Reproduktionsmedizin in Deutschland: Trends, Prognosen, Fakten

Mikroskop - Michael Bührke
Mikroskop - Michael Bührke
Der Beitrag der Reproduktionsmedizin kann einen sehr kleinen Teil des in Deutschland herrschenden Geburtendefizits abfangen - mit viel Luft nach oben.

Wie in vielen europäischen Ländern stagniert die Geburtenrate in Deutschland seit Jahrzehnten unterhalb des Bestanderhaltungsniveaus von 2.1 Kindern pro Frau. Im Zusammenspiel mit der steigenden Lebenserwartung und der gesunkenen Nettozuwanderung ergibt sich eine Bevölkerungsstruktur, die durch Schrumpfung und Alterung gekennzeichnet ist. Gestatten – die Konsequenzen des Demografischen Wandels.

Mit Blick auf die Reproduktionsmedizin kann nun die Frage aufgeworfen werden, welches Potenzial die künstliche Befruchtungsindustrie auf die Bevölkerungsstruktur hat beziehungsweise hätte? So gibt es viele Paare, die aufgrund biologischer Hindernisse keine Kinder bekommen können und folglich kinderlos bleiben würden. In diesem Sinne stellt die künstliche Befruchtung für jene Paare den letzten Hoffnungsschimmer für ein eigenes Kind dar.

Die Entwicklung der Reproduktionsmedizin in Deutschland

Im Jahr 1982 wurde das in Deutschland erste Retortenbaby geboren. Seither hat sich die Reproduktionsmedizin weiter entwickelt. Neue Behandlungsmethoden wie die intraycytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) und die Kryokonservierung sind entstanden. Ein sich ausweitendes Angebot wäre ausgeblieben, gäbe es nicht eine ausreichend große Nachfrageseite, die es bedienen kann. Personifiziert wird das Pendant zum Angebot durch jene 1,4 Millionen Paare, die ihren Kinderwunsch nicht auf natürlichem Wege realisieren können, Diagnose: unfruchtbar (Sütterlin, Hoßmann 2007).

Nach Angaben des Deutschen IVF-Registers (DIR) von 2005 wurden zwischen 1997-2005 insgesamt Diese Kinder werden, wenn sie das reproduktive Alter erreichen, wiederum Kinder gebären. Somit haben in diesem Zeitraum nicht nur fast 93.500 Kinder infolge der künstlichen Befruchtung das Licht der Welt erblickt - sie selbst werden wiederum neues Leben gebären.

Um den Beitrag der IVF-Geburten in der Geburtenstatistik einordnen zu können, müssen die jährlichen „Petrischalen-Geburten“ im Verhältnis zur jährlichen Gesamtgeburtenzahl betrachtet werden. Dies hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung für die Jahre 1997 bis 2005 unternommen. Für diesen Zeitraum zeigt sich, dass während die Gesamtzahl der Lebendgeburten von Jahr zu Jahr gesunken ist, die Anzahl der IVF-Kinder zugenommen hat – jedoch nicht über das gesamte betrachtete Zeitintervall. Von etwa einem halben Prozent im Jahr 1997 hat sich der Anteil der IVF-Kinder an den Gesamlebendgeburten bis 2003 auf 2,67 Prozent erhöht. Im Zuge einer Reform im Gesundheitswesen hat sich dieser Trend jedoch umgekehrt, so dass zwei Jahre darauf nur noch knapp ein Prozent der Lebendgeburten aus einer künstlichen Befruchtung hervorgegangen sind (Dokumentation Bevölkerungsberechnung 2050).

Andere Länder andere Verhältnisse - Beispiel Dänemark

Ein anderes Bild zeigt sich beim Blick über die deutschen Bundesgrenzen gen Norden - nach Dänemark. Im Vergleich zu Dänemark scheint der Beitrag der Reproduktionsmedizin in Deutschland vielmehr dem besagten “Tropfen auf dem heißen Stein“ zu gleichen. Betrachtet man den Anteil der IVF-Kinder an der Gesamtgeburtenzahl, war 2003 DAS Jahr der deutschen Reproduktionsmedizin: 2,67 Prozent umschreiben das Verhältnis von 18.872 „Petrischalenkindern“ zu 706.721 Lebendgeburten (Sütterlin, Hoßmann 2007). Ein ähnlich hoher Anteil lag in Dänemark bereits im Jahr 1997 vor. Binnen weniger als zehn Jahren wurde dort ein Niveau von 4,5 Prozent erreicht. Aufgrund eines hierzulande stärkeren jährlichen Geburteneinbruchs und dem geringeren Anteil an „Petrischalenkindern“, ist festzuhalten, dass der Effekt der Reproduktionsmedizin in Deutschland vergleichsweise weniger zur Geltung kommt als es in Dänemark der Fall ist (Dokumentation Bevölkerungsberechnung 2050).

Erschwernise für die deutsche Reproduktionsmedizin: Restriktive Gesetze und finanzielle Hürden

Zwecks Klärung der Variationen zwischen den deutschen und dänischen IVF-Anteilen bedarf es keiner langen Recherche. Zum einen ist es das Embryonenschutzgesetz. Bekannt für den hohen Restriktionsgrad verbietet dieses die Anwendung von risikosenkenden und effizienzsteigernden Methoden wie den elektiven Single-Embryo-Transfer (eSET). Diese Methode zielt darauf ab das Risiko von Mehrlingsschwangerschaften zu senken. Gleichzeitig kann über die morphologisch basierende Embryonenauswahl, die Aussicht auf eine Schwangerschaft erhöht werden, da der entwicklungsfähigste Embryo in die Gebärmutter transferiert wird. Zum anderen hat das Gesundheitsmodernisierungsgesetz von 2003 zu einem beachtlichen Einbruch in der Inanspruchnahme der künstlichen Befruchtung geführt. So übernimmt die Kasse seither nur noch 50 Prozent der Kosten für nur noch drei Behandlungszyklen. Bis einschließlich 2003 wurden einem verheirateten Paar vier Behandlungszyklen voll erstattet. In Dänemark werden die kompletten Kosten für jeweils drei Behandlungszyklen übernommen Auch Finnland und Belgien bezuschussen die Behandlungskosten weitaus großzügiger als es seit 2004 in Deutschland der Fall ist (Sütterlin, Hoßmann 2007).

Literatur und Quellen

Sütterlin, S.; Hoßmann, I. (2007): Ungewollt kinderlos: Was kann die moderne Medizin gegen den Kindermangel in Deutschland tun? Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (Hrsg.)

Dokumentation der Bevölkerungsberechnung 2050, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Deutsches IVF-Register