Irgendwo am Rande Westfalens, auf halbem Wege zwischen Osnabrück und Bielefeld, im Tal zwischen dem Freden auf der einen und dem so genannten „Kleinen Berg“ auf der anderen Seite gelegen, findet sich das kleine, kaum 1000 Einwohner umfassende Dörfchen Remsede. Man kennt es nicht, zu Unrecht, möchte man sagen, denn so manches hier ist der Beachtung wert.
Zwischen Altenheim und Kindergarten
Es ist ein stilles Dorf; allzu viel Gewerbe finden wir hier nicht mehr. In den Tagen meiner Kindheit war das noch anders, Baugeschäfte gab es, mehrere Kneipen und natürlich auch den einen oder anderen "Tante Emma Laden". Es ist anders geworden. Von den kleinen Läden blieb noch einer, und man möchte traurig sein darüber, aber es ist gut, dass es den einen noch gibt. Es gibt noch eine Gastwirtschaft - mit sehr viel Gastlichkeit, und es ist gut, dass es das noch gibt. Wichtig ist das Altenheim, dass das Dorf schon seit Jahrzehnten hat: Platz für einen friedlichen Abend des Lebens für all jene, deren Tage bis dahin allein vom Lärm erfüllt waren. Und schließlich ein Kindergarten – zauberhaft unter Bäumen gelegen, und nahezu erschrocken wirkt das Dorf, wenn die Kleinen gegen 11.00 Uhr des morgens auf den Spielplatz strömen. Dann wird es wunderbar laut, und milde lächelnd schauen die Senioren des benachbarten Altersheimes auf das urgesunde Chaos, das sich zwischen Kletterturm, Rutsche und Sandkasten ausbreitet.
Friedhof, Dorfschule und Nackensteak
Ähnliche Szenen spielen sich in der direkt am Friedhof grenzenden Dorfschule ab; angemessen würdig wirkt der Totenacker, doch in den Schulpausen wird endlich jene friedvolle Ruhe gestört, die ganz immanent zum Dorf gehört. Ansonsten ist es still, wenn nicht gerade die Kirchenglocken schlagen, oder des abends ein kleiner Strom Familienväter nach getaner Arbeit dem Einfamilienhaus zusteuert. Rasenmäher hört man dann, es riecht nach Grillwurst und Nackensteak, und wer genau hinhört, kann Lachen und Weinen, Vergnügtes, Trauriges: viel Leben vor allem hören.
Momente zwischen Dorfkirmes und Schützenfest
Natürlich, es gibt Ausnahmetage. Zu Sylvester ist das Dorf so laut, wie nur irgendein anderes Dorf, in dem gleichfalls geböllert wird. Zur Kirmes tutet ein altes Karussell, Grill- und Bierbuden sind in Betrieb und manchmal gibt es auch ein Wiedersehen zwischen zweien, die sich längst aus den Augen verloren hatten. Während der grünen Saison schließlich läuft das Dorf zur Höchstform auf. Schützenfest ist Volksfest in Remsede, und ein jeder verkleidet sich in die hergebrachten Schützenuniformen, um sich für zwei, drei Tage in Antreten, Abmarsch und Salut zu üben. Geschossen wird auch, aus Geselligkeit vor allem, und weil es zum Brauch gehört, im Dorf einen Schützenkönig zu haben.
Erinnerung
Das Dorf meiner Kindheitstage - oft drängt es mich in meinen Träumen. Sehnsucht ist es manchmal, Abkehr auch, an anderen Tagen, die ihre eigene Betrübnis haben. Es sind dies Tage, an denen dem Idyll nicht länger zu trauen ist und des Dorfes einfache Schönheit entschwunden scheint. Unerträglich scheint sie dann, die Erinnerung an das, was verloren ist fürs eigene Leben. Und es tritt ein anderes Bild hervor, leichter zu ertragen, aber denen, die ihr Leben im Dorf verbrigen von tiefer Ungerechtigkeit gegenüber. Denn dieses Dorf, dessen einfache Würde so wenig in die Welt zu passen scheint, trägt einen Wert in sich, den kein Wort je verdrängen wird.
