René Schlaf, Ocean of Noise - Rezension

Rock-Konzert - Matthias Balzer/Pixelio.de
Rock-Konzert - Matthias Balzer/Pixelio.de
Rock-Musik beruht auf der Anwendung der Elektrotechnik und benutzt gleichzeitig deren Möglichkeiten zur Klangerzeugung.

In seinem Buch “Ocean of Noise” hat sich René Schlaf als Ziel gesetzt, die zahlreichen Verflechtungen zwischen technischen Medien, insbesondere der Elektrotechnik, und der Entwicklung der Rock-Musik aufzuzeigen, also nachzuweisen, wie die Elektrotechnik die Rock-Musik beeinflusst und dadurch überhaupt erst ermöglicht hat, und zwar durch Elektrifizierung der Instrumente als Basis der Musikerzeugung und durch die damit verbundenen Möglichkeiten der Verarbeitung und Speicherung von Musik. Dabei macht Schlaf deutlich, wie komplex die technischen Voraussetzungen der Rock-Musik sind, und wie lang der Weg war, bis die Rock-Musik in der Form entstanden war, in der sie Eingang in das Ohr und auch in die Herzen ihrer zahlreichen Fans gefunden hat.

Die technischen Wurzeln der Rock-Musik

Wichtige technische Neuerungen, die – so Schlaf - die Rock-Musik erst in der Form entstehen ließen, wie sie heute bekannt ist, waren, was die Instrumente betrifft, die Entwicklung von elektrischer Gitarre und elektrischem Bass. Zusammen mit dem Schlagzeug bilden E-Gitarre und Bass-Gitarre die Basis der Musikerzeugung. Und zwar sind hier Bass-Gitarre und Schlagzeug für den Rhythmus zuständig, während E-Gitarre und der sie begleitende Gesang für die Melodieführung sorgen. Die Musikreproduktion, ohne die ebenfalls der Siegeszug der Rock-Musik nicht denkbar gewesen wäre, begann, wie Schlaf aufzeigt, mit der Erfindung der Schallaufzeichnung im 19. Jahrhundert. Besonders hervorzuheben sind hier die Erfindung des Phonographen durch Edison und die Erfindung des Grammophons mit dazugehöriger Schallplatte durch Emil Berliner. Letzteres wurde zur Basis der massenhaften Reproduktion von Musikaufzeichnungen. Am Anfang des 20. Jahrhunderts trug die Entwicklung des Funkgeräts und des Mikrofons entscheidend zur Verbesserung der Qualität der Musikaufzeichnungen bei. Hinzu kam die Erfindung des Magnetophons als Vorläufer des Tonbandgeräts. Ferner konnten durch den Einsatz von Mischpulten in Tonstudios und deren weitere technische Verfeinerung im Laufe des 20. Jahrhunderts Musik und Gesang zunehmend besser aufeinander abgestimmt werden.

Generell ist – wie Schlaf betont - die Geschichte der Schallaufzeichnung von dem Wunsch gekennzeichnet, möglichst originalgetreue, authentische Klänge reproduzieren zu können. Dabei wird über die Technik versucht, alle nichtmusikalischen Klänge (Störungen) auszuschalten. Allerdings unterwirft die Technik die Musik ihren Produktionsbedingungen. Die Musik muss sich, will sie aufgezeichnet oder übertragen werden, im technisch vorgegebenen Rahmen bewegen. Das heißt: Das letztendlich als ausgewogen und natürlich empfundene Klangbild wird künstlich und manipulativ hergestellt. Die Technik schreibt sich in den Klang ein. Der Mensch, der die Musik, die er erzeugt, aufzeichnen und möglichst vielen anderen zugänglich machen möchte, muss sich also an die technischen Vorgaben anpassen.

Die Elektrifizierung der Musikerzeugung und –reproduktion

Wie Schlaf aufzeigt, ging die Entwicklung der Elektro-Gitarre und des Elektro-Basses einher mit der Entwicklung der Verstärkertechnik, der die Erfindung der Elektronenröhre zugrundelag .Das heißt: Parallel zur Entwicklung von E-Gitarre und E-Bass verbesserte sich auch die Verstärkertechnik. Dabei zeichnete sich schon in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts die Trennung von Übertragungs- und Instrumentalverstärkern ab. Übertragungsverstärker wurden hauptsächlich zur Signalverstärkung von Reproduktionsgeräten (Grammophon, Magnettonband, Filmprojektor, Plattenspieler u.a.) benutzt. Instrumentalverstärker könnte man dagegen – so Schlaf - als Produktionsverstärker bezeichnen, da sie direkt an der Ton- und Klangerzeugung beteiligt sind und deshalb eine andere Technik erfordern. Für zwar werden für Instrumente, speziell die elektrische Gitarre, bis heute Röhrenverstärker im Unterschied zu Transistorverstärkern verwendet, da Röhrenverstärker im Hinblick auf die Klangerzeugung die für die Verarbeitung von Instrumentensignalen adäquatere Technik bieten. Insgesamt brachte die Elektrifizierung der Musikerzeugung und -reproduktion – wie Schlaf betont - zahlreiche neue Klang- und Manipulationsmöglichkeiten mit sich, die ein Fundament für alle kommenden Generationen legten.

