„Nichts ist beängstigender als ein Mysterium: ein Problem, das definitiv keine Lösung hat. Da kommt man ins Grübeln, ins Phantasieren…Aber ich will nicht grübeln. Ich will wissen, begreifen.“
Das Evangelium nach Pilatus ist ein zweiteiliger Roman, der die Passionsgeschichte in einem völlig neuen, rational greifbarem Licht erscheinen lässt. Eric-Emmanuel Schmitt, welcher bereits mit „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ eine Welterfolg landete, nennt sein Buch einen „Anti-Krimi“. Pontius Pilatus ist im zweiten Teil von „Das Evangelium nach Pilatus“ der „Kommissar“ und somit der Hauptprotagonist, der mit detektivischem Gespür das Verschwinden der Leiche des gekreuzigten Jeschua aufklären will. Sein Vorgehen ist analytisch und rational und zeigt auch die Menschliche Seite der Figuren aus der Bibel. Der Text ist in einer ansprechende Briefform verfasst, die dem Leser eine direktere Vermittlung bietet und ihn sofort in ihren Bann zieht.
Brillant einfache und menschliche Darstellung des biblischen Jesus
Der erste Teil des Buches stellt den Prolog dar, der jedoch ohne Untertreibung als eigener kleiner Roman durchgehen könnte. Ein sehr leiblicher Monolog der das Leben und Schaffen der historischen Figur des Jesus bis zu seiner Verhaftung in lebensechten Bildern gekonnt nachzeichnet, lässt den Leser eintauchen in das Galiläa vor zweitausend Jahren.
Der Roman schmeckt nach mehr und breitet sich systematisch vor dem Leser aus. Schmitt schafft jedoch gekonnt eine Reibefläche zwischen Atheismus und Christentum. Ungewollt (oder vielleicht doch ganz gezielt) erzürnt er Fanatiker beider Seiten auf süßliche, gar liebenswerte Art, ohne diese Leser vollends zu vergrämen. Man will am Ball bleiben und wissen wie man weiter geht, selbst dann wenn man die Geschichte bereits in ihrer Urfassung kennt oder ihr ablehnend gegenüber steht. Schmitt lässt beide Wege offen, bis zum Schluss. Am Ende des Evangeliums nach Pilatus begeht er einen Fehler. Er vermittelt durch die Protagonistin Claudia, die Frau des Pilatus, der eine ungemein wichtige Rolle als Mittlerin im Buch zukommt, eine Geisteshaltung, die vor allem bei Atheisten die Alarmglocken läuten lässt. Claudia, von Schmitt selbst in spiritueller Sicht als sein Alter-Ego bezeichnet, lässt durchblicken, dass das Christentum der bessere Weg sei, als die Skepsis.
Unvermittelt fühlen sich Atheist wie Agnostiker vor den Kopf gestoßen und reagieren mit Entrüstung. Man hatte etwas anderes erwartet – eine naturwissenschaftliche Lösung des Falles, keine christliche Teil-Offenbarung. Das Buch in seiner Originalfassung endet hier.
Die erweiterte Auflage bietet mehr
Trotz seines Taktgefühls und seiner leichtfüßigen Spiritualität unter analytisch, geradezu forensischer Betrachtung, zollt dieser Text am Ende der Vorlage und der christlichen Gesinnung des Autors Tribut. Ein feinfühliger Beginn scheint in einem Verriss enden zu wollen der zu oft nur zu altbekannte Phrasen einer christlich-religiösen Doktrin ins Feuer des Textes wirft. So weiß der kritische Leser nicht recht was er von dem Text halten soll. Zu gefallen vermag der Text durchaus, zu bewegen auch. Doch kann er beruhigen oder gar Einsicht generieren? Zu überzeugen oder zu bekehren dürfte wohl nicht im Sinne Schmitts sein. Davon erzählt er im „Dritten Evangelium“, quasi die Apokryphen des Schmitt, die sehr persönliche Chronik des Autors über das Zustandekommen dieses Textes.
Jene Chronik ist nur in der Neuauflage von 2005 enthalten und schafft es das Ruder grandios herumzureißen. Zwar stellt jede Seite abwechselnd für Atheist wie Christ eine Offenbarung, wie einen Affront dar, endet jedoch in großmütigem Verständnis und einem kleinen Stück Zufriedenheit für Alle. Diese Textpassage ist eine entscheidende. Sie schließt nicht die Debatte, sie schafft was die anderen beiden Teile nicht können, sie schließt das Buch. Macht es kompletter, versöhnlicher.
Fazit
Das Evangelium nach Pilatus trägt problemlos auf seinen Schultern was die Vorlage durch die Geschichte trug. Die viel zu schwere Last der Vergangenheit wird portioniert und verdaulich gemacht, entfernt sich von Missionierung wie Doktrin und schafft es zu fesseln gleichsam zu überraschen. Ein rundum gelungener Roman für Jedermann, mit Ecken und Kanten, der zu polarisieren weiß.
Buchempfehlung:
Eric-Emmanuel Schmitt: Das Evangelium nach Pilatus (L’Évangile selon Pilate), übersetzt von Brigitte Große, Ammann Verlag, 3. Auflage, 2005
