Rezension: Die Söhne der Schlange

Besprechung des Romans von Benedikt Julius Klein

Am mythischen Anfang der Menschheitsgeschichte ist Bruderblut vergossen worden, das bis heute nach Rache schreit.

Es beginnt ebenso wie die bekannten Klassiker der Genres: Ein junger Mann, wohlhabend genug, um dem Müßiggang zu frönen, zieht in ein altes Haus und schreibt von dort aus Briefe an seinen Freund. Selbst im Sprachstil dieser Briefe lehnt Benedikt Julius Klein sich an seine berühmten Vorgänger wie H. P. Lovecraft an.

Aber anders als diese hat er nicht vor, mit wohldosierten Portiönchen des Grauens den Leser auf eine Bahn zu locken, auf der dieser sich wohlig gruseln kann. Es gibt keine durchkalkulierte Dramaturgie, an deren Höhepunkt ein schleimiges Monster steht und "buh" sagt.

"Ich bin der Sohn Evas, aber Adam ist nicht mein Vater."

Was Benedikt Julius Klein schreibt, stammt aus tieferen Schichten des kollektiven Unbewussten. Er berührt den lebendigen Archetypus des ermordeten Bruders. Dies Grauen ist nicht gespielt, nicht aufgesetzt. Das Buch bringt uns in Berührung mit dem eigenen Schatten, der in jedem von uns lebt.

Generell erforschen Horrorgeschichten die Abgründe der menschlichen Seele. Aber selten wagt sich eine so tief hinab. Benedikt Julius Klein gelangt in wahrhaft mythische Tiefen, in die Urgründe. wo am Anfang der mythischen Menschheitsgeschichte ein Brudermord steht. Vergossenes Blut schreit nach Rache.

Dem Protagonisten von "Söhne der Schlange" stellt sich die klassische Frage Hamlets: Widerstand leisten? den einmal erschlagenen Bruder nochmals umbringen? oder doch nach Versöhnung suchen?

Elemente der Horrorliteratur in Söhne der Schlange

Die Angst vor dem Unbekannten, der Horror beim Auftauchen des Monsters, der Ekel bei seinem Anblick - für Stephen King sind das die Ebenen, auf denen Horrorgeschichten funktionieren. Dem kann sich das Genre natürlich nicht entziehen - aber es kann tiefer gehen. Und Söhne der Schlange tut das.

Dabei sind alle klassischen Elemente enthalten: das alte Haus, das ein Eigenleben entwickelt, finstere Verliese, Ruinen, virtuose Anspielungen von Astrologie über Kabbala bis Tarot, Anwälte des Bösen. Die Sprache altertümelnd, voller Adjektive.

Und auch Humor ist Benedikt Julius Klein nicht unbekannt. So ist beispielsweise die Biografie des Autors, in der dieser sich als Schüler von E. T. A. Hoffmann vorstellt, selbstverständlich keineswegs ernst zu nehmen.

Auf seinen Lesungen pflegt Benedikt Klein das Vergnügen seiner Zuhörer zu schmälern, indem er weitschweifig erklärt, was genau er sich bei jedem Detail gedacht habe. Da ist dann von anatomischen Einzelheiten des Geburtsvorganges und ähnlichen Dingen die Rede. Das hat nun wirklich keiner wissen wollen.

Aber die Zuhörer nehmen es ihm nicht so recht ab, dass er sich all das ausgedacht habe; zu sehr wirkt sein Buch, als sei es ihm vom kollektiven Unbewussten direkt in die Feder diktiert worden. Oder womit immer er schreibt.

Im jugendlichen Schreibrausch, heißt es über Bonaventura, den Autor der "Nachtwachen", habe er "seine Sicht der Dinge in die Allegorie der Nachtseite des Lebens gefasst".* Söhne der Schlange liest sich, als sei auch Benedikt Julius Klein von einem solchen Schreibrausch ergriffen gewesen.

* www.einseitig.info.de

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Benedikt Julius Klein, Söhne der Schlange, Verlag OelMühlenPresse, 9,80 €

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