
- Lange Nacht der Kirchen - Robert Harsieber
Kritik setzt normalerweise voraus, dass man sich mit dem, was man kritisiert, auch auseinandergesetzt hat. Es ist nur zu leicht, die Vorstellung eines Gottes als alter Mann mit weißem Bart zu kritisieren – auch wenn „persönlicher Gott“ alles, nur nicht das bedeutet. Die Themen Sünde und Schuldbekenntnis, Hierarchie, Inquisition und Hexenverfolgung und in letzter Zeit die Missbrauchsfälle machen es ebenfalls leicht, zu kritisieren. Dass man damit oft nicht die Kirche, sondern die eigenen Vorurteile kritisiert, fällt im Kreis Gleichgesinnter nicht auf. Denn auch wenn manches natürlich stimmt, so ist es bestenfalls die halbe Wahrheit, während die andere Seite völlig verdrängt wird.
Von Augustinus bis heute – Kampf gegen eigene Vorurteile
Das Problem hat sich seit 1500 Jahren nicht geändert, das belegen unter anderem die „Bekenntnisse“ des Augustinus. Der spätere Kirchenlehrer und Heilige führte zunächst ein regelrechtes Lotterleben, war ein gutes Jahrzehnt lang der Häresie der Manichäer erlegen, wobei er einem platten Dualismus aufgesessen ist und die Kirche heftig kritisierte. Erst die Begegnung mit einen wirklichen Christen, dem Heiligen Ambrosius von Mailand, einer der herausragenden Persönlichkeiten der damaligen Zeit, zeigte ihm, dass er seine eigenen Vorstellungen und nicht das Christentum kritisiert hatte.
Augustinus interpretierte das Wesen Jesus so, dass in ihm die Gottheit sozusagen in einen menschlichen Leib eingeschlossen sei. Doch dann erkannte er, „dass es ja gar nicht der katholische Glaube gewesen war, wider den ich so lange Jahre gebellt hatte, sondern die Phantome eines ganz von Fleisch und Blut gebundenen Bewusstseins.“ Wer die Kirche kritisiert, sollte sich zuerst mit ihr beschäftigen, so die späte Einsicht. „Es war vermessen und frivol gewesen, dass ich Beschuldigungen erhoben hatte, wo es meine Schuldigkeit gewesen wäre, erst einmal nach dem Rechten zu fragen, um es zu erfahren.“ Es war keineswegs kirchliche Lehre, dass Gott in Menschengestalt eingeschlossen ist, sondern dass Gott überall in seiner „Ganzheit da ist und doch nirgends nach Raum und Ort“.
„Keinen Geschmack an Kindereien“
Augustinus erkannte – und da hatte er noch gar nichts mit der Kirche zu tun – „dass sie das nicht lehre, was ich ihr zum schweren Vorwurf machte“, dass sie „keinen Geschmack an Kindereien hatte“. Auch was ihn am Alten Testament als unsinnig gestört hatte, weil er alles wörtlich nahm, korrigierte Ambrosius, indem er den Sinn hinter den Worten erschloss. In seinen Predigten zitierte dieser oft: „Der Buchstabe tötet, der Geist ist‘s, der lebendig macht“.
Nicht viel anders die heutige Situation: Viele kritisieren in der Kirche die eigenen naiven Vorstellungen von Kirche. Niemand macht sich die Mühe, vorher die Bibel und die Kirchengeschichte wirklich zu studieren. Dass man dann mit anderen Religionen ebenso verfährt und z.B. den Koran wortwörtlich nimmt, ist dann beinahe schon selbstverständlich.
