Renaissance Theater: Daniel Kehlmann - "Geister in Princeton"

Daniel Kehlmann auf der Leipziger Buchmesse 2009 - OmiTs/Wikimedia
Daniel Kehlmann auf der Leipziger Buchmesse 2009 - OmiTs/Wikimedia
Kehlmanns Drama wanderte von Graz nach Berlin. Torsten Fischer inszeniert die Mathe-Stunde für Fortgeschrittene.

Das Berliner Renaissance Theater ist nicht gerade dafür bekannt, dass es besonders intellektuelle Zuschauer anzieht. Dennoch wird Daniel Kehlmanns kopflastiges Stück hier aufgeführt, wahrscheinlich, um ein anspruchsvolleres Publikum anzulocken und die Reputation zu steigern. Nach Kehlmanns verbalen Attacken gegen das Regietheater hat er nun einen Regisseur gefunden, der jedes Experiment scheut, keine Kostümschlacht austrägt und sich relativ genau an die Worte des Meisters hält. Im Mittelpunkt steht der Mathematiker Kurt Gödel, der die revolutionäre Entdeckung machte, dass selbst wahre Sätze nicht beweisbar sind. Privat ist er ein labiler, weltfremder Mensch, der Geister heraufbeschwört, die er nicht mehr vertreiben kann, da sie zu seinem ständigen Begleiter geworden sind.

Der labile Denker heiratet

Weil sich das gesamte Stück um den emotional instabilen Mathematiker dreht, wird er gleich von drei Schauspielern dargestellt: während Heikko Deutschmann den Erwachsenen Gödel spielt, übernimmt Benno Lehmann die Kindrolle und Dimosthenis Papadopoulos sein Alter Ego. Kurt Gödel lebt eigentlich nur, wenn er denkt, und das tut er sehr häufig, und am besten so, dass er seine Äußerungen auch verifizieren kann. Um wenigstens eine bürgerliche Solidität zu erlangen, heiratet er 1938 in Wien die busige, burschikose Adele (Katja Bellinghausen), deren größte Lebensleistung wohl die Beherrschung der häuslichen Sphäre ist. Wer sich damals mit Logik und positivistischem Denken beschäftigte, kam unwillkürlich mit dem Wiener Kreis in Berührung, der bei Fischer als stattliches Geflecht von Philosophen in Szene gesetzt wird. Gelegentlich taucht auch der Mathematiker John von Neumann (P.A. Heitmann) auf, der es für beinahe logisch hält, dass ein Logiker auch ein Melancholiker ist.

Über Omsk in die USA

Die Inszenierung beginnt mit der Beerdigung Gödels und seiner trauernden Witwe, um dann als Rückschau beim jungen Gödel anzusetzen. Spätestens 1940 merkt der Denker, dass eine Emigration in die USA unumgänglich ist: zusammen mit seiner Frau landet er bei russischen Grenzposten, die ständig von Omsk und Ulan-Bator schwadronieren und eine Bestechungssumme fordern, ohne die das kuriose Paar ohne Umschweife ins Jenseits befördert werden kann. Als die Gödels auftauchen, weht mit ihnen ein heftiger Schneesturm heran, der die Sachwalter des Kontrollsystems nicht weiter beeindruckt, obwohl der Schnee schlimmer als die sommerlichen Mücken sei. Die fragwürdigen russischen Grenzbeamten (Nikolaus Okonkwo, Boris Aljinovic) haben es sich so behaglich wie möglich eingerichtet: man schwatzt und wärmt sich auf, vornehmlich mit scharfen Getränken. Angesichts einiger langatmiger, träg hinfließender Szenen sorgt diese Durchgangsstation für eine Wiedererweckung der rezeptiven Kräfte.

Ein Gespräch zweier Geister und andere Geister

In Princeton erfolgt das Zusammentreffen mit jenem Mann, den man, so der Wortlaut, am liebsten als Opa haben möchte. In der Tat wirkt Einstein (Gerd Wameling) wie jemand, der, wenn er nicht gerade über die Relativitätstheorie plaudert, gerne Geschichten mit Lullaby-Charakter erzählt. Durch Einstein erfährt Gödel auch das Wesentliche über die Aufnahmeprüfung für die amerikanische Staatsbürgerschaft, die nicht nur ausreichend Kenntnisse der US-Geschichte erfordert, sondern auch die Namen verschiedener Gouverneure. Intervallartig sieht sich Gödel von Geistern umzingelt, mit denen er spricht, als seien sie real. Einstein hingegen hat beschlossen, nicht an Geister zu glauben, damit sie gar nicht erst auftauchen: „Es ist sicherer“. Das Gespräch der Alten – Einstein befindet sich im vorsenilen Stadium, Gödel ist innerlich gealtert und ein halbes psychisches Wrack – gehört noch zu den Höhepunkten der Inszenierung.

Ein langwieriges Dahinschleppen

Aber Gödel, der die Existenz eines vollkommenen Wesens für wahrscheinlicher hält als die eines Mittelmäßigen, leidet weiter, bis in den Kalten Krieg hinein, als die Sowjets schon die Atombombe besitzen. Das Leben Gödels ist wie ein langwieriges Dahinschleppen mit einer Frau im Schlepptau – ähnlich schleppend geht es auch manchmal in der Inszenierung voran, die nur in manchen Passagen einen hohen Unterhaltungswert erreicht. Immerhin weiß Heikko Deutschmann zu überzeugen, während Katja Bellinghausen mehr das Gewicht auf ihre Boulevard-Talente verlegt und dabei etwas blass bleibt. Immer wieder funkelt der Sprachwitz von Kehlmann auf, der recht originelle Dialoge geschrieben hat, die aber von den Akteuren nicht effektvoll genug rübergebracht werden. Insofern ist Kehlmanns Stück wesentlich besser als die Inszenierung, die mit mehr Feinarbeit und Einfallsreichtum besser hätte ausfallen können.

Geister in Princeton

von Daniel Kehlmann

Regie: Torsten Fischer, Bühne: Vasilis Triantafillopoulos, Kostüme: Bettina Gawronsky, Licht: Gerhard Littau.

Mit: Heikko Deutschmann, Katja Bellinghausen, Boris Aljinovi?, Gerd Wameling, Michael Rastl, Dimosthenis Papadopoulos, Fang Yu, Benno Lehmann, Nikolaus Okonkwo, Victor Schefé, Philipp Alfons Heitmann, László I. Kish, Horst Schultheis.

Renaissance Theater Berlin

Bildnachweis: © OmiTs/Wikimedia

Steffen B. Kassel, Steffen B. Kassel

Steffen Kassel - Magister in Germanistik, Geschichte und Philosophie (1994) Relevante Stationen: Auswertung von Fernsehsendungen (Institut für ...

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