
- Orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale in Tallinn - Inga Ganzer
Religion ist ein kulturelles Merkmal und beeinflusst das Verhalten eines Menschen in vielfältiger Weise. Dazu gehören die Tätigkeit des Betens, das Essverhalten, aber auch das Wahlverhalten und Einstellungen zu moralischen Fragen wie beispielsweise zu Themen wie Abtreibung oder Kriegsbeteiligung. Europa ist im Wesentlichen ein christlicher Kontinent, der von zwei Ereignissen besonders beeinflusst wurde: 1054 die Teilung der orthodoxen Kirche von der romanisch-katholischen Glaubensrichtung sowie die Reformation, die Abtrennung der protestantischen Kirche im Jahr 1517.
Drei wesentliche Glaubensrichtungen in Europa
Die Gläubigen in Europa gehören hauptsächlich drei religiösen Strömungen an: Nordeuropa inklusive Teile Deutschlands, der Niederlande sowie Lettland sind dem protestantischen Christentum zuzuordnen. Mittel- und Südeuropa sind vornehmlich vom katholischen Christentum geprägt. Teile Osteuropas sowie Südosteuropa sind im orthodoxen Christentum verankert.
Das katholische Christentum in Europa
In folgenden Ländern ist mehr als die Hälfte der gläubigen Bevölkerung katholisch: Malta (96,1%), Polen (93,7), Irland (83,4), Portugal (82,9), Litauen (80,6), Italien (79,6), Österreich (72,7), die Slowakische Republik (70,7), Slowenien (66,7), Luxemburg (62,1), Spanien (57,4) und Belgien (50,5). Sehr wenig verbreitet, unterhalb der Fünfprozentmarke, ist der Katholizismus in Europa in den neuen Ländern der Bundesrepublik (3,1%) sowie Schweden (1,8), Zypern (1,5), Estland (1,3), Griechenland (0,7), Dänemark (0,5), Bulgarien (0,2) und Finnland (0,1).
Das protestantische Christentum in der Europäischen Union
Lediglich in drei Ländern beträgt der Anteil der dem protestantischen Glauben verhafteten Menschen mehr als 50 Prozent: Dänemark (85,9%), Finnland (73,4) und Schweden (61,9). In 15 von 27 EU-Ländern gehören weniger als 5 Prozent dem protestantischen Glauben an. Dies sind Irland, Luxemburg, Rumänien und die Tschechische Republik mit Raten zwischen zwei und vier Prozent. In Frankreich, Malta und Portugal sind zwischen ein und zwei Prozent der Bevölkerung Protestanten. In den Ländern Belgien, Bulgarien, Italien, Litauen, Polen, Slowenien, Spanien und Zypern sind weniger als ein Prozent der Gläubigen protestantisch geprägt.
Die EU und das orthodoxe Christentum
In immerhin vier europäischen Ländern gehören mehr als 50 Prozent der Bevölkerung dem orthodoxen Glauben an. Diese sind Zypern (96,8%), Griechenland (94,4), Rumänien (87,0) und Bulgarien (61,0). Die Hellenische Republik ist das einzige Land, das zur Gruppe der sogenannten EU-15 gehört, also den Kernländern vor den Beitrittsrunden in 2004 (neben Zypern neun andere mittel- und osteuropäische Staaten) und 2007 (Bulgarien und Rumänien).
Muslime in der Europäischen Union
Überraschenderweise gibt es innerhalb der EU ein Land, in dem mehr als 10% der Bevölkerung muslimischen Glaubens sind – Bulgarien (12,2%). Der Grund dafür liegt in der osmanisch-türkischen Herrschaft seit dem 14. Jahrhundert, die bis in das frühe 20. Jahrhundert hinein angedauert hat. In Einwanderungsländern wie Frankreich, Belgien und Deutschland oder auch Luxemburg liegen die Quoten zwischen zwei und drei Prozent.
Keine Religionszugehörigkeit
In einer sich durch Rationalisierung und Modernisierung immer weiter säkularisierenden Welt (Karl Marx, Max Weber) ist es nicht überraschend, dass es in einigen Ländern in der Bevölkerung einen sehr hohen Anteil von Personen gibt, die keiner Kirche angehören. Spitzenreiter dieser Gruppe sind die neuen Bundesländer (77,5%), gefolgt von der Tschechischen Republik (69,6) und Estland (66,1) – bis 1989 Länder des sozialistischen Ostblocks.
Religion in der Türkei – ein Hindernis für den EU-Beitritt?
In der Türkei gehören 98,7 Prozent der Bevölkerung dem muslimischen Glauben an. Lediglich 1,1 und 0,3 Prozent der Befragten haben angegeben, keiner oder einer anderen Glaubensrichtung verhaftet zu sein. Diese Tatsache ist der wesentliche Argumentationspunkt vieler Kritiker eines EU-Beitritts der Türkei, da sich die religiöse Verankerung in moralischen, politischen und ökonomischen Einstellungen niederschlägt, wie beispielsweise die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern oder die Toleranz gegenüber Minderheiten. Obwohl sich die Türkei in den letzten Jahren in vielerlei Hinsicht positiv entwickelt hat (Wirtschaft, Menschenrechte, Meinungsfreiheit), verschlechtern sich die Chancen auf einen Beitritt mit jedem Jahr, das verstreicht. Und auch zwei Drittel der EU-Bürger lehnen einen Beitritt ab, weil sie ihre „eigene Lebensweise und Kultur“ bedroht sehen, wie zwei Berliner Soziologen analysiert haben.
Daten: European Values Study 2008
