Russische oder mexikanische Liliputaner, ein fetter Hermaphrodit, immer wieder Transvestiten. Aber auch scheinbar normale Menschen, ein tanzendes Männerpaar, eine Frau mit Affenbaby, Nudisten in ihren Camps.

Es war keine schöne Welt, die Arbus in diesen radikalen, kontrastreichen Schwarz-Weiß-Fotos festhielt. Sie zeigte eine verwirrende Welt, die über die Ränder des Normalen hinaus glitt oder in der das Alltägliche fremd wurde. Der American Dream war ausgeträumt, der Dichter Allen Ginsberg stimmte 1955 sein „Howl“ (Geheul) an: „Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, ausgemergelt hysterisch nackt…“. In dieser Zeit begann die Künstlerin Außenseiter abzulichten, ohne sie auf ihren Bildern vorzuführen.

"Nichts ist so wie es sein soll"

So, wie Ginsberg rhythmisch rief, „Everything is holy!“, so waren Arbus die von ihr fotografierten Freaks heilig: „Die meisten Leute haben ihr Leben lang Angst, dass ihnen etwas Traumatisches zustößt. Freaks sind mit einem Trauma auf die Welt gekommen. Die Lebensprüfung haben sie schon bestanden. Sie sind Aristokraten.“

Jedoch ver-rückte sie auch die scheinbar Normalen auf den Fotos leicht ins Freakige - „James Brown zu Hause mit Lockenwicklern“ sowieso, aber auch den „Kriegsveteran mit Flagge“, das „Königspaar beim Seniorenball“ oder die „Familie im Garten. „Nichts ist so, wie es angeblich sein soll“, meinte die Künstlerin, die weder ihre Außenseiter verklärte noch die Normalen denunzierte, sondern alle einfach in ihrem Sosein zeigte. Ihre Bilder sind keine Schnappschüsse, die Porträtierten konnten sich immer selbst inszenieren. Oft wirken die fotografierten Einzelnen oder Paare wie erstarrt, eingefroren in bizarren Posen, dabei häufig einsam und verletzlich wie das schauerliche „Kind mit Spielzeuggranate“.

Politische Fotografie?

In den 1960er Jahren, den Zeiten des Aufruhrs, konnte die freie Fotografin gut ihre exzentrischen Arbeiten in experimentierfreudig gewordenen Magazinen unterbringen. Jedoch die Revolte der Schwarzen, der Widerstand gegen den Vietnamkrieg, die bunten Hippies kamen in ihren Bildern nicht vor. Bis zu ihrem Tod 1971 blieben ihre Fotos schwarz-weiß und vordergründig unpolitisch.

Posthum widmete das Museum Of Modern Art ihr 1972 eine Retrospektive, die Bilder wurden von den Besuchern angespuckt, die Ausstellung heftig kritisiert. „Es gibt Dinge, die niemand sehen würde, wenn ich sie nicht fotografiert hätte", sagte Arbus zu Lebzeiten. Das macht ihre Arbeiten letztlich so kämpferisch und politisch, denn dieses Amerika wollten viele Amerikaner einfach nicht sehen.

Diane Arbus noch bis zum 23. September 2012 im Martin-Gropius-Bau Berlin, Mi bis Mo 10 - 19 Uhr, Eintritt 10 €

48 Fotos der Ausstellung zum Ansehen

http://photography-now.net/diane_arbus/index.html

Immer wieder war Arbus fasziniert von Nudistenpaaren. Auf ihren Fotos posieren diese, meist übergewichtigen Nackedeis in spießigen Interieurs, als wären sie normal angezogen. Die Fotografin kommentierte diese seltsame Welt: „Es ist, als hätten Adam und Eva nach dem Sündenfall Gott angefleht, ihnen zu vergeben, und er in seiner grenzenlosen Verbitterung gesagt hätte: ‚Also gut, dann bleibt im Garten Eden. Werdet zivilisiert. Vermehrt euch. Verpfuscht es.’ Und genau das haben sie getan.“