So still das heutige Remsede auch daliegt, so bemerkenswert ist doch das ausgeprägte Bewusstsein der Eingesessenen für die überörtliche Bedeutung, die die Geschichte des kleinen Dorfes seit jeher hat. Denn Remsede gilt als außerordentlich alt, älter noch, als die Mutterkirche zu Laer, ja als Keimzelle der Christianisierung im südlichen Osnabrücker Land.
Den Zeitgenossen stand die besondere Bedeutung Remsedes lebhaft vor Augen. Schon der legendäre Dechant Heinrich Weber (1836-1889) selbst war sicher, dass sein Dorf das älteste der Region und ein Zentrum der Mission gewesen sei.[1] Aber nicht nur Weber allein ging davon aus, daß Remsede „in alter Zeit eine hervorragende Bedeutung“ hatte.[2] Der aus Glandorf stammende, in Münster lehrende Altertumsforscher Prof. Jostes notierte, dass Remsede „nach der Volkstradition der Ort (sei), an dem sich die erste christliche Kirche der Gegend befand“. Jostes war sicher, daß „die Sage von dem Alter des Ortes keine müßige Erfindung ist, sondern auf historischer Grundlage beruht. Bei der Kleinheit des Ortes (Remsede zählte etwa 430 Einwohner), die ihm bei allen Nachbarn die spotthafte Bezeichnung als „Stadt“ eingetragen hat, ist es nicht denkbar, daß er ohne jede Veranlassung und ohne jeden Grund im Bewußtsein der Bevölkerung jener Gegend eine so hervorragende Bedeutung erlangt hat“.
Ein Beleg für das außerordentlich hohe Alter Remsedes zeigte sich zu jener Zeit noch in der Pfarrkirche selbst. An der westlichen Seite des Chorbogens fand sich eine Inschrift „AEDIFICATUM ANNO DCCXXXIV“, d.h. „Erbaut 734“, die allerdings schon von Jostes als eine „plumpe, wenn auch nicht mehr ganz junge Fälschung“ identifiziert wurde.[3] Zwar glaubten auch die Remseder Heimatchronisten späterer Jahre nicht an die Echtheit dieser Inschrift.[4] Aber dennoch hielt sich in der Überlieferung hartnäckig, dass noch vor der Zeit Karls des Großen schottische Mönche auf Remseder Gebiet missioniert hätten.[5]
Maurus Rost, von 1666 bis 1706 Abt des Klosters Iburg, trug seinen Teil zur Remseder Legendenbildung bei. Nach alter Überlieferung glaube man, „daß die uralte Kapelle des hl. Antonius sowohl unmittelbar nach den Zeiten Karls des Großen erbaut worden ist …“.[6] „Unmittelbar nach den Zeiten Karls des Großen“ – die Textstelle deutet also auf eine Kapellengründung im frühen neunten Jahrhundert hin. Darauf aufbauend entschloss man sich in Remsede, die Gründung von Dorf und Kirchlein ins Jahr 835 zu verlegen und im Jahre 1935 eine Elfhundertjahrfeier abzuhalten, der 1985 eine prachtvolle 1150-Jahrfeier folgte.
Zu den Argumenten für ein hohes Alter Remsedes zählt übrigens auch der Name selbst; in der ältesten Urkunde aus dem Jahre 1050 wird das Dörfchen noch „Hramasitha“ bzw. Hramasithi genannt. Ein früherer Pfarrer und Chronist der Nachbargemeinde Laer namens Heinrich Schockmann übersetzte die Bezeichnung „Hramasithi“ mit „Rabenfeld“ und vermutete, dass sich dort „das Heiligtum des germanischen Gottes Wodan (befand), dem der Rabe ein heiliger Vogel war. Hramasithi war also Götterstätte, Sammelpunkt des Volkes“.[7] Daher schien es dem Chronisten reell, dass die ersten Mönche ihre erste Blockhütte aus roh zusammengehauenen Brettern auf Remseder Gebiet errichtet und anstehende Feierlichkeiten zu Wodans Ehren genutzt haben, um den versammelten Heiden machtvoll das Evangelium zu predigen, was, so Schockmann, schließlich „Brücken geschlagen (habe), zu den Herzen unserer Vorfahren“.[8]
Solcherart Vorstellungen blieben für das lokale Geschichtsverständnis bis in die jüngste Zeit bedeutsam. Anlässlich der Remseder Dorferneuerung gab die kleine Gemeinde für einige Zehntausend Mark eine Bronzeplastik in Auftrag, die den hl. Antonius zeigt, der mit dem Kreuz und einer Glocke in der Hand die beiden Raben Hugin (Gedanke) und Munin (Erinnerung), die ständigen Begleiter des höchsten germanischen Gottes Wodan, des Ortes verweist. Im Denkmal materialisiert sich schließlich, was an Remsedes Geschichte bedeutsam erscheint. Der christliche Glaube besiegte die heidnische, altgermanische Götterwelt, und er tat es von Remsede aus. Getragen wird die Botschaft letztlich nur durch die bewußtseinsbildende Kraft einer bemerkenswert hartnäckigen mündlichen Überlieferung, der ein Beweis seit jeher fehlte. Im Ergebnis zeigt sich aber, dass Remsede im letztlich zählenden örtlichen Bewußtsein uralt ist und eine christliche Missionszelle gewesen sein muss, viel bedeutender noch, als das übermächtige Laer, zu dessen Ortschaften Remsede bis 1851 gehören sollte und seit der Niedersächsischen Gebietsreform von 1972 erneut zählt. Remsede mag also klein und zur eigenständigen Existenz zu schwach sein, es mag keinen Pfarrer und keinen Bürgermeister mehr haben, aber es war schon da, als es sonst noch nichts gab, es existierte – das macht es aus.
[1] Vgl. Richard Sautmann, Das alte Remsede, Bielefeld 2001, S. 22.
[2] F. Jostes u. W. Essmann, Vorchristliche Altertümer im Gaue Suderberge (Iburg), Münster 1888, S. 6.
[3] Ebenda.
[4] Vgl. Bernhard Nonte, Remsede. Festschrift zum Jubiläum der St. Antonius Gemeinde, Mettingen 1985, S. 19.
[5] Vgl. Josef Suerbaum, Remsede, in: Unsere Heimat. Heimatbuch für den Landkreis Osnabrück, im Auftrag des Heimatbundes für den Landkreis Osnabrück, bearb. v. Mathias Brinkmann, Osnabrück 1951, S. 304-307.
[6] Zit. nach Nonte, Remsede, S. 28.
[7] Heinrich Schockmann, Aufzeichnungen zur Geschichte des Kirchspiels Laer, MS, o.O., o. J., S. 29.
[8] Ebenda, S. 31.
