Rezension des Albums "Ponygirl" von Big Boy

Industrial trifft auf rotzigen Punk

Cover Big Boy - Ponygirl - Hardbeat Promotion
Cover Big Boy - Ponygirl - Hardbeat Promotion
Die deutsch-schwedische Combo mit Hang zur Selbstdarstellung lässt es auf ihrem zweiten Album erneut richtig krachen, wovon sich Fans zum Nulltarif überzeugen können.

Manche Combos aus dem deutschen Independent-Genre setzen sich ganz bewusst nicht mit Fakten und Wahrheiten in Szene. Statt dessen verraten sie so wenig wie möglich über ihre wahre Herkunft und ziehen es vor, wilde und manchmal geradezu absurde Gerüchte über sich in die Welt zu setzen, um Aufmerksamkeit zu erlangen. So ist es auch im Falle der in der Kategorie Industrial-Punk-Rock anzusiedelnden Band Big Boy und ihres namens gebenden Frontmanns. Gerüchte halber wurde dieser in Schweden geboren, hat zwei Jahre in der Fremdenlegion gedient und wurde von dort unehrenhaft entlassen. Unmittelbar danach habe er, eigenen Angaben zufolge, ein paar „gemütliche“ Wochen im Sanatorium verbracht – natürlich nur, weil er dort einen Freund besucht hat. Bei dieser Gelegenheit soll ihm ganz zufällig der Geist von Freddie Mercury erschienen sein. Dieser habe ihn ganz beiläufig wissen lassen, dass er die größte Rock'n'Roll-Band gründen würde, die die Welt jemals gesehen hat.

Big Boy: Frech wie Punks und provokant wie Marilyn Manson

Nach weiterer Erleuchtung suchend soll sich Big Boy anschließend als Pilger auf den Jakobsweg begeben und während jener Suche nach sich selbst seine Mitstreiter A.K. (Bass), Kafka (Gitarre) und Happy (Drums) kennen gelernt haben. Gemeinsam beschlossen sie, sich in Anlehnung an den Namen einer Lokomotive der Union Pacific Railroad aus dem Jahr 1941 oder auch an jenen einer ebenso betitelten US-Fastfood-Kette den Namen Big Boy zu geben. Im Musikgeschäft machten Sie bislang vor allem durch ihren punkig-rotzigen Gesang, schräge und laute Songarrangements sowie einen übermäßigen Hang zur Selbstdarstellung von sich reden. Dabei sind sowohl songthematische, als auch äußerliche Ähnlichkeiten mit Schockrocker Marilyn Manson und Gothic-Punk-Idol Wednesday 13 nicht von der Hand zu weisen.

Größenwahn als Bandphilosophie

Ob und wann Big Boy und seine Mannen allerdings tatsächlich zu Weltruhm gelangen werden ist bislang ebenso wenig geklärt, wie die Frage danach, ob auch nur ein winziges Fünkchen der angeblichen Bandgeschichte tatsächlich der Wahrheit entspricht. Fest steht lediglich, dass Frontmann Big Boy mittlerweile von Deutschland in die USA übergesiedelt ist und sich nun im sonnigen Los Angeles die Inspirationen für seine Songs angedeihen lässt. Fest steht außerdem, dass der Münchner Produzent Clemens Schleiwies bereits einen nicht unerheblichen Anteil an der Entstehung der Songs auf dem 2007 erschienenen Big-Boy-Debüt „Hail The Big Boy“ hatte und auch das neue Album „Ponygirl“ unter seiner Regie entstanden ist. Der Produzent arbeitete bereits mit Bands, wie Revolverheld, Natural und den Weather Girls zusammen. Nun zählt die Arbeit mit Big Boy zu seinen Hauptprojekten.

Rockiger Industrial mit nachahmenswerter Vermarktungsstrategie

Um es gleich vorweg zu nehmen: Zartbesaitete, Harmonien liebende und sexuell eher unspektakulär orientierte Musikliebhaber sollten bei der Wahl neuer, schöner Klänge für ihre Ohren getrost über das zugegebenermaßen verlockende, geradezu innovative Angebot hinweg sehen, das Big Boy und seine Mitstreiter allen Fans und Neugierigen auf der eigens dafür eingerichtete Website BehaltDeinGeld.de unterbreiten. Dort besteht seit Ende Oktober 2009 die Möglichkeit, sich das neue Big Boy-Werk „Ponygirl“ vollkommen kostenfrei als physischen Tonträger nach Hause zu ordern. Ermöglicht wird dies durch eine ebenfalls als innovativ gepriesene Form der Werbefinanzierung. Die Band erhofft sich durch die Aktion nicht nur eine Erhöhung ihres Bekanntheitsgrades, sondern auch einen Ansturm auf die Konzerthallen unseres Landes, in denen sie ab Mitte Januar 2010 zu Gast ist.

„Ponygirl“ – provokanter Nachfolger von „Hail the Big Boy“

„Ponygirl“ repräsentiert Stil und Entertainment-Charakter der Band in allen Facetten. Letzterer reicht vom Kokettieren mit sexuellen Anspielungen in den Texten der Songs und in den Bildern des Booklets über schräge, laute gitarren- und elektroniklastige Melodien bis hin zum brachial rotzigen, englischsprachigen Gesangsstil von Bandkopf Big Boy. Mit besonderer Wucht kommen der Eröffnungssong „Terror Era“ und der Track „I Hate Myself“ daher. Etwas melodiöser, jedoch noch immer punkig und krachend sind das Titelstück „Ponygirl“ und der Nachfolgesong „My Own Rules“. Lediglich die Songs „Mermaid“ und „You Said“ kommen auf balladigere, beinahe brave Weise daher. Unter den 12 Songs ist auch das deutschsprachige Lied „Diese Welt“ zu finden, mit dem die Band einen kritischen Blick auf die Gefühlskälte vieler Menschen wirft und zu dem Schluss kommt, dass es „keine Freiheit ohne Krieg“ gibt. Punkig, rockig, elektronisch, frech und unkonventionell – wer sich auf diese Mischung und auf eine Band mit geradezu niederschmetterndem Selbstbewusstsein einlassen kann, der wird an „Ponygirl“ seine Freude haben.

Big Boy: Ponygirl: The Private Room Productions 2009, VÖ: 31. Oktober 2009

Stephanie Riechelmann, Stephanie Riechelmann

Stephanie Riechelmann - Hallo liebe Leser! Willkommen in meinem Profil! Ein paar Dinge über mich: Ich bin studierte Sozialwissenschaftlerin, 36 Jahre ...

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