
- Link: Der Beobachter - blanvalet
Samson beobachtet. Er weiß ganz genau, was in seiner Nachbarschaft vor sich geht und führt akribisch Buch darüber. Samson ist ein Einzelgänger, Single, arbeitslos und unglücklich. Ein Mann der so grau ist, dass er niemandem auffällt. Selbst nach einem gemeinsamen Gespräch oder Erlebnis erinnert man sich nur schwer an den sonderbaren Kauz.
Der Beobachter - Stille Wasser sind tief
Samson träumt sich in das Leben der anderen hinein. Stundenlang observiert er obsessiv deren Häuser, stellt sich vor, wie es wäre, ein Teil des fremden Alltags zu sein. Nicht nur passiv, als Zuschauer. Sondern richtig, als Familienvater zum Beispiel.
Eines Tages wird es unruhig in der Nachbarschaft und Samson bei seinen Beobachtungen gestört. Eine brutale Mordserie erschüttert London. Wehrlose, alleinstehende Frauen fallen einem rachsüchtigen, sadistischen und organisierten Serientäter zum Opfer. Scheinbar gibt es Anhaltspunkte, welche die Polizei immer wieder in Samsons Viertel führen und ehe er sich versieht, steht er selbst auf der Verdächtigenliste ganz oben. Aber ist diese Spur die richtige? Bisher ist Samson noch nicht als gewalttätig aufgefallen. Hat irgendein Auslöser Samson zum Serienmörder gemacht?
In Link'scher Manier: Verzweigte Wege führen ans Ziel
Samson ist, wenn ihm auch der Romantitel gewidmet wurde, nicht der einzige Protagonist im Buch. Wie gewohnt führt Charlotte Link verschiedene Charaktere ein. Diese agieren in unterschiedlichen Zeitebenen und Handlungssträngen. Auch hier nichts Neues. Wer Link bereits kennt, wird sich nicht wundern. Für Link-Neulinge könnte es diesmal etwas schwerer sein, der Handlung zu folgen. So vergisst man leicht wieder die ersten Seiten, wenn man in das Buch eintaucht und dabei sind gerade diese von nicht unerheblicher Bedeutung für den Fortgang.
Es ist immer wieder faszinierend, wie die Autorin es versteht, den Leser zu packen. Trotz der 650 Seiten langen Story wird es so gut wie nie langweilig. Selbst wenn sich das ein oder andere Detail wiederholt, versteht es Link dank ihrer flüssigen, unanstrengenden Sprache, den Leser bei Laune zu halten. Manchmal tiefgründig, manchmal etwas oberflächig, aber nie stockend, führt Link durch die Handlung. Am Ende wird es etwas flach und es passiert, was auch in einigen wenigen vorherigen Büchern von Link zu beobachten war: die Auflösung des Rätsels enttäuscht ein wenig. Oder sagen wir besser: Sie ist nicht so überraschend, wie sie sein könnte. Zwar ergibt alles einen Sinn, aber der verwöhnte Link-Fan möchte mehr. Mehr Tiefgang und mehr Atemlosigkeit.
Alles in allem trotzdem ein Buch, das man lesen sollte. Für knapp zehn Euro in der Taschenbuchausgabe macht man nichts falsch und hat einige Tage spannende Unterhaltung.
Deutsche Frauenpower in der Krimiszene
Charlotte Link gilt immer noch zu recht als die erfolgreichste deutsche Autorin der Gegenwart. Nicht viele, vor allem weibliche Schriftsteller, können ihr das Wasser reichen. Allerdings sind ihr zumindest drei von ihnen dicht auf den Fersen: Nele Neuhaus, Elisabeth Herrmann und Inge Löhnig können im Genre der Krimi- und Thrillerunterhaltung inzwischen einiges sehr Lesenswertes vorzeigen.
Charlotte Link: Der Beobachter. Blanvalet 2011. Taschenbuch, 656 Seiten. Euro 9,99 (D). ISBN-10: 3442367263.
