Rettungshund Barry - ausgestopft und zugenäht

Vor etwa 200 Jahren starb der Bernhardiner Barry. Noch heute steht er im Foyer des Naturhistorischen Museums in Bern.

Zahlreiche Legenden ranken sich um das Leben des Rettungshundes Barry vom Hospiz auf dem Großen Sankt Bernhard in der Schweiz. In Asnières bei Paris wurde ihm sogar ein Denkmal errichtet. Die Inschrift besagt, der Hund habe 40 Menschen gerettet, bis er vom 41. getötet worden sei. Das allerdings ist nicht wahr.

Die Geschichte vom tapferen Rettungshund

Auf der Passhöhe des Großen Sankt Bernhard lebten jahrhundertelang Hunde. Zunächst wohl ausschließlich als Wachhunde des Gasthauses angeschafft, halfen die Hunde spätestens seit dem 18. Jahrhundert den auf dem Berg lebenden Mönchen bei der Rettung verirrter Reisender und Verschütteter. Immer wieder wurden aber auch Geschichten darüber verbreitet, wie die Hunde tagelang allein und selbständig nach verunglückten Menschen gesucht hätten. Belege dafür gibt es nicht. Bezeugt ist aber, dass die Hunde die Mönche und Bediensteten des Klosters auf ihren Wegen und bei der Rettungsarbeit begleiteten. Wurden schon die Rettungshunde des Hospizes allgemein durch Legenden verklärt, so erreichte die Heroisierung mit dem Bernhardiner Barry den Gipfel. Barry lebte von 1800 bis 1812 auf dem Hospiz und verlebte seinen Lebensabend in Bern. Als er dort 1814 gestorben war, wurde er auf Wunsch des Priors des Klosters präpariert und im Berner Museum zur Schau gestellt. Der Hund soll nicht nur viele Menschen gerettet haben. Unzählige Legenden erzählen auch, wie er einmal ganz allein ein Kind auf seinem Rücken ins rettende Hospiz gebracht habe – nicht ohne dort zuvor die Eingangsglocke zu läuten.

Der Bernhardiner als Konstrukt moderner Züchtung

Es waren wohl keine besonderen, nach dem heutigen Verständnis von Rassemerkmalen ausgelesene Hunde, die auf dem Hospiz lebten. In alten Quellen ist von mittelgroßen Hunden die Rede. Vermutlich hatten sie ein dichtes, wasserabweisendes Fell, um in Schnee und Eis überleben zu können. Auf rein äußerliche Merkmale, die nichts mit der Eignung für das Leben auf dem Hospiz zu tun hatten, wurde offenbar nicht geachtet. Bezeichnenderweise wurde erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Aufkommen von Hundezuchtvereinen überhaupt ein fest umrissenes Erscheinungsbild der dann auch „Bernhardiner“ genannten Hospizhunde beschrieben. Einige wenige, einflussreiche Züchter legten den Standard fest, an dem sich die Rasse der Bernhardiner fortan orientierte. Obwohl sie sich auf die Hospizhunde beriefen, hatte deren Erscheinungsbild mit dem neuen Standard wenig zu tun. Das heute als charakteristisch empfundene, schwerfällige Äußere der gezüchteten Bernhardiner wäre für den Einsatz auf dem Hospiz nicht geeignet gewesen.

Ein ausgestopfter Hund als Zeuge

Wenn in dem legendären Barry sozusagen den „Ur-Bernhardiner“ zu sehen ist, auf den sich die Züchtung beruft, dann gibt es mit dem ausgestopften Tier im Berner Museum einen handfesten Zeugen für das originale Aussehen – sollte man meinen. Die bizarre Geschichte des präparierten Hundes zeigt aber, dass das ein Trugschluss ist. Die erste Präparierung des Hundes von 1814 musste schon 1826 erneuert werden. Etwa 100 Jahre später wurde noch einmal eine Aufarbeitung nach einer neuen Methode vorgenommen. Jedes Mal wurde die Haut des Hundes großflächig ausgebessert und die Haltung nach dem Zeitgeschmack verändert: War er von 1826 bis 1923 mit demütig gesenktem Kopf zu sehen, so zeigte ihn die nachfolgende Präparierung mit erhobenem Haupt. Im Jahr 2000 wurde der ausgestopfte Barry wissenschaftlich untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass die Proportionen des Hundes durch Ergänzungen der Haut erheblich verändert worden sein mussten. Der erneute Versuch, eine Vorstellung vom ursprünglichen Aussehen des „Ur-Bernhardiners“ zu gewinnen, verschonte die strapazierten Überreste von Barry und beschränkte sich auf eine vorsichtige, rein zeichnerische Rekonstruktion, die sich auf alte Fotos und den erhaltenen Originalschädel stützt. Einen Bernhardiner nach heutigem Verständnis zeigen auch diese Rekonstruktionen nicht.

Quelle: Marc Nussbaumer, Barry vom Großen St. Bernhard. Bern 2000

Eva Bambach 2011, Eva Bambach

Eva Bambach - Seit 1995 freie Autorin und Redakteurin für verschiedene Verlage, unter anderem für Brockhaus, Harenberg, Meyer, Duden; ...

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