.

Kein Land hatte auf die Pro-Kriegs-Propaganda Preußens einen so großen Einfluss wie das russische Zarenreich unter Alexander. Die Herrscherhäuser unterhielten gute persönliche Kontakte, und auch deutsche "Vorzeige-Patrioten" wie Freiherr vom Stein oder Ernst Moritz Arndt fanden Zuflucht beim "großen Bruder". So kamen die Informationen über den kläglichen Rückzug Napoleons aus Russland der deutschen Obrigkeit nur gelegen, um die eigenen Kräfte im deutschen Lande gegen den scheinbar unterlegenen Gegner anzustacheln. Und der Druck des mächtigen Bruders Russland trug maßgeblich dazu bei, eine deutsche Erhebung durch eine gezielte Publizistik voranzutreiben.

Ernst Moritz Arndt - christliche Polemik gegen Frankreich und Napoleon

Im Gegensatz zu den Zweifeln, die Friedrich Wilhelm III. bezüglich des bevorstehenden Krieges gegen den - seiner Auffassung nach - übermächtigen Gegner Frankreich hatte, stellte sich schon bald heraus, dass die Nationalbewaffnung durchaus auch auf freiwilliger Basis ihren Boden hatte. Denn nach der "Katastrophe" von 1805 besann man sich nun wieder auf die "deutschen Tugenden" und nahm sich diese alten Werte, um sie den aufklärerischen Tendenzen in Frankreich gegenüberzustellen. Die Aufklärungsbewegung und die von ihr verlangte Freiheit wurde umgedeutet: Nun war es für die Deutschen das Leitmotiv, sich in den "Befreiungskriegen" von der Tyrannei der Franzosen zu befreien und eine neue (alte) Freiheit zurück zu gewinnen.

Den deutschen Tugenden stellt Ernst Moritz Arndt das "unchristliche Verhalten" der Franzosen gegenüber. In seinem "Kurzen Katechismus für teutsche Soldaten" heißt es: "Denn warum hasset und verabscheuet ihr die Franzosen so sehr? [...] weil sie geizig, wohllüstig, räuberisch und grausam sind, weil sie nicht für Recht und Freyheit, sondern für Raub und Gewinn in den Streit ziehen".

Ernst Moritz Arndt betont in seiner Flugschrift "Was bedeutet Landwehr und Landsturm" vor allem die Rolle des Volkes: "Der französische Tyrann drang mit zahllosen Heeren in Russland ein und meinte das Land zu plündern und zu unterjochen; aber es gerieth ihm anders. Das ganze Volk ergrimmte, rüstete und bewaffnete sich; sie beteten zu Gott, knieten an den Altären, zeichneten sich in den Kirchen mit dem heiligen Kreuze für den heiligen Kriege, ließen sich und ihre Fahnen durch priesterliche Gebete und Segen weihen, und zogen gegen den Feind [...]"

Napoleon als "Antichrist"

Zusammen mit dem Informationsfluss aus den russischen Lagern gelangten auch Posse, Karikatur und Travestie zur deutschen Bevölkerung, welche ihre Propaganda in diesem Lande fortsetzten und deren gemeinsamer Nenner die Verzerrung oder das Lächerlichmachen Napoleons in Gestalt des Teufels war. Der Dualismus von Frankreich und Deutschland beziehungsweise Resteuropa wird in fast allen dieser Gattungen mit dem Dualismus von Gott und Teufel gleichgesetzt.

Die Befreiungskriege avancierten schnell zum "Heiligen Krieg" und das deutsche Volk spielte in ihm eine übergeordnete, von Gott erteilte Rolle. Und um seine Position als "Retter der Christenheit" zu untermauern, bedurfte es eines Feindbildes, das in das religiös-patriotische Bild der Propaganda passte: Napoleon und das von ihm repräsentierte politische System.

"Mit Gott für König und Vaterland", "Eisernes Kreuz" und "Kniefall"

Da man gegen den personifizierten Teufel Napoleon in die Schlacht zog, bedurfte es auch der entsprechenden christlichen Symbole. Das Kreuz diente als Symbol für den Kampf gegen das Böse und als Motivation des einzelnen Soldaten, durch seine tapfere Tat Einlass in das Reich Gottes zu gewinnen. Und so erhielten das Eiserne Kreuz und das Landwehrkreuz Eingang ins Militärwesen. Erstmals in der Ordensgeschichte des preußischen Königreichs wurde diese Dekoration an jedermann - sowohl im militärischen als auch im zivilen Sektor - verliehen, darunter auch Frauen. Ebenso der religiös-politischen Untermalung galt der Kniefall als ein Akt der Demut vor der Majestät Gottes.

Die zunächst dem Landwehrkreuz beigefügte Inschrift "Mit Gott für König und Vaterland" war im Laufe der Aufbruchstimmung im Lande zum Inbegriff der allgemeinen Mobilmachung geworden. Zeitlich parallel zur symbolischen Verbreitung des Kreuzes fungierte sie als Kurzformel patriotischer Existenz schlechthin. Beide Symbole - Kreuz und Schwur - hatten eine gemeinsame religiös-politische Grundlage, die insbesondere in den Predigten der Feldprediger zu beobachten ist.

Instrumentalisierung christlicher Werte für politische Ziele Preußens

Den Predigern wurde ausdrücklich von der Obrigkeit vorgeschrieben, in ihren Predigten die Notwendigkeit der Mitarbeit jedes einzelnen Christen im Krieg gegen Frankreich hervorzuheben. Inwieweit die Geistlichen freiwillig oder erzwungen ihre Pflichten taten, ist nicht eindeutig geklärt. Man muss dabei bedenken, dass die Kirche die letzten Jahrzehnte, insbesondere seit der Aufklärungsbewegung, einen Rückgang der Gläubigen zu verzeichnen hatte. Die neu aufflammende Gläubigkeit kam ihr wohl auch gelegen, um ihre Stellung gegenüber der politischen Obrigkeit zu behaupten. Auf der anderen Seite war es ja der Preußische König selbst, welcher die Kirchen in seine Kriegspropaganda einbezog.

Bettina Henningsen, Bettina Henningsen

Bettina Henningsen - Hallo und herzlich Willkommen in meinem Profil bei suite101.de! Geboren und aufgewachsen bin ich in Flensburg. Dort absolvierte ich ...

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