Rezension: Das Glück hat mich umarmt

Nea Weissberg-Bob alias Nejusch legt einen Briefroman vor

Der Roman ist eine im Dialog mit einem fiktiven Brieffreund vollzogene Suche nach der eigenen Geschichte und eine gefühlvolle Aufarbeitung jüdischer Vergangenheit.

"Das Glück hat mich umarmt": Dieser in Briefform verfasste Roman ist eine Begegnung mit der Gedanken- und Gefühlswelt einer Frau, die sich mit der Vergangenheit ihrer jüdischen Familie auseinandersetzt. Dabei kommt es zu einer tiefsinnigen und emotionalen Aufarbeitung der einzelnen Beziehungen innerhalb der Familie. Anfangs sehr offen, dann immer zurückhaltender berichtet die Hauptfigur von ihren Wünschen und Sehnsüchten, von ihren Fragen und nie erhaltenen Antworten. Bis in existenzielle Tiefen geht Nejusch vor allem dem Schweigen ihrer Eltern zu Ereignissen des Holocaust nach, und stets ist ihr Wunsch spürbar, endlich mehr über dieses dunkle Kapitel ihrer Familie zu erfahren. Dieser Prozess des Forschens im eigenen Inneren verläuft dabei nicht stringent chronologisch. In den verschiedenen Jahrzehnten ihres Lebens umherspringend, lässt Nejusch längst vergessene Erinnerungen wieder zum Leben erwecken und versucht auf diese Weise, ihre Vergangenheit zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Das große Thema, wie die Folgegenerationen von Juden und Deutschen mit dem Schrecken des Holocaust leben, bildet dabei den Rahmen und auch das Ziel des Romans.

Ein imaginärer Brieffreund setzt die Impulse

Bei der Aufarbeitung ihrer Lebens- und Familiengeschichte ist die Form des Dialogs hilfreich, aber auch schmerzhaft. Nejusch schreibt einem nie aus der Anonymität tretenden Brieffreund, im Dialog mit diesem, erhält sie immer neue, sie herausfordernde Impulse, sich mit dem eigenen Leben, der vielgliedrigen Geschichte ihrer Familie sowie ihrer Beziehungen intensiv auseinanderzusetzen. Der Brieffreund, dem sie sich anvertraut und der für sie zu einem Weggefährten durch ein vergessenes Leben wird, ist ein Nichtjude. Darauf deuten die zahlreichen Nennungen jüdischer Begrifflichkeiten hin, mit denen Nejusch ihren Freund versorgt. Dieser Brieffreund ist es letztlich auch, der dazu beiträgt, dass der Dialog zwischen beiden zum Scheitern verurteilt ist. Zu schwer ist ihm die Verantwortung für das jüdische Leid, zu belastend die offenbarte Tragödie, zu groß die Last, die Nejusch mit ihm teilen möchte.

Nejusch: Vermittelte Erfahrung von Einsamkeit und Zerissenheit

Ein durch den gesamten Roman zu verfolgendes Gefühl ist das der Einsamkeit. Nejusch schildert in dunklen Bildern ihre kindliche Sehnsucht nach der mütterlichen Nähe, ihren Kampf um die Aufmerksamkeit einer zwar erfolgreichen aber auch distanzierten Frau. Dieser Kampf prägt auch ihr Verhältnis zu ihrer Schwester, mit der sie in einer ständigen Konkurrenzsituation steht. Zur Retterin avanciert Hetti, das Kindermädchen, die in vielen Bereichen die Rolle der Mutter übernimmt und den Kindern wenigstens ansatzweise die so sehr ersehnte Wärme und Anerkennung schenkt. Dennoch wird der Roman zu seinem Ende hin zum Zeugnis der großen Liebe, die Nejusch für ihre Eltern und auch ihre Zwillingsschwester empfindet.

Neben der Sehnsucht nach der mütterlichen Nähe hat der Leser stets den Eindruck, an der großen Zerissenheit von Nejusch teilzuhaben. Die vollzogenen Gedankensprünge, die vielen, unvermittelten Bilder, die vor Nejuschs geistigem Auge auftauchen, zeugen von der inneren Heimatlosigkeit und der verzweifelten Suche nach der eigenen Geschichte und Gegenwart. Vor allem das Hadern mit der Schweigsamkeit der Eltern zur Schoa gipfelt schließlich in der Erkenntnis, dass die völlige Ausblendung der Ereignisse während der Nazizeit für die Familie einen unbelasteten Neuanfang darstellen sollte.

Die Autorin Nea Weissberg-Bob

Seit mehr als zwanzig Jahren ist Nea Weissberg-Bob, die selbst Jüdin ist und heute in Berlin lebt, engagierte Verlegerin und Herausgeberin von Büchern, die den Dialog zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen beleben und fördern wollen.

Nejusch: Das Glück hat mich umarmt. Ein Briefroman. Lichtig-Verlag 2008. Gebunden, 170 Seiten. Euro 21,50.

Christian Schultze, Christian Schultze

Christian Schultze - Geboren wurde ich 1967 in Berlin. Nach dem Realschulabschluss und einer anschließenden Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann ...

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