Für Klaus Mann, den als "underdog" gebrandmarkten ältesten Sohn des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann, verkörperte der um acht Jahre jüngere René Crevel, der 1900 in Paris geboren wurde, Idol und Gottheit, Genie und Geliebten zugleich. Ihm widmete Klaus Mann seine "Kindernovelle". Aber nicht nur dort wurde der Pariser Freund porträtiert mit fast kindlicher Ausgelassenheit, sondern auch in seinem Roman "Der Wendepunkt".
Crevel und die Surrealisten
Crevel wurde in ärmlichen Verhältnissen geboren, der Vater beging im Jahr 1914 Selbstmord. Zeitlebens war die Mutter, die 1926 starb, dem Dichter verhasst.
Er studierte an der Pariser Sorbonne Literaturwissenschaften und absolvierte zwanzigjährig seinen Militärdienst beim 104. Pariser Infanterieregiment. Nach Bekanntschaft mit den Dadaisten wurde er 1921 Herausgeber der Zeitschrift "Aventure". Er verkehrte alsbald im surrealistischen Kreis mit Louis Aragon, Paul Eluard, André Breton, Tristan Tzara, Philippe Soupault, Yvan Goll und anderen Schriftstellern und Künstlern, etwa Gertrude Stein. Der "bekannteste Unbekannte" der Pariser Bohémiens litt an Tuberkulose und suchte zu Kuraufenthalten wiederholt Davos auf. Mit 35 Jahren beging er Selbstmord.
Sein erster Roman, "Détours", erschien 1924, gefolgt von "Mon Corps et moi" (1925, deutsch: "Mein Körper und Ich"), von "La Mort difficile" (1926, deutsch: "Der schwierige Tod") und weiteren, nur zum Teil ins Deutsche übersetzten Romanen.
Der Schreibstil des Bohémiens
Sein Werk besticht sowohl durch seine alle Register des Surrealismus ziehenden Erzähltechniken und Schreibweisen als auch durch einen ausgeprägten, scheinbar den Surrealismus analysierenden, wenn nicht sezierenden Ton. Nicht nur wird die Dingwelt in ihren Abwegigkeiten beleuchtet – sie wird zugleich, im hymnischen Gesang, Crevels "hohem Ton", ohne Scham abgesungen. Erziehung, Religion, die Moden der Psychoanalyse und Hypnose, diese sexualitätsbesessenen Galionsfiguren des von ihm verhassten, hygiene- und klatschsüchtigen Bürgertums, werden bis in ihre kleinsten Fasern filetiert. Crevel provoziert, verlacht, lästert, "versündigt" sich, um mit seiner Feder die bitterböse Bilanz zu ziehen, dass es nichts ist mit den hysterischen Insitutionen der Bourgeoisie. In "Mein Körper und Ich" wird scheinbar lapidar bemerkt: "In Wahrheit liebe ich (auch) den Geruch des menschlichen Samens."
"Der schwierige Tod"
Doch in Crevels "Der schwierige Tod" überwiegt die Handschrift realistischen Erzählens. Crevel bearbeitet hier sein ureigenstes und zugleich qualvollstes Thema: die fatale Konstellation seines Elternhauses. Berichtet wird von der Einfärbung und Vergällung eines heranwachsenden Kindes mit den zwang- und hasserfüllten Projektionen der Mutter, die den Selbstmord ihres Mannes nicht verwunden hat. Der solchermaßen fast in den Wahnsinn getriebene Sohn flüchtet sich in eine Beziehung, in der ihrerseits bereits zwanghaft anmutenden Hoffnung auf Befreiung seiner selbst. Für ihn jedoch entpuppt sich jeder dieser Versuche nicht nur als aporetisch, sondern apodiktisch im Sinne der erfolgten Nichtsnutz-Prophezeiung der Mutter: Pierre begeht Selbstmord, um sich zu befreien – und mit diesem Akt ist er fatalerweise dem Beispiel seines Vaters und dem von der Mutter heraufbeschworenen Versagen gefolgt.
Der verlachende Tonfall als Stilmittel
Crevels Roman ist dem Realismus verpflichtet. Kafkas Realismus des Irrealen, der dazu angetan ist, das Unfassbare minutiös zu verifizieren, steht mit Crevels Surrealismus des Realen Schulter an Schulter. Sinn: die Herstellung der absoluten Glaubhaftigkeit. Sein Tonfall wirkt überheblich, verlachend, versnobbt. Er ist aber vielmehr ausgeklügeltes, notwendiges Stilmittel: Der Autor chiffriert und verfremdet, um den Stoff erst "schreibbar" zu machen und die Dinge durchdringen zu können. Insofern ist dieser "verlachende" Ton wesentlicher Ausdruck eines selbst angelegten, notwendigen (auch formalen) Korsetts, das Crevel erst die kompromisslose, meditative Authentizität in seinen Texten ermöglicht – Grundvoraussetzung jeder Weltliteratur.
Literatur in Auswahl:
René Crevel: Der schwierige Tod. Suhrkamp 1988. Gebunden, 151 Seiten. Gebraucht erhältlich.
René Crevel: Mein Körper und ich. Europaverlag 1992. Broschur, 184 Seiten. Gebraucht erhältlich.
René Crevel: Seid Ihr verrückt? Suhrkamp 1991. Sondereinband, 161 Seiten. Gebraucht erhältlich.