Der Rock´n Roll als erste Welle der Rock-Musik

Wie Schlaf darlegt, verbreitete sich in den USA der 1950er Jahre der Rock´n Roll aufgrund des Medienverbundes von Rundfunk, Film und Schallplatte flächendeckend und war damit in dieser Dekade die modernste und einflussreichste Musikrichtung. Und zwar war – so Schlaf - der musikalische Kerngedanke des Rock´n Roll die innige Synthese aus schwarzem Blues und weißem Country. Einer der wichtigsten Gründe für die Entwicklung des Rock´n Roll war mit anderen Worten die Tatsache, dass Weiße mit schwarzer Musik konfrontiert wurden Dabei war für diese Musikrichtung prägend, dass ihre Protagonisten wie beispielsweise Buddy Holly nicht nur Sänger, sondern auch Komponisten und Songschreiber waren. Durch das Zusammenfallen von Interpret und Autor stellte sich – wie Schlaf betont - eine erhöhte Authentizität ein. Mit zunehmender Akzeptanz der elektrischen Gitarre in den 1950er Jahren erlangte zudem das Gitarrenspiel eine ähnlich große Popularität wie der Gesang.

Die neue Klangästhetik der Rock-Musik in den 1960er und 1970er Jahren

Die neuartigen Möglichkeiten der Klangerzeugung, die die Elektrogitarre bot, sorgten – so Schlaf - für den ungeheuren Aufschwung und die Verbreitung des Gitarrenspiels in der Rock-Musik der sechziger und siebziger Jahre. Und zwar sind in dieser Phase ein typisches und stilbildendes Merkmal der Rock-Musik die Verzerrungen des Klangs elektrischer Gitarren durch die so genannte Übersteuerung (Overdrive), also die elektrische Überlastung von Verstärkern, d.h., die Erzeugung einer neuen Klangästhetik aus dem Zusammenspiel von überlastetem Röhrenverstärker und elektrischer Gitarre. Der Sound übersteuerter Verstärker, welche die einkommenden Signale nur noch verzerrt wiedergeben können, wird damit zum Sound der Rock-Musik. Schlaf schließt daraus, dass Verstärker, Lautsprecher und Effekte gerade in der Rock/Pop-Musik über die eigentlichen Instrumente hinaus für die primäre Klangerzeugung unerlässlich sind, dass somit der Einsatz von Technik selbst ein Stilmittel der Rock- Musik darstellt.

Die Omnipräsenz des Rauschens

Schlaf beschließt sein Buch mit der Beschreibung einer grundlegenden Eigenschaft, die der Musik, aber auch der Lebenswelt des Menschen, immanent ist. Und zwar handelt es sich dabei um das Rauschen. Das heißt: Rauschen ist nicht einfach eine Quelle von Störungen, sondern stellt einen akustischen Hintergrund dar, auf dem sich die Informationen abzeichnen, die der Mensch wahrnimmt. Das Rauschen ist somit das Trägersignal für alle Informationen. Speziell in der Rock-Musik wird – so Schlaf – versucht, das Rauschen durch Rauschunterdrückungssysteme herauszufiltern, während andererseits versucht wird, Lärm in die Musik zu inkludieren. Hintergrund ist eine Auffassung von Musik als organisiertem Lärm. Darin kommt zum Ausdruck, dass Rock-Musik zum einen die Musik ist, die der industriellen, mechano-elektrischen Gesellschaft adäquat ist, und zum anderen mittels der Inklusion von Lärm den Aufstand gegen die Repräsentationsmusik und gegen die bürgerliche Kultur und soziale Ordnung symbolisiert.

Quellennachweis:

  • René Schlaf, Ocean of Noise, Verlag Dr. Müller 2008

Bildnachweis:

  • René Schlaf/bilandia.de
  • Dieter Schütz/Pixelio.de
  • Stefan Bayer/Pixelio.de
  • Matthias Balzer/Pixelio.de
Melitta Konopka, Melitta Konopka

Melitta Konopka - Ich bin promovierte Sozialwissenschaftlerin und habe bisher mehrere wissenschaftliche Bücher sowie zahlreiche wissenschaftliche ...

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