Angst vor Nähe – das scheint sich in unserer Zeit immer mehr auszubreiten. Einerseits wünscht sich der moderne Single so sehr eine Beziehung, einen Menschen, mit dem er verschmelzen kann. Andererseits empfindet er dann, hat er das Ziel erreicht, nicht selten genau das als anstrengend. Der Autor, Wolfgang Schmidbauer, beschreibt das Buch auf seiner Homepage mit folgendem Text:
„Nähe wird heute zunehmend als bedrohlich erlebt ...der Hintergrund sind unbewusste, unverarbeitete Wünsche nach extremer Nähe, nach Preisgabe aller Verantwortung durch die Verschmelzung mit einem Liebespartner. Bewusst wird dieser dann gemieden oder entwertet, um das eigene Ich, die eigene Autonomie nicht zu verlieren."
(Originaltext, gekürzt, Quelle: Homepage des Autors, Wolfgang Schmidbauer)
Philosophische Betrachtungen und Fallbeispiele
Das Buch liest sich teilweise recht anstrengend. Philosophische und psychologische Betrachtungen des Autors zu diversen Fallbeispielen wechseln mit eben diesen. Anstrengend sind vor allem die Fallbeispiele. Sie sind nicht eben kurz geschildert, sondern in Teilen ziehen sie sich über mehrere Seiten. Die Fallbeispiele sind im Vergleich zu Schmidbauers Betrachtungen so dermaßen klein gedruckt, dass es fast schon in den Augen schmerzt. Ausführlich beschriebene Fußnoten schließen teilweise direkt an. Doch das etwas lesefreundlicher zu gestalten wäre Aufgabe des Verlags gewesen.
Die Fallbeispiele an sich stellen eigentlich nichts Neues dar. Jeder hat solche Beispiele schon selbst erlebt oder erlebt sie im Bekannten-, Freundes- oder Familienkreis. Im Grunde schildert der Autor vor und nach seinen gewählten Beispielen mehr die Hintergründe dieser gewaltigen „Angst vor Nähe“. Und es sind natürlich die Eltern, aber eigentlich doch nicht ... und welche Eltern machen nie Fehler? Ist Kindheit immer eine Ausrede für Verhalten? Und ist der Mensch nicht sich selbst verpflichtet, sein eigenes Verhalten zu reflektieren? Neben den Überlegungen des Autors zu Fehlentwicklungen im Elternhaus, innerhalb der Familie, bezieht er auch die gesellschaftlichen Entwicklungen und die Gesellschaft im Allgemeinen in seine Überlegungen ein.
Die Bedürfnisse der Zielgruppe
Wer sich zum Kauf dieses Buches entscheidet, hat wahrscheinlich tausend Fragen im Kopf, wird aber in diesem Buch keine Antwort finden. Eben nur philosophische Gedankengänge und Fallbeispiele, die an sich nichts Neues darstellen. Die gewählte Sprache des Autors ist einfach nachvollziehbar und verzichtet auf wissenschaftliche Termini so gut wie möglich. Die Frage ist trotzdem, ob sich der Leser, die Leserin, darin wiederfindet oder Antworten auf Fragen erhält - wohl kaum. Der Autor hat selbstverständlich gute Beispiele gewählt und auch seine Ausführungen sind im Kontext durchaus logisch. Nicht vergessen darf man, dass Wolfgang Schmidbauer als Therapeut mit fundiertem Hintergrund die Dinge selbstverständlich aus der Sicht des Therapeuten sehen muss. Und das ist eben die Krux an seinem Werk, das grundsätzlich sehr gut ist.
Dieses Buch wird wahrscheinlich größtenteils von Partnern und Partnerinnen gekauft, die mit der Näheangst eines geliebten Menschen nicht zurecht kommen. Die darunter leiden, ständig zurückgestoßen zu werden und sich sogar Aggressionen ausgesetzt fühlen. Ein Betroffener, eine Betroffene, kann mit diesem Buch wahrscheinlich nur wenig anfangen, auch wenn immer mal wieder vom „Partner als Spiegel“ die Rede ist. Klar, an sich selbst arbeiten ist immer gut, sich selbst annehmen können, ebenfalls.
