Rezension: Im Sterben dem Leben begegnen

Im Sterben dem Leben begegnen - Theseus Verlag
Im Sterben dem Leben begegnen - Theseus Verlag
Mit ihrem Buch zeigt uns Joan Halifax einen buddhistischen Zugang, das Sterben als Teil des Lebens anzunehmen. Mut und Mitgefühl im Angesicht des Todes.

Die meisten Menschen sterben heutzutage in Pflegeheimen und Kliniken. Die Wiederentdeckung eines natürlichen Sterbevorgangs sollte uns ein Anliegen sein. Das aber bedeutet, sich mit Tod und Sterben auseinandersetzen zu müssen, ebenso wie mit dem Leben. Das zu tun und einen Menschen bis zum Übergang in den Tod liebevoll zu begleiten, ist in unserer Tradition eine große Herausforderung. Die buddhistische Lehrerin und Sterbebegleiterin Joan Halifax hebt in ihrem Buch „Im Sterben dem Leben begegnen“ die Dichotomie zwischen Leben und Sterben auf. Aus ihrer Sicht gibt es keine Trennung zwischen beidem, „sondern nur wechselseitige Durchdringung und Einheit“ (S. 19). In ihrem Buch, das im März 2011 bei Theseus als Hardcoverausgabe erschienen ist, plädiert Halifax für Offenheit und Annahme aller Situationen, so auch des Sterbens als Teil des Lebens. Die Autorin nähert sich dem Thema Tod und Sterben auf eine buddhistische Weise, durch Achtsamkeit und Hingabe.

Tod und Sterben: ein Tabuthema unserer Gesellschaft

Leben und Sterben gehören untrennbar zusammen und dennoch wird der Tod in unserer Gesellschaft verdrängt. Sterbende werden in die Anonymität von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen verbannt, in denen die Vereinsamung unaufhaltsam voranschreitet. Diese Erfahrung machte auch die Autorin, Joan Halifax, in den 60er Jahren als junges Mädchen. In einer Zeit, in der das Sterben ebenso wie das Gebären als Krankheit betrachtet wurde. Im Angesicht des Todes wenden sich viele Menschen von den Sterbenden ab. Joan Halifax erlebte das langsame, schwere und einsame Sterben ihrer Großmutter in einem Pflegeheim mit. Nach dem Tod ihrer Großmutter erkannte sie, dass die Furcht vor dem Tod uns am guten Kontakt zu Sterbenden hindert. Damals nahm sie sich vor, für andere Sterbende da sein zu wollen. „Der Tod wurde mein Lehrer“ (S. 29). Gleichzeitig wandte sie sich dem Buddhismus zu. Heute sieht Halifax das Sterben als ein Loslassen in das Unbekannte. “"Wir verlieren den Boden unter den Füßen und öffnen uns für die Weite dessen, wer wir sind.“ (S. 25).

Kontemplative Praxis: wahrnehmen, entspannen, loslassen

Eine innere Haltung von Offenheit und Annahme des Augenblicks ist nach Joan Halifax grundlegend dafür, „mit Sterben, Tod, Fürsorge und Trauer umzugehen.“ Die drei zentralen Aspekte der Achtsamkeit bilden die Grundlage der der kontemplativen Praxis: Wahrnehmen, entspannen, loslassen. Das Loslassen und damit die bedingungslose Präsenz im Augenblick ist für sie zudem ein Mittel, die Angst vor dem Sterben zu bewältigen. Neben ihren Ausführungen, anschaulichen Geschichten und Weisheiten, bietet die Autorin nach jedem Kapitel meditative Übungen an. Darin kann der Leser ganz praktisch erfahren, was es bedeutet, sich dem Thema Leben und Sterben ganzheitlich zu nähern. Herz und Geist werden dadurch geschult, achtsamer mit sich selbst und anderen Menschen umzugehen. "Mut und Mitgefühl im Angesicht des Todes" heißt es im Untertitel des Buches. Dazu gehört für die Autorin immer wieder die Konzentration auf den Atem zur Vergegenwärtigung des Moments. Doch mutet Halifax dem Leser auch härtere Übungen zu, wie die Visualisierung des Verfalls des eigenen Körpers in 9 Stufen. Sie selbst berichtet, dass sie diese Erfahrung auf einem Leichenfeld in Tibet erfahren hat.

Gemeinschaftliche Sterbebegleitung zulassen

Das Sterben aushalten durch Stille und Mut ist eine ihrer Devisen. Sie leitet dazu an, die eigenen Grenzen auch bei der Begleitung Sterbender einzuhalten und „Gemeinschaften der Anteilnahme zuzulassen.“ Betreuer sind Engel und Dämon zugleich. Das Helfertum hat auch seine Schattenseiten, wie Märtyrerdasein oder Heldentum. Wer sich selbst verausgabt, kann die Grenzen anderer nicht respektieren. So kommt es dazu, dass Helfer an Burnout leiden oder gar beginnen, ihre Schützlinge zu beschimpfen. Das Teilen von Verantwortung sieht Halifax als einen kreativen Weg der Gemeinschaft. „Einer der ersten Schritte, die getan werden können, wenn jemand stirbt, ist eine Bestandsaufnahme der Mitglieder einer Gemeinschaft …“(S. 159). Die Arbeit eines Helfers besteht immer wieder darin, Nicht-Wissen zu praktizieren, also offen zu sein, für alles, was kommt. Denn unser Dilemma besteht oft darin, nach praktischen Lösungen zu suchen, anstelle die Situation anzunehmen, wie sie ist.

Fazit: ein Buch der Entschleunigung voller Lebensweisheit

"Im Sterben dem Leben begegnen" ist anspruchsvolles Buch voller Inspiration und Lebensweisheit. Die Mitbegründerin des Zen-Peacemaker-Ordens, Joan Halifax, gibt ihre durch den Buddhismus inspirierten Botschaften überzeugend weiter. Besonders ihre ganz privaten Erinnerungen, Entwicklungen und Einsichten berühren tief. Das erleichtert dem Leser, sich auf dieses persönliche Thema einzulassen. Es hilft einem Kranken, sich mit der eigenen Vergänglichkeit zu befassen und erleichtert es ebenso das Sterben eines geliebten Menschen zu begleiten. Es ist, wie es ist. Die buddhistische Sichtweise der Autorin hilft dabei, den Handlungsdruck von uns zu nehmen und eine Entschleunigung zuzulassen. Gemeinsame Momente der Stille schaffen ein Feld des