
- Sängersaal - Ich-und-Du
In vielen Klöstern wurden eifrig Bücher händisch „vervielfältigt“ und so viele Kulturgüter bewahrt und weitergegeben. So etwas wie Bildung entstand zuerst an den Klöstern. Die ersten Spitäler, die „Caritas“ und die ersten Universitäten sind kirchliche Einrichtungen gewesen. Nicht einmal die moderne Naturwissenschaft – die wir heute so gerne in Gegensatz zur Religion stellen – wäre ohne die Kirche denkbar. Im Zusammenhang mit Galilei hat die Kirche mit ihrer Unterscheidung von Wahrheit und Hypothese den Weg der modernen Wissenschaft sogar geebnet und ermöglicht.
Und wenn es Araber waren, die Aristoteles und die griechische Philosophie in Europa wieder zugänglich machten, so muss man doch auch wissen, dass es zuvor Christen waren, die diese Bücher ins Arabische übertragen hatten.
Wenn Zeitloses sich wandelt…
Die Kirche ist sicher ein schwerfälliger Tanker, der nicht so leicht zu einer Richtungsänderung zu bewegen ist, trotzdem hat sie sich im Laufe ihrer Geschichte immer wieder gewandelt und weiter entwickelt. Und in manchen Belangen ist sie ihrer Zeit immer noch voraus. So entspricht die Lehre von der Trinität – „unterschieden, aber nicht getrennt“ – einer ganzheitlichen Logik, die weit über die lineare Logik des Aristoteles, die das europäische Denken bis heute bestimmt, hinausgeht. Die letzte Wirklichkeit, so Kardinal Kasper, ist damit nicht Substanz, wie in der griechischen Philosophie, auch nicht Subjektivität, wie in der Neuzeit, sondern Relation, Beziehung. Und das hat weitreichende Konsequenzen für das Wirklichkeitsverständnis allgemein.
Ganz besonders interessant wird dieser Aspekt, wenn man nach rund hundert Jahren Quantenmechanik endlich zur Kenntnis nimmt, dass das Innerste der Materie nicht Substanz, nicht Teilchen, nicht „Materie“ ist, sondern Beziehung, und zwar nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung (Hans-Peter Dürr), auch wenn sich das unserem Vorstellungsvermögen entzieht. So entspricht die moderne Physik eher einer Theo-Logik als der dominierenden europäischen Logik. Umgekehrt ist das theologische Denken zum Teil weit moderner als das derzeit aktuelle „moderne“ Denken, das noch im 19. Jahrhundert verharrt und die Entwicklung der Physik des 20. Jahrhunderts völlig verschlafen hat.
Wahrheit, die in allen Religionen durchscheint
Ein Wendepunkt ist auch das 2. Vatikanische Konzil, das zwar wie alle Konzile nur bestehende Entwicklungen aufgegriffen und geklärt hat, aber doch der Zeit weit voraus war und auch heute noch nicht ganz realisiert ist. So wurde die Stellung der Laien in der Kirche aufgewertet und die Haltung zu den nichtchristlichen Religionen völlig revidiert. Die Wahrheit scheint mehr oder weniger verhüllt in allen Religionen durch. Die Kirche lehnt nichts ab, was in den anderen Religionen wahr und heilig ist, heißt es im Konzilstext. Papst Johannes Paul II. ergänzte diesen Gedanken seinerseits, wenn er sagte, der Heilige Geist sei als der Geist Jesus Christi überall, auch in den anderen Kulturen am Werk; er bewege die Herzen der Menschen zum Wahren und Guten hin. Das ist bei weitem noch nicht bei allen Christen angekommen.
