Rezension: Gefühle besser verstehen

Gefühle besser verstehen - Trias
Gefühle besser verstehen - Trias
Ein Einstiegsbuch über Gefühle: Wie sie entstehen, was sie uns sagen und wie sie uns stärken. Von dem Autorenteam Luise Reddemann und Cornelia Dehner-Rau.

„Gefühle haben viel Macht über uns, wir wollen ihnen aber nicht ausgeliefert sein“, so die beiden Autorinnen im Vorwort ihres Buches "Gefühle besser verstehen". Die beiden erfahrenen Ärztinnen und Psychotherapeutinnen wollen den Leserinnen Mut machen, die Botschaften der Gefühle zu entschlüsseln und so die Scheu vor Gefühlen zu überwinden. Die beiden Autorinnen sind sich durch ihre Arbeit mit Patienten sicher, dass derjenige seelisch und körperlich gesünder sein wird, der die ganze Bandbreite der Gefühle empfinden kann. Gefühle machen uns stark und eröffnen uns Kreativität und Widerstandskraft. Körper und Gefühle beeinflussen sich gegenseitig und sind abhängig von den Lebenserfahrungen, von den Genen und der Umwelt. All diese Zusammenhänge beschreiben die Autorinnen in ihrem Buch, das mit 160 Seiten zu Beginn 2011 im renommierten Trias-Verlag erschienen ist.

Aufbau des Buches und Leserkreis

Das bewährte Autorinnenteam Reddemann und Dehner-Rau richten ihr Buch an alle Menschen, die sich intensiver mit ihrem Innenleben beschäftigen wollen sowie an Menschen, die zu viel oder zu wenig mit ihren Gefühlen in Verbindung stehen. Auch soll es bei Depressionen und Störungen der Befindlichkeit hilfreich sein und Therapeuten eine Fundgrube für ressourcenorientiertes Arbeiten liefern. Die Sprache des Buches ist allerdings sehr einfach gehalten und die Darstellung wenig spezifisch, sodass es sich doch hauptsächlich an interessierte Laien richtet. Für diesen Leserkreis ist dann auch der vollmundige Satz vom Cover wieder stimmig: „Mit den Geschichten und Übungen dieses Buches entdecken Sie ungeahnte Stärke und finden die Tür zu Ihrem wirklichen Selbst.“ Doch auch für alle anderen ist es zum Stöbern, Nachdenken und Erinnern eine interessante Lektüre. Das Buch ist sehr übersichtlich in vier große Kapitel unterteilt. Was sind Gefühle und wofür sind sie gut? Wie und wo entstehen Gefühle? Wenn Gefühle belasten. Gefühle bewusster leben. Dazu kommen 31 Übungen zu belastenden Gefühlen, die auch im Inhaltsverzeichnis in einer Extra-Rubrik verzeichnet sind.

Gefühle, was sie ausdrücken und wofür sie gut sind

Die Autorinnen steigen mit der Unterscheidung von Affekt, Emotion und Gefühl ins erste Kapitel ein und fragen: "Was sind Gefühle und wofür sind sie gut?" Bestimmte Basisemotionen sind auf der ganzen Welt mit dem gleichen Gesichtsausdruck verbunden, wie z.B. Angst oder ein schwerer Verlust. Doch drücken wir die Vielfalt der Gefühle kaum mehr aus. Begriffe wie „Gram“ oder „Güte“ finden kaum mehr Anwendung. Die Autorinnen sehen darin einen kollektiven Vorgang der Sprachverarmung, der zu einer gewissen Selbstentfremdung beiträgt, weil Gefühle dadurch undifferenzierter erlebt werden (S. 16).

Im Verlauf des Kapitels wird beschrieben, was eine gesunde emotionale Entwicklung behindert und was dafür förderlich ist. Die Forschung zeigt, dass wir uns im Alltag oft unvernünftig verhalten und immer wieder dieselben Fehler machen, ohne daraus zu lernen. Bei vielen seelischen Erkrankungen ist die Verhaltensflexibilität eingeschränkt und die Autorinnen leiten dazu an, diese etwas mehr auszubauen, weil sie letztendlich zu mehr seelischer Stabilität beiträgt. Dazu ist die Annahme der Selbstwirksamkeit wichtig, also die Annahme, in der Welt etwas bewirken zu können.

