Rente 2012: Die Spätrentner kommen

72 Jahre: Parkplatzwächter beim Heide-Park. - Bernhard Knapstein
72 Jahre: Parkplatzwächter beim Heide-Park. - Bernhard Knapstein
Ab 1.1.2012 greift die gesetzliche Anhebung des Renteneintrittsalters. Wen trifft es wann und wie gehen Arbeitgeber mit den Längerbeschäftigten um.

Lebenslanges Arbeiten hält fit, erklärte der hochbetagte Altkanzler Helmut Schmidt am 23. Oktober 2011 im Fernsehinterview bei Günther Jauch. Wenn auch nicht lebenslang, so steht den Deutschen dennoch eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit ins Haus. Das 2008 in Kraft getretene RV-Altersgrenzenanpassungsgesetz greift ab dem 1. Januar 2012. Im vollen Wortlaut heißt die Normensammlung „Gesetz zur Anpassung der Regelaltersgrenze an die demografische Entwicklung und zur Stärkung der Finanzierungsgrundlagen der gesetzlichen Rentenversicherung“.

Die sukzessive Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters im Detail:

Geburtsjahrgang --> Anspruch auf gesetzliche Rente ab dem Alter von…

  • vor 1947 --> 65 Jahren
  • 1947 --> 65 Jahren und 1 Monat
  • 1948 --> 65 Jahren und 2 Monaten
  • 1949 --> 65 Jahren und 3 Monaten
  • 1950 --> 65 Jahren und 4 Monaten
  • 1951 --> 65 Jahren und 5 Monaten
  • 1952 --> 65 Jahren und 6 Monaten
  • 1953 --> 65 Jahren und 7 Monaten
  • 1954 --> 65 Jahren und 8 Monaten
  • 1955 --> 65 Jahren und 9 Monaten
  • 1956 --> 65 Jahren und 10 Monaten
  • 1957 --> 65 Jahren und 11 Monaten
  • 1958 --> 66 Jahren
  • 1959 --> 66 Jahren und 2 Monaten
  • 1960 --> 66 Jahren und 4 Monaten
  • 1961 --> 66 Jahren und 6 Monaten
  • 1962 --> 66 Jahren und 8 Monaten
  • 1963 --> 66 Jahren und 10 Monaten
  • ab 1964 --> 67 Jahren.

Doch es gibt auch Ausnahmen. Wer 45 Jahre lang Rentenbeiträge eingezahlt hat, kann weiterhin mit 65 Jahren ohne Abzüge in Rente gehen. Erziehungsjahre bis zum zehnten Lebensjahr des Kindes werden berücksichtigt. Auch die Angehörigenpflege kann unter Umständen anerkannt werden. Zeiten der Arbeitslosigkeit werden nicht anerkannt. Weitere Ausnahme ergeben sich aus Schwerbehinderung, der Untertage-Beschäftigung und teils auch aus früheren Altersteilzeitvereinbarungen mit dem Arbeitgeber.

Arbeitgeber passen sich an neue Situation an

Das Gesetz hat nicht nur Freunde gefunden. Immerhin ist nicht jeder Arbeitnehmer im Alter von 65 physisch oder mental noch zu Höchstleistungen fähig. Es gibt Berufsgruppen, in denen das tatsächliche Verrentungsalter aufgrund gesundheitsbedingter Berufsunfähigkeit deutlich niedriger liegt. Der Anstieg des Renteneintrittsalters ist damit eine Herausforderung, der sich nicht nur die Arbeitnehmer, sondern auch die zur Weiterbeschäftigung verpflichteten Arbeitgeber ausgesetzt sehen dürften. Die deutsche „Greisengesellschaft“ hat damit endgültig auch den Arbeitsmarkt erreicht.

Doch die Kappungsgrenze kann auch überschritten werden, wenn die Konstitution des jeweiligen Mitarbeiters es zulässt. Unter den 700 Arbeitnehmern des Heide-Park Resort etwa sind 71 Mitarbeiter älter als 55 Jahre und davon 11 über 65 Jahre. Sechs Angestellte haben sogar die 70 überschritten. Hannes Mairinger, der Geschäftsführer des Soltauer Unternehmens, beschwört geradezu gegenüber der Böhme-Zeitung die Vorteile erfahrener Mitarbeiter. Im Fahrgeschäft zähle die Erfahrung mit der Technik und auch im Parkplatzbereich würden sich die Ruhe und Zuverlässigkeit der „Parkplatzopis“ auszahlen. Die älteren Mitarbeiter stünden zudem oft bei den Eltern für Vertrauenswürdigkeit. Aber auch Hannes Mairinger weiß: „Es kommt auf die körperliche und geistige Fitness an“. Im IT-Sektor sei zudem eine zügige Lernfähigkeit gefragt, so der Chef des Freizeitparks.

Gehaltseinbußen sind denkbar

Der Soltauer Maschinenbau-Unternehmen Röders GmbH macht allerdings auch unpopuläre Einschränkungen, die andere Arbeitgeber lieber nicht direkt ansprechen. „Wenn altersbedingt die Leistungsfähigkeit nachlässt, sollte sich das auch in den Kosten widerspiegeln“, erklärt Geschäftsführer Jürgen Röders. Die Beschäftigten müssten gegebenenfalls Abstriche im Verdienst akzeptieren. Ein Wechsel von Arbeitsaufgaben im hohen Alter sieht Jürgen Röders in dem Familienunternehmen wegen der langen und teuren Einarbeitungszeit eher skeptisch. Die Erfahrungen seien das Wertvollste, was die auch über 65-jährigen Mitarbeiter einbringen könnten.

Schichtarbeit belastet im Alter

Vor der Frage der altersbedingten Längerbeschäftigung steht auch die Hamburger Großbäckerei Harry Brot. Personalchef Hans-Bernd Spirres sieht in der Schichtarbeit eine Belastungsprobe für ältere Mitarbeiter. Harry-Brot gewährt deshalb Angestellten ab 58 Jahren neben dem üblichen Urlaubsanspruch zusätzlich zehn freie Tage. Eine Freistellung von der Schichtarbeit sei aber nicht generell möglich, so Spirres. Wer früher in Rente wolle, der müsse hohe Rentenkürzungen hinnehmen.

Die Arbeitgeber haben verschiedene Ansätze des Umgangsmit den Herausforderungen, die sich aus der Spätverrentung ergeben. Es besteht aber auch die Gefahr, dass das durchschnittliche Gehaltsniveau in den letzten Arbeitsjahren wieder sinken könnte. Für eine ernsthafte Analyse über die tatsächlichen Herausforderungen durch die Anhebung des Renteneintrittalters ist es noch zu früh. Immerhin ist die behutsame Anhebung (Tabelle) mit 17 Jahren auf einen relativ langen Zeitraum verteilt.

Quellen:

  • Bundesgesetzblatt 2007, Teil I Nr. 16, Seite 554 ff.
  • Böhme-Zeitung vom 22.11.2011
B. Knapstein, B. Knapstein

Bernhard Knapstein - 1967 in Köln geboren. Studium in der Rheinmetropole: Geschichte, Sport und Rechtswissenschaften. Redaktionsassistent in der ...

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