Es eignet sich eher für Betroffene eines Partners mit Näheangst, die nach Ursachen, nicht nach Lösungsansätzen suchen. Es eignet sich auch für Menschen, die Angst vor Nähe haben, wenn sie die Ursachen erfahren möchten – sollten sie denn den Mut haben, sich dieser Tatsache zu stellen. Es besteht allerdings der Eindruck, dass von Näheangst geplagte Menschen gar nicht merken, was eigentlich ihr Problem ist und wenn sie es merken, es lieber verdrängen, die Schuld für Misslingen einer Beziehung lieber beim Partner suchen.
Das Buch ist aber nichts für Leser, die Antworten und Lösungen suchen. Es wirbt für Verständnis. Doch meist sind es ja die verständnisvollen Menschen, die Bücher dieser Art lesen, eben weil sie wirklich verstehen möchten. Hie besteht durchaus die Gefahr, dass der verständnisvolle Partner auf der Strecke bleibt, gerade weil er zu verstehen sucht. Und diese Gefahren für den verständnisvollen Partner bleiben irgendwie außen vor, dabei sind sie nicht von der Hand zu weisen: Es kann einen liebenden Partner, eine liebende Partnerin durchaus zerstören, wenn der geliebte Mensch keine Nähe zulässt. Was hier einfach fehlt, wäre (wenigstens!!!) ein Kapitel, den Menschen gewidmet, die mit einem Partner mit Näheangst zusammen waren oder zusammen sind. Denn welchen Schaden diese Menschen in einer solchen Beziehung nehmen und dass sie nach einer solchen Beziehung vielleicht auch erst mal Angst haben, sich wieder einzulassen, einen Menschen nahe an sich heranzulassen – das wurde irgendwie vernachlässigt. Obwohl bekannt sein sollte, dass Beziehungen dieser Art durchaus verstörend und traumatisierend wirken können – auch noch lange danach.
Therapievorschläge
Der Autor ist der Meinung, dass leichtere Formen von Näheangst durchaus in einer mehrjährigen Gruppentherapie behandelbar sind. Gegebenenfalls zusätzliche Einzelsitzungen. Gut, als Fachmann in seelischen Angelegenheiten, der er wirklich ist, ist das seine Sichtweise. Betroffenen Partnern wird an dieser Stelle aber klar, dass irgendwelche Träumereien von einer gemeinsamen Zukunft mit dem an Angst vor Nähe leidenden Partner am besten ins Nirvana verschobenen werden sollten. Nicht zuletzt heißt es auf dem Klappentext: „Schmidbauer ist auf der Suche nach den einfachen Gefühlen: Der Fähigkeit, sich dem anderen zu öffnen und seine Andersartigkeit anzunehmen.“
Das ist ein guter Ansatz. Und Basis einer jeden, funktionierenden Beziehung. Für die Zielgruppe dieses Buches allerdings das Problem schlechthin, denn das funktioniert nun mal nicht in einer Beziehung, die von der Angst vor Nähe geprägt ist. In diesem Falle würde sich Partner oder Partnerin zum Therapeuten machen – und das kann nicht Ziel einer intimen Beziehung zwischen zwei Partnern sein.
Grundsätzlich ein lesenswertes Buch, denn ja, es führt hier und da durchaus zu einem Aha-Gedanken, auch wenn es in diesem Sinne keine Hilfestellung leistet. Möglicherweise war das auch nicht das Ziel des Autors. Nichts für Leser, die akut auf der Suche nach wichtigen Informationen zur Entscheidungsfindung oder zum Erkennen und Lösen von Problemen sind.
„Angst vor Nähe“
Autor: Wolfgang Schmidbauer
Erstausgabe: 1985
Verlag Rowohlt
Taschenbuchausgabe: 8,95 Euro.