Das Katholische als ganzheitliche Sicht
„Katholisch“ im ursprünglichen Sinne heißt „universal“ und meint eine ganzheitliche weltanschauliche Einstellung. Heute grenzt „katholisch“ die eine von den anderen christlichen Konfessionen ab. Ursprünglich hatte „katholisch“ aber keine abgrenzende Bedeutung, „sondern meinte im Gegenteil das Allgemeine und Ganze, das mehr ist als die Summe seiner Teile. ‚Katholisch‘ meinte Ganzheit im Sinn der Fülle.“ (Kardinal Kasper).
Das 2. Vaticanum hat die erneuerte ganzheitliche Sicht wieder aufgenommen und „die alle und alles umfassende universale Weite des Katholischen wie seine Einheit in der inneren Vielfalt der Völker, Kulturen, Ortskirchen und Charismen wieder zur Geltung gebracht“(Kardinal Kasper). Auch das Katholische ist ja durchaus nicht einheitlich, sondern innerhalb der Einheit soll einer größtmöglichen Vielfalt Raum gegeben werden.
Wenn sich hier berechtigter Widerspruch regt, dann weiß das auch Kardinal Kasper: „In der Tat gibt es eine pathologische Gestalt des Katholischen, einen einengenden und engstirnigen Bürokratismus, der im Grunde unkatholisch und völlig wirklichkeitsfremd meint, alles und jedes nach einem einzigen Muster reglementieren zu müssen und der wenig Spielraum lässt für ortskirchliche und kulturelle Vielfalt und charismatische Freiheit.“
Religion als Weg in die Selbständigkeit
Bischof Krätzl vergleicht die Kirche mit einer allzu ängstlich besorgten Mutter, die ihre Kinder nicht in die Freiheit entlassen will und sie ständig „bemuttert“, die kindlichen Gehorsam einfordert, wo längst gereifte Selbständigkeit zu entscheiden hätte. Kirche vergisst dann, dass Religion ein Weg in die Freiheit und Selbständigkeit ist. „Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit“, sagt Paulus. Bischof Krätzl fordert daher ein, was die Kirche in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts begonnen hat, nämlich in ihrer Morallehre umzudenken, „von einer engen Gebotemoral hin zu einer Moral aus persönlicher Verantwortung“. Schon das 2. Vatikanische Konzil hat ebenfalls die große Bedeutung des Gewissens hervorgehoben.
Christsein und Religiosität überhaupt muss sich an Freiheit und Eigenverantwortung messen lassen. Bischof Krätzl: „Und ein rechter Christ ist daher nicht danach zu beurteilen, wie sehr er der Kirche dient, ihr gehorsames ‚Kind‘ zeitlebens bleibt, sondern wie sehr er sich von der Leidenschaft Gottes für die Menschen, für die Welt entzünden lässt, andere damit ‚ansteckt‘ und dieses Feuer immer wieder in der Gemeinschaft der Kirche, wo es zu verlöschen droht, neu entfacht.“
Religion in heutiger Zeit
Kritiker sehen heute Religion und Kirche als hoffnungslos rückständig, ohne genauer hinzusehen, dass das nur zum Teil stimmt. Was aber das vielzitierte ganzheitliche Denken betrifft, sind Religion und zum Teil sogar die Kirche ihrer Zeit sogar voraus. Während die ganzheitliche Perspektive in der Physik des 20. Jahrhunderts notwendig wurde, aber bisher nicht in ein allgemeines Weltverständnis eingegangen ist, bewegen sich Religionen immer in einem ganzheitlichen Rahmen. Daher kann man durchaus annehmen, dass Religion nicht aus unserer Kultur verschwinden, sondern im Gegenteil an Bedeutung gewinnen wird. Die bisherige Entwicklung Europas ist ohnehin ohne das Christentum kaum vorstellbar.
Quellen:
- Nostra Aetate. Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen
- Helmut Krätzl: "...und suchen dein Angesicht. Gottesbilder – Kirchenbilder", DomVerlag 2010
- Walter Kardinal Kasper: "Katholische Kirche. Wesen, Wirklichkeit, Sendung", Herder 2011
