
- Fred Vargas: Fliehe weit und schnell - Aufbau-Verlag
Die Pest ist in Paris! Das besagen jedenfalls die mysteriösen lateinischen Nachrichten, die der alte Fischer Joss Le Guern dreimal täglich verkündet. Aber noch andere verdächtige Ereignisse nähren den Verdacht einer Rückkehr der Seuche: In einem Haus wurden fast alle Türen mit einer seitenverkehrten Vier bemalt – im Mittelalter ein Abwehrzeichen gegen die Pest. Schließlich wird der erste Tote mit schwarzen Flecken gefunden. Ist die Pest tatsächlich wieder ausgebrochen?
Ein Fischer in Montparnasse
Fred Vargas führt ihre Leser kunstvoll und langsam in das eigentliche Krimigeschehen ein. Waren es in „Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord“ blaue Kreidekreise auf dem Boden, die Kommissar Adamsberg auf die Spur einer Mordserie brachten, beginnt der großartige Kriminalroman mit der Lebensgeschichte des ehemaligen Fischers Joss Le Guern. Er lebt in dem Künstler- und Amüsierviertel Montparnasse und arbeitet mittlerweile als Ausrufer. Deshalb nimmt er dreimal am Tag Zettel aus einem Holzkasten und ruft sie für fünf Francs pro Meldung auf dem Place Edgar Quinet aus. Seit einiger Zeit finden sich darunter merkwürdige Meldungen, die er nicht versteht. Erst Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg wird diese Nachrichten entschlüsseln können und mit anderen Zeichen in Zusammenhang bringen.
Die Magie der Autorin Fred Vargas
Der ehemalige Fischer ist eine jener besonderen Figuren von Fred Vargas, die in ihren Romanen zu Hause sind und die dem Leser ans Herz wachsen. Sie versteht es, jeder Figur etwas Besonderes zu geben, eine liebenswürdige Eigenschaft, durch die der Leser fast mehr Interesse an den Personen als an dem Fortgang der Handlung entwickelt.
Hinzu kommen detaillierte Beschreibungen des Viertels, in dem der Ausrufer zu Hause ist und die Handlung stattfindet. Vor den Augen des Lesers entsteht das Montparnasse der Fred Vargas, das dem realen Viertel zwar nahe kommt, sich aber einen surrealen Charme bewahrt. Dadurch bekommt das Buch die einzigartige "Magie Vargas", die den Leser an das Buch fesselt.
Serienmörder – oder die Pest in Paris?
Obwohl in dieser Krimiwelt skurrile Personen zu Hause sind, die in teilweise surreal anmutenden Dialogen miteinander sprechen, verliert sich die Autorin nicht in einer bloßen Aneinanderreihung von schräg-humorvollen Geschehnissen. Vielmehr ist der Plot hervorragend konstruiert und bis ins letzte Detail durchdacht. Die Autorin versorgt ihre Leser mit wohldosierten Informationen über die Pest, arbeitet Hinweise auf die Auflösung ein und legt einige falsche Fährten aus. Obwohl die Lösung des Geheimnisses durchaus einfach ist, kommt sie für die Leser überraschend, ist aber dennoch plausibel.
Historische Hintergründe der Pest
Bei der Lektüre ist der biografische Hintergrund von Fred Vargas als Historikerin und Archäologin erkennbar. Viele Informationen über die Pest dürften dem Leser nicht vertraut sein. Sie verwendet viel Detailwissen und Genauigkeit auf die Zeichen und Symbole, die zu dem Gerücht über den Pestausbruch führen. Außerdem ist das Thema Pest auch bestens geeignet, um über menschliche Urängste und Massenpaniken zu schreiben. Gekonnt schildert Vargas, wie Menschen dazu kommen, entgegen aller Beweise, die für einen Serienmörder sprechen, an die vermeintlich einfachere Lösung – einen Pestausbruch – zu glauben.
Zudem gibt der vermeintliche Ausbruch der Pest Fred Vargas die Gelegenheit, für ein Wiedersehen mit ihren beliebten Ermittlern aus früheren Romanen zu sorgen. Kommissar Adamsberg braucht die Hilfe der drei „Evangelisten“ Marc (Fachgebiet Mittelalter), Lucien (Fachgebiet Erster Weltkrieg) und Matthias (Fachgebiet Paläontologie). Dieses Aufeinandertreffen der verschiedenen Figuren aus ihren Romanen sorgt beim Leser für großes Vergnügen, ist aber auch für Vargas-Ersttäter sehr unterhaltsam.
Der bisher beste Vargas-Roman – und ein richtig guter Krimi
„Fliehe weit und schnell“ ist kein klassischer Kriminalroman, sondern ein sehr spannendes Buch voller Geheimnisse und lebendiger Charakteren. Die Verbindung eines einmaligen Romanpersonals, einer märchenhafte Geschichte mit einem psychologischen Hintergrund und der Erzählweise von Fred Vargas heben das Buch weit über Mittelmaß hinaus und machen es zu einem der besten Kriminalromane der Gegenwart und dem bisherigen Höhepunkt der Vargas-Reihe.
Fred Vargas: Fliehe weit und schnell. Aufbau 2008. Broschiert, 399 Seiten. Euro 8,95.
