Rezension: Der Alpenkönig und der Menschenfeind

Süffisant, romantisch, unterhaltsam - Ferdinand Raimunds Klassiker liest sich auch heute noch flüssig und anregend.

Ferdinand Raimunds Werk ist geradezu ein Klassisches Beispiel für ein Drama. Die Geschichte, geschaffen für ein Theaterstück, zeigt eine klare Zeitliche Abfolge und präsentiert sich Auftritt für Auftritt und Aufzug für Aufzug in Echtzeit. Die Erzähl Zeit st dabei gleich die erzählte Zeit, sieht man einmal von gerafften Szenen, die unwesentlich für den Handlungsverlauf sind und die die Spannung nur bremsen würden, einmal ab. Peinlichst genau werden Abgrenzungen zwischen einzelnen Auftritten gemacht, so dass es Auftritte mit nur wenigen kurzen Sätzen gibt, ehe die nächste Person auf tritt und eine neue Szene beginnt.

Typisch Ferdinand Raimund

Raimund vernetzt die Geschichte entlang eines Roten Fadens periodisch und man merkt eine gewisse Liebe zum Detail. Sieht man in Manuskripten zu anderen Dramen oft wenig Nebentext und nur knappe Regieanweisungen, so kann man in „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ eine Fülle an Vorworten, Tätigkeiten der Charaktere und Geräuschangaben entdecken. Pointiert aber nicht überladen zeigen sich Namen und Regieanweisungen und runden Seite für Seite abwechslungsreich ab.

Auch Elemente des Klassischen Chors sind bei Raimunds Werk wieder finden. Auch wenn dieser Textgattung kaum Gewicht beigemessen wird, erscheint sie immer dann wenn es passend erscheint eine Szene abzurunden. Jedenfalls wurden die klassischen Chorelemente in Prolog und Exodus in die Handlung eingebunden.

Ein klassischer Text aus der Feder des großen Biedermeier-Autors.

Reizvolle Dialoge

Die Haupttexte in Form von Monologen und Dialogen sind schlicht aber aussagekräftig. Immer wieder mischen sich in monologischer Form kurze oder längere Verse in Paarreimen zwischen den Text. Meist um einen erleuchtenden oder Weisen Moment einer Figur darzustellen. Raimund kann so jeden einzelnen Charakter individuell beleuchten um den Zuseher/Leser jede Wesensart kennen lernen zu lassen.

Die Grundform des Dramas, nämlich der Dialog der zum Konflikt führt wird dabei trotzdem nicht außer Acht gelassen. Immer wieder geraten die Personen aneinander. Ob im Streit, in emotionaler Betroffenheit oder emotionaler Überschwänglichkeit.

Man bemerke, dass Raimund phasenweise fünf Personen (gar sechs mit der körperlichen Hülle des Onkels) in diesen Konflikt mit einbezieht und für den Leser ein unheimlich faszinierendes Spannungsfeld aufbaut. Dies stellt auch die Peripetie des Werkes dar.

Raimund versucht aber oft auch in kurz eingeschobenen Monologen des Herrn von Rappelkopf aber auch des Dieners Habakuk Spannung aufzubauen.

Viele Textpassagen spiegeln sehr gut die Paranoia des Menschenfeindes wieder, der sich ständig von allen misshandelt und hintergangen fühlt. Für den Großteil der Spannung ist dabei der viele Nebentext verantwortlich, der das zweischneidige Schwert der Persönlichkeit des Rappelkopf in der Hülle des Schwagers gut vermittelt.

Interessante Figurenkonstruktionen

Auch das immerzu flapsige Lieschen hat mit einem Monolog die Zeit ihren Wesenszug für den Leser bereitzustellen. Jeder der Charaktere in Raimunds Werk strahlt Einzigartigkeit aus und passt dadurch perfekt in dieses „Romantisch-komische Original-Zauberspiel in Zwei Aufzügen“.

Eine volkstümlich-märchenhafte Figur findet sich im Alpenkönig wieder. Die Figur ist keine überirdische Macht mit unendlichen Geisterkräften, sondern ein weiser Vertreter der Vernunft, der für Rappelkopf ein Seelenspiegel ist. Seine Gestalt dient auch der Demonstration der Idealität der Welt.

Rappelkopf verkörpert den Konflikt zwischen Ideal und Wirklichkeit. Man erkennt die Zerrissenheit, an den Kennzeichen durch das Spiegelmotiv und die Doppelgänger. Er durchlebt eine Selbsterkenntnis die über Persönlichkeitsspaltung bis an den Rand des Wahnsinns und des Selbstekels geht.

Die Doktrin der drei Einheiten wird von Raimund nicht wirklich eingehalten, da man mehrere Schauplätze (Das Anwesen der von Rappelkopfs, Die Hütte im Wald, Der Wald selbst, Die Halle des Alpenkönigs) veranschaulicht bekommt. Der Zeitraum der Handlung erstreckt sich auch nicht über einen Tag sondern aller Vermutung nach über zwei Tage. Eine Erzählerfigur ist nicht vorhanden, obwohl der Alpenkönig, Astragalus oftmals eine gewisse belehrende Erzählkomponente innehat.

Raimunds Idee hinter dem „Alpenkönig und Menschenfeind“ dürfte zweifelsohne eine Belehrung der Menschen gewesen sein. Um ihnen möglicherweise vor Augen zu halten, dass sie mit dem was sie haben zufrieden sein sollen. Sieht man genauer nach so erkennt man einen zweiten Höhepunkt im Stück. Und zwar als Rappelkopf zum ersten Mal auf den Alpenkönig trifft, und dessen besänftigende Art erregt. Man erkennt deutlich die einengende Gedankenwelt des Menschenfeindes und das streben des Alpenkönigs nach Harmonie und Güte.

Zur Zeit des Biedermeier, als dieses Stück entstanden ist, war das Harmoniestreben besonders hoch und der Menschenfeind repräsentiert mitunter auch die Zeit des Vormärz. Damals hatten die Menschen gegenüber jedem Misstrauen, aus Angst bespitzelt zu werden, und sie zogen sich in den privaten Bereich zurück. Der Menschenfeind soll vielleicht eine Ganze Nation repräsentieren, die sich öffnen musste um frei zu sein.

Der Stoff ist also ein Gefühlszustand der die Zeit des Biedermeier darstellen soll und das Motiv ist Besserung vom Menschenhass und von der Menschenangst.

Buchempfehlung: Raimund, Ferdinand: Der Alpenkönig und der Menschenfeind. Reclam, Stuttgart 1952

Werner Hoffmann, Werner Hoffmann

Werner Hoffmann - Ausbildung und Studium: Sept. 1993 - Juni 2002 | BRG 7 WienOkt. 2002 - Nov. 2009 | Publizistik- und Kommunikationswissenschaft / ...

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