
- Steinfest: Die feine Nase der Lilli Steinbeck - Piper Verlag
Das Auffälligste an Lilli Steinbeck ist ihre durch mehrere Brüche deformierte Nase, die an einen Klingonen erinnert und ihr eine merkwürdige Schönheit verleiht. Banausen verspüren bei ihrem Anblick den Wunsch, die Nase richten zu lassen. Nur Kenner erblicken ihre wahre Schönheit. Allerdings ist Lilli Steinbecks Nase nicht das einzig Außergewöhnliche an diesem Buch. Der österreichische Autor Heinrich Steinfest erzählt in seinem Kriminalroman eine aberwitzige, abenteuerliche und bisweilen absurde Geschichte, die den Leser in ihren Bann ziehen wird – sofern er sich auf sie einlässt.
Eine Jagd rund um den Globus
Lilli Steinbeck ist Expertin für Entführungsfragen. In ihrem neusten Fall sucht sie nach dem Zoologen Georg Stransky, der eines Abends verschwunden ist, nachdem ein roter Apfel durch seine Fensterscheibe geflogen ist. Während Kommissar Hübner überzeugt ist, dass Stranskys schöne Ehefrau etwas mit seinem Verschwinden zu tun hat, ahnt Lilli Steinbeck, dass weit mehr dahinter steckt. In letzter Zeit sind bereits sieben weitere Männer verschwunden und wenig später irgendwo auf der Welt ermordet aufgefunden worden. Die Männer haben anscheinend nur eine Gemeinsamkeit: Sie waren in ihrem Leben in Athen und trugen eine kleine Batman-Figur bei sich. Also reist Lilli Steinbeck nach Athen und begibt sich mit Hilfe des unförmigen Privatdetektivs Kallimachos auf die Suche nach den Hintergründen zu Stranskys Verschwinden. Bald ist das ungleiche Duo einem perfiden Spiel zwischen dem Griechen Dr. Antigonis und der Rumänin Etha Ness auf der Spur. Die Spielregeln sind ebenso einfach wie ruchlos: Vor zehn Jahren haben zehn unbescholtene Männer von Antigonis eine Batmanfigur erhalten. Nun werden sie entführt, um irgendwo auf der Welt ausgesetzt zu werden. Von dort aus müssen sie ihren Weg nach Hause finden. Dabei versucht die Mannschaft von Etha Ness, die Kandidaten vor Erreichen des Zielorts zu ermorden, während die andere Partei versucht, die Kandidaten zu schützen. Bislang hat Antigonis siebenmal verloren. Deshalb heuert er nun Lilli Steinbeck an, Gregor Stransky auf seinem Heimweg zu beschützen. Damit beginnt eine abenteuerliche Jagd quer über den Globus, auf der allerhand absurde Überraschungen auf die Parteien und den Leser warten.
Die Welt des Heinrich Steinfest
In bester Geheimagentenmanier gibt es Verfolgungsjagden, Actioneinlagen und Verschwörungsgeschichten. Dabei wechseln sich komische, nachdenkliche und bisweilen metaphysische Momente in diesem Roman ab. Einige der großartigsten Passagen eröffnen dem Leser einen neuen Blickwinkel auf die Welt, aber es gibt auch Abschnitte voller Banalität. Sie sind Teil des Steinfestschen Kosmos, der an seinen Krimis besonders das Romanhafte schätzt.
Sobald sich der Leser auf diesen Kosmos einlässt, wartet auf ihn eine atemlos spannende Geschichte voller wunderbarer Momente der Stille. In der Geschichte gibt es ironisch-absurde Aphorismen, deren tragische Komik erst auf den zweiten Blick offensichtlich wird und die bisweilen merkwürdige Lebenserfahrungen offenbaren. Außerdem verwischt in dem Roman die Grenze zwischen Realismus und Phantastik, so dass in dem Krimiplot geheime französische Weltraumprojekte und ausgestorbene Vögel auf eine selbstverständliche Weise mit dem Geschehen zusammenhängen.
Die Kunst, einen Kriminalroman zu schreiben
Teil dieser Welt sind die zumeist skurrilen Figuren des Romans, die Heinrich Steinfest mit wenigen, präzisen und schönen Worten charakterisiert. Insbesondere die Hauptfigur Lilli Steinbeck ist eine Ermittlerin, die hoffentlich nicht zum letzten Mal auf der Suche nach einem Entführungsopfer gewesen ist. Sie ist mutig und stets gelassen. Zu ihren Grundprinzipien zählt, mindestens zwölf Stunden zu schlafen.
Ein gutes Beispiel für Steinfests Kunst der Figurenzeichnung ist der fette Privatdetektiv Kallimachos. Dem Namen nach sollte er ein schöner Mann sein. Stattdessen ist er ständig außer Atem, kann sich nur langsam fortbewegen und scheint unverwundbar zu sein, weil Kugeln, Granatensplitter und andere tödliche Werkzeuge aus Ekel einen Bogen um ihm machen.
Hervorzuheben ist insbesondere das Ende des Romans, das sich den Genrekonventionen nicht nur verwehrt, sondern zudem eine völlig neue Perspektive auf das Geschehen wirft. Allein wegen dieses grandiosen Schlusses und weiterer mutiger, bisweilen genialer Einfälle verzeiht der Leser dem Autor manche allzu langsamen Passagen, banale Metaphern und weniger gelungene Handlungsmomente. Sie werden durch überraschende Wendungen ausgeglichen, die manchmal erst im Nachhinein die Dimension mancher Ereignisse enthüllen.
Heinrich Steinfest beweist mit „Die feine Nase der Lilli Steinbeck“, welche Möglichkeiten im Kriminalroman stecken, sobald ein Autor mutig genug ist, sie auszuloten. Deshalb ist sein Buch ein Vergnügen für Leser, die manchen Satz gerne ein zweites Mal lesen, sich an schöner Sprache erfreuen und über Sätze nachdenken wollen.
Heinrich Steinfest: Die feine Nase der Lilli Steinbeck. Piper Verlag 2007. Broschiert, 352 Seiten. Euro 12,00.
