Rezension: Die Glocken von Vineta

Vineta versinkt - Historischer Roman von Charlotte Lyne

Lyne: Die Glocken von Vineta - Blanvalet
Lyne: Die Glocken von Vineta - Blanvalet
Vineta, das sagenumwobene Atlantis der Ostsee, bildet die Kulisse dieses farbenfrohen historischen Romans der Autorin Charlotte Lyne.

Charlotte Lyne beweist mit ihrem Erslting, welche begnadete Erzählerin sie ist, die ihr Handwerk bis ins kleinste Detail beherrscht.

Kurzes Autorenportrait

Charlotte Lyne wurde 1965 in Berlin geboren. Ihre Großeltern, die aus Riga und Danzig stammten, erweckten in ihr die Liebe zur Ostsee und damit auch das Interesse für Sagen und Geschichten aus diesem Kulturkreis. Charlotte Lyne studierte in Berlin, Neapel und London Germanistik, Latein, Anglistik und Italienische Literatur. Heute lebt sie mit ihrem Mann und drei Kindern in London.

Das sagenumsponnene Vineta – Venedig des Nordens

In ihrem Roman „Die Glocken von Vineta“ schildert Charlotte Lyne die Geschichte einer Familie auf dem Hintergrund der Flutwelle, die die Kaufmannsstadt Vineta in den Fluten der Ostsee und der Geschichte versinken läßt.

Während sie an dem Roman „Die Glocken von Vineta“ arbeitete, erschütterte am 26. Dezember 2004 der Tsunami im Indischen Ozean die Welt. „Die Glocken von Vineta“ ist, obwohl er eine Flutwelle im 12. Jahrhundert beschreibt, ungemein aktuell, denn damals wie auch heute spielten Naturkräfte und menschliches Versagen eine Rolle beim Verlauf der Katastrophe, für die die Ärmsten bezahlten.

Charlotte Lyne legte nach der Flutwelle von 2004 einer Schreibpause ein, ehe sie weiterarbeiten konnte. Danach wurde ihr Buch ein anderes, der Fokus verlagerte sich.

Handlungstragende Personen in „Die Glocken von Vineta“

Natalja, die Hauptperson des Romans, oder besser gesagt, der Knotenpunkt, wird als stumme Sklavin von Warti, einem reichen Kaufmann aus Vineta, freigekauft. Natalja hat als Kind ihre Stimme verloren, als sie gezwungen wurde, die Vergewaltigung ihrer Mutter anzusehen.

Warti nimmt die stumme Schöne zur Frau. Er wirbt um ihre Liebe, geht behutsam vor und wartet, bis sie langsam wieder Lebensmut, Freude und danach auch ihre Stimme wiederfindet. Es ist eine anrührende Liebesgeschichte mit weichen Tönen.

Bole, Wartis Bruder, erbt als zweitgeborener nichts. Er verdient sich sein Lebensbrot als Fischhändler, an der Seite einer Frau, die ihn verabscheut. Er neidet seinem Bruder das Glück, den Reichtum und die schöne Natalja, die alle Augen in Vineta auf sich zieht – nicht nur wegen ihres feuerroten Haares, sondern auch wegen ihrer Geschicklichkeit, ihres Mutes und ihrer Tüchtigkeit.

„Die Glocken von Vineta“ ist keine Familiensaga

Der Roman ist keine Familiensaga, sondern ein Roman über Vineta und dem Untergang der Stadt. Natalja, Warti, Bole, Jakob und viele andere Figuren bevölkern diese Stadt, erwecken sie mit ihren Schicksalen zum Leben, lieben oder hassen Vineta. Jeder trägt auf seine Weise mit zum Untergang bei, oft ohne es zu wissen.

Starke Personen mit menschlichen Zügen

Charlotte Lyne hat starke Personen geschaffen, Natalja, die immer ihren Weg geht, auch wenn sie damit die Menschen, die sie liebt, verletzt und von sich stößt. Warti, der durch Natalja zu einem edlen Menschen wird, und seiner Liebe treu bleibt. Bole, der notorisch unzufrieden mit seinem Schicksal ist, und dessen Frau, die den alten Göttern anhängt und die Stadt von den „Christen“ reinigen will.

Die Mutter Wartis und Boles, die sowohl das zweite Gesicht hat, als auch die Brüder durch ihre fehlende Mutterliebe entzweit, und Jakob, der einmal alles verloren hat und immer noch auf Liebe hofft. Anton, der eine neue Familie findet, und diese fast entzweit.

Vineta ersteht aus den Fluten

Charlotte Lyne zieht ihre Leser in den Bann der versunkenen Stadt. Sie hat eine flüssige, poetische Sprache, die fesselt; der Text ist angereichert mit wunderschönen Metaphern und Vergleichen, die einen Lesegenuß vom Feinsten garantieren.

Der Leser vergißt, daß er in einer fiktiven Welt eintaucht, so wirkkräftig schildert Lyne ihre Figuren und die Stadt. Der Roman ist dramaturgisch ausgefeilt, mit einem Spannungsbogen vom Prolog bis zum Epilog, der den Leser an die Seiten gefesselt hält.

Spannend ist, daß Charlotte Lyne nicht alle Fragen beantwortet. Sie läßt bewußt Rätsel bezüglich dem Schicksal einiger Figuren offen. So stellt sich der Leser die gleichen Fragen wie die Figuren des Romans. Dadurch erreicht Lyne eine glaubwürdige Realität.

Charlotte Lyne: Die Glocken von Vineta. Paperback. Blanvalet 2007. Broschiert, 672 Seiten. Euro 12,00.

Eva Maria Nielsen, Eva Maria Nielsen

Eva Maria Nielsen - Kurzvita 1994 Diplom Theologin in Münster 1996 Rezensentin für den Evangelischen Buchberater 1999 Magister in ...

rss

Ähnliche Themen