Kritik ist gut und sogar notwendig
Kirchenkritik ist durchaus gut und sogar notwendig. Aber wer sich mit der Kirche wirklich beschäftigt, der sieht sehr bald, dass profunde Kritik oft nicht von außen, sondern vielmehr auch von innen, sogar von Vertretern der Amtskirche selbst kommt. Ein hervorragendes Beispiel ist Bischof Helmut Krätzl. Für ihn ist an vielen Missverständnissen die Kirche selbst schuld. „Die Glaubenskrise vieler Menschen kommt von entstellten Gottesbildern, die ihnen übermittelt wurden. Und die Kirche selbst verliert zunehmend ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie wohl einen guten und barmherzigen Gott verkündigt, aber nicht selbst Abbild von ihm ist.“ Die Menschen suchen heute mehr die Glaubenserfahrung als das Glaubenswissen, werden dabei aber – so Bischof Krätzl – oft von der Kirche enttäuscht.
Wenn sogar Priester und Bischöfe von einer Strafe Gottes – im Zusammenhang mit der Katastrophe von New Orleans, des Tsunami in Thailand, der Vulkanasche oder der Love-Parade-Katastrophe in Duisburg – sprechen, dann sagt Bischof Krätzl mehr als deutlich: „Solche Deutungen sind töricht und verantwortungslos, weil dadurch das Gottesbild bei vielen immer wieder aufs Neue entstellt wird.“
Islamophobie, Antisemitismus und der Eine Gott
In Europa wächst die Islamophobie, die heute anscheinend den Antisemitismus ablöst, auch unter „Christen“. Bischof Krätzl verweist dagegen auf den gemeinsamen Monotheismus von Judentum, Christentum und Islam: „Alle drei glauben an den einen und damit an denselben Gott.“ Diese Religionen hätten die Aufgabe, gemeinsam das Gedächtnis an diesen einen Gott wachzuhalten.
Zwar kann und darf sich Kirche und Religion nicht dem „Zeitgeist“ unterwerfen, trotzdem muss sie die Sprache der jeweiligen Zeit verstehen und sprechen. Wenn viele innerhalb der Kirche damit Probleme haben, dann findet Kardinal Walter Kasper dafür ein drastisches Wort: Für ihn gibt es nicht nur Häresien durch Vernachlässigung der Tradition und durch Anpassung an den Zeitgeist, sondern „es gibt auch Häresien durch engstirnige Verweigerung, Theologe im Hier und Heute zu sein und Theologie als lebendige Weitergabe der Tradition zu treiben und somit den jeweiligen kairós zu verschlafen.“
Fehler der Kirche und der Religionen
Die Kirchengeschichte hat viele dunkle Flecken, von denen man nicht ablenken soll, man denke nur an Inquisition und Hexenverfolgung. Moderne Historiker wissen aber heute, dass die gängige Kritik weit über das Ziel hinaus geschossen hat. Zur Zeit der Inquisition haben sich die weltlichen Gerichte weit mehr hervorgetan als die kirchlichen, und die Kirche war an einer Hexenverfolgung kaum interessiert. Das darf man durchaus zur Kenntnis nehmen. Und im Mittelalter war es üblich, dass vornehme Familien einen Sohn in den Vatikan schickten, nicht damit er für sie betet, sondern um Einfluss zu gewinnen. Daher gab es dort auch Bischöfe, die nicht einmal eine Messe lesen konnten. Wenn dann jemand seine Berufung ernst nahm, dann war die Familie eher entsetzt.
Die Rehabilitation Galileo Galilei kam zwar reichlich spät, aber dass Galilei eher an den Kollegen an den Universitäten, allen voran der von Paris, gescheitert ist, als am Vatikan, darf man auch nicht unterschlagen. Die Kirche hat mit ihrer Unterscheidung von Wahrheit und Hypothese den Weg der modernen Wissenschaft erst geebnet und ermöglicht. So sollte man neben aller berechtigten Kritik, nicht verdrängen, was die Kirche an Positivem zur europäische Kultur beigetragen hat.
Quellen:
- Augustinus: Bekenntnisse
- Helmut Krätzl: "...und suchen dein Angesicht. Gottesbilder – Kirchenbilder", DomVerlag 2010
- Walter Kardinal Kasper: "Katholische Kirche. Wesen, Wirklichkeit, Sendung", Herder 2011
