
- Titelcover - Rheinlandia Verlag
Originale gab es in nahezu jeder Stadt. Ich erinnere mich noch, wie ich vor Jahrzehnten in einem Düsseldorfer Altenheim eine kleinwüchsige Frau traf, die sich als bekanntes Altstadtoriginal herausstellte. Oder die weiter über die Grenzen Düsseldorfs bekannte Mutter Ey, die auch ein großes Herz für alle Künstler hatte.
Solingen und seine Originale
Düsseldorf, Köln, das sind die Städte, die eine Vielzahl von rheinischen Originalen haben. Heute selten geworden, waren sie vor allem um die Jahrhundertwende zum 20. bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts dadurch auszeichneten, dass sie anders als die "normalen" Bürger lebten und auch einen großen Bekanntenkreis hatten. Im Gegensatz zur erwähnten Mutter Ey ist es aber das Schicksal vieler Originale, während ihrer Lebezeit durchaus bekannt zu sein, dann aber der Vergessenheit anheim zu fallen.
Dem Autor ist es nun gelungen, in intensiver Kleinarbeit eine Vielzahl von Geschichten (in Solingen nennt man die Dönnekes) über Solinger Einwohner zusammenzustellen, die man durchaus als Originale bezeichnen kann. Sieht man von einigen wenigen Geschichten ab, die eigentlich nur Einzelereignisse beschreiben, die zwar in der Erinnerung geblieben sind, aber nicht direkt Originale ausmachten, sind es doch etliche Geschichten von Leuten geworden, die sich durch etwas auszeichneten und von der Menge abhoben. Fast alle lebten um die vorletzte Jahrhundertwende.
Was macht ein Original aus?
Es gibt verschiedene Arten von Originalen. Der eine Teil gehört zu den Personen, die kaum Erfolge in der Schule hatten, dann aber eine Passion fanden (z.B. der Handel mit bestimmten Gegenständen, ob Pflaumen, Äpfel oder Schnürsenkel) und so vielen Leuten bekannt wurden – eine Voraussetzung, als Original bezeichnet zu werden. Ein großer Teil gehört zum Bereich der Gastwirte. Es ist erstaunlich, wie viele in diesem Buch zu dieser Berufsklasse zählen. Und schließlich gibt es auch Leute, die finanziell unabhängig sind und es sich durch das oft selbst erworbene Vermögen leisten können, ungewöhnlich zu sein und gegen den Strom zu schwimmen. Alle drei Typen kommen in diesem Buch vor.
Das Besondere des Buchs "Solinger Originale"
Erwähnenswert ist die Entstehungsgeschichte und damit das Erscheinungsbild des Buchs prägt. Seit 1995 gibt es das "Forum für kulturelle Zusammenarbei Solingen-Minsk e.V.", das den künstlerischen Austausch zwischen beiden Städten fördert. Olaf Link ist Vorsitzender des Forums und konnte den Kunstprofessor Vladimir Towstik als Illustrator für das Buch gewinnen. So konnten, alleine anhand der Beschreibungen, einige der Originale in den ganzseitigen Darstellungen quasi wieder zum Leben erweckt werden.
Gibt es heute noch Originale in Solingen?
Dazu muss man natürlich eingestehen, dass in unserer heutigen Zeit die Originale seltener werden. Zwar hört man in den Erzählungen gar nicht so alter Solinger noch viel über Zeitgenossen mit gewissen Macken, die sie zu Originalen machten. Heute gibt es aber wenige davon. Mir fällt da z.B. Eier-Rolf ein, der mit seinem fahrenden Eierhandel eine Höhscheider Einrichtung war (und heute noch seine Rente genießt), ebenso wie Herbert, der seine Kneipentouren jeden Abend in einer bestimmten Reihenfolge vornimmt und über alles, was in Solingen passiert, besser Bescheid weiß als die Tageszeitungen. Gepflegt vom Kopf bis zur Sohle, hört man ihn meist schon von weitem. Und da gibt es noch den einen oder anderen Gastwirt, der durchaus als Original bezeichnet werden kann. Aber es werden immer weniger. Schade. Umso besser ist es, dass der Autor zumindest diese Originale ein bisschen der Vergessenheit entrissen hat.
Referenz
Forum für kulturelle Zusammenarbeit Solingen-Minsk e.V. (Hrsg.): Solinger Originale in Anekdoten und Geschichten vorgestellt von Olaf Link. 84 Seiten, mit 13 ganzseitigen Zeichnungen von Vladimir Towstik, Hardcover, ISBN 978-3-938535-65-3, Rheinlandia Verlag, Siegburg 2010, 16,80 €