Der neurobiologische Hintergrund für Gefühle

Gefühle entstehen im Kopf, so die Autorinnen und machen erst einmal einen Exkurs in die Neurowissenschaften. Erinnern, Gedächtnis und Lernen sind wichtige Schaltzentralen unseres Gehirns zur emotionalen Verarbeitung. Die Funktionen einzelner Hirnareale wird in Beziehung zu Angst, Trauer oder Ekel gesetzt, die Rolle der rechten und der linken Gehirnhälfte angerissen und ebenso kurz die Wirkung der Neurotransmitter und der Spiegelneurone beleuchtet. Im Anschluss daran geht es darum, dass wir in bestimmten Denkschemata gefangen sind, welche die Annahmen über uns selbst, über Beziehungen und über die Realität beinhalten. Solche Schemata sind früh erworben und beinhalten daher noch alte Überzeugungen, die in bestimmten Situationen auch in der Erwachsenenrealität wieder aktiviert werden. Da sie aber dort „erwartet“ werden und die Realität vielleicht mittlerweile eine ganz andere ist, werden sie therapeutisch als „irrationale Überzeugungen“ bezeichnet . So wird das Kapitel damit geschlossen, wie man zu hilfreicheren Überzeugungen gelangt. Körper und Gefühle ist ein weiterer großer Abschnitt, der anschaulich darstellt, wie sich Gefühle auf den Körper auswirken und welchen Einfluss Gefühle auf Erkrankungen haben.

Belastende Gefühle aushalten

Entwickeln sich unsere Gefühle zu einseitig und extrem, können sie uns schaden. Das bringt die Autorinnen im Kapitel, „Wenn Gefühle belasten“, zu der Frage, wieviel Gefühl für uns eigentlich gut ist und wie viel davon man nach außen zeigen kann. Schwierig ist die Beantwortung der Frage deshalb, weil jeder Mensch eine andere Persönlichkeit hat und auch eine andere genetische Ausstattung hat. Geschlechtsspezifische Unterschiede spielen auch eine Rolle, die aber nur angerissen wird. „Auch von uns als negativ, belastend empfundene Gefühle sind sinnvoll, wenn wir sie als Signale für notwendige Veränderungen begreifen“, so die Autorinnen auf dem Cover. Das, womit wir hadern, gilt es loszulassen, damit Gefühle uns nicht zu sehr belasten. So raten die Autorinnen dazu, eine Trauerphase aktiv zu durchlaufen und sich Zeit dafür zu nehmen. Zudem werden Schuld- und Schamgefühle unter die Lupe genommen sowie Minderwertigkeitsgefühle und Selbstzweifel, Ohnmachtsgefühle, Ärger oder Ekel.

Fazit: Gefühle sind ein großer Schatz

Im letzten Kapitel "Gefühle bewusster leben", plädieren die Autorinnen dafür, Gefühle achtsam zuzulassen. Dazu beziehen sie alle Sinne ein und stellen einige Genussregeln auf. Gefühle sind demnach ein Weg, zu uns selbst zu gelangen. Ein jeder Mensch mit einem eigenen Gefühlsprofil. Liebe, Mitgefühl und spirituelles Erleben sind dabei ebenso wichtig, wie Einfühlungsvermögen, Freude und Humor. Hier wird auch noch einmal die große Fülle an Gefühlen deutlich, die wir leben können.

Einer der letzen Sätze des Buches lautet:" Ihre Gefühle sind Ihr größter Schatz in Ihrer Menschlichkeit und Ihrer Mitmenschlichkeit". Den Autorinnen ist es gelungen, den Leser diesen Schatz entdecken zu lassen. Der Trias-Verlag hat dabei mitgewirkt, indem er das Buch sehr leserfreundlich aufbereitet hat, mit vielen farblichen Abhebungen und Anwendungskästchen mit Übungen. Fazit: Das Buch "Gefühle besser verstehen" ist ein wunderbares Buch für Menschen, die beginnen möchten, sich auf ihre Gefühle einzulassen. Das Buch bietet einen guten Überblick über all die Themen, die mit der Gefühlswelt verwoben sind. Je mehr man sich allerdings auf das Buch einlässt, umso deutlicher wird, dass man zu jedem kleinen Abschnitt auch noch einmal viel weiter in die Tiefe gehen könnte.

Literaturhinweis

Reddemann L./ C. Dehner-Rau: Gefühle besser verstehen. Trias 2011.

Dörthe Huth, privat

Dörthe Huth - Als Autorin ranken sich meine Themen rund um Körper, Geist und Seele. In den folgenden Bereichen kenne ich mich besonders gut ...

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