
- Holt: Der norwegische Gast - Piper Verlag
Bei einem klassischen Kriminalroman geht es zum einen natürlich um die Aufklärung des Verbrechens. Viel mehr als Mord und Todschlag steht der Fall und die Ermittlung im Mittelpunkt der Geschichte. Der Leser oder Ermittler wird in seiner Beobachtungs- und Kombinationsgabe herausgefordert, und gerade darin liegt der Zauber des Krimis.
Ein klassischer Krimi schafft oft einer Schicksalsgemeinschaft von Menschen, die sich auf einer Insel, auf einem Berg oder in einem Haus befinden. Todesopfer unter ihnen machen deutlich, daß es kein Entrinnen gibt, denn ein Mörder weilt in ihrer Mitte. So erinnert der klassische Krimi eigentlich an das bekannte Kinderlied: Zehn kleine Negerlein ... und zum Schluß gibt es dann im schlimmsten Fall nur noch den Mörder.
Hier geht es um die Frage: Wer ist der Mörder? Und wem kann ich vertrauen?
Eine neue Miss Marple?
Hanne Wilhelmsen ist eine Ermittlerin, die ihren Dienst bei der Osloer Polizei quittieren mußte, nachdem sie bei einem Schußwechsel angeschossen wurde. Sie ist kauzig, burschikos und überhaupt nicht ladylike – so erinnert sie auch ein bißchen an die gute Miss Marple.
Hanne ist auf dem Weg nach Bergen mit der Bergenbahn, als ein furchtbares Unwetter – Orkan, verbunden mit Schneegestöber – den Zug in der norwegischen Einöde entgleisen läßt.
Die Reisenden sitzen in einem Hotel fest, abgeschnitten von der Umwelt, und können nichts anderes tun, als auf das Abflauen des Windes zu warten. Sie werden zu einer ungewollten Schicksalsgemeinschaft. Unter den Fahrgästen sind auch einige Berühmtheiten – es wird gemunkelt, daß Mitglieder der norwegischen Königsfamilie in einem Extra-Waggon mitgereist sind. Ein bekannter Fernsehprediger ist mit von der Partie und andere mehr oder weniger herausragende Persönlichkeiten.
Die ohnehin schon brenzlige Situation spitzt sich zu, als zwei brutale Morde verübt werden. Einige Betroffene wachsen über sich hinaus und stellen sich den Anforderungen; andere werden zu einer Gefahr für sich selbst und ihre Umwelt. Die Auflösung des Falls ist spannend und unerwartet und die Recherche der kauzigen Ermittlerin ein Lesegenuss.
Sprache und Personenzeichnung
Anne Holts Sprache ist klar und eindringlich, sie liest sich flüssig. Dieser Roman ist aus der Ich-Perspektive der Ermittlerin geschrieben, und so spiegelt die Erzählung auch das schrullige Wesen der Hanne Wilhelmsen. Über viele Zwischenbemerkungen kann man nur schmunzeln, die Erzählsprache ist so klassisch, daß man meint, die Frau neben sich sitzen zu sehen und zu hören.
Hervorragend ist es Anne Holt gelungen, die verschiedenen Persönlichkeiten zu zeigen, ja sie als Menschen aus Fleisch und Blut lebendig werden zu lassen. Jeder hat seine ganz spezielle Macke, seine unverwechselbare Sprache. Dies ist so meisterlich gelungen, daß eines sicher ist: Der Leser empfindet Mitleid, ja Sympathie, für den Mörder.
Skandinavisches Lebensgefühl
Anne Holt, die heute zu den erfolgreichsten norwegischen Autorinnen zählt, präsentiert nicht nur eine spannende Kriminalgeschichte, die die grauen Zellen des Lesers anregt, sondern sie vermittelt auch das skandinavische Lebensgefühl. Als Norwegerin macht sie sich im Guten wie im Schlechten über ihre Landsleute lustig, sieht sie selbstkritisch in ihrer Selbstzufriedenheit.
Es gibt viele Hinweise auf historische Ereignisse und Personen in Norwegen – die Kronprinzessin Mette Marit, die Staatskirchenkommission und vieles mehr, welches dazu beiträgt, daß man als Leser wirklich das Gefühl hat, sich inmitten in Norwegen unter Norwegern zu befinden.
Der Krimi ist ein Lesevergnügen vom Feinsten, den sich ein Krimifan nicht entgehen lassen sollte. Und falls man auch ein Skandinavien-Fan ist, sollte man ganz sicher dieses Buch nicht übersehen.
Anne Holt: Der norwegische Gast. Piper 2008. Gebunden, 320 Seiten. Euro 19,90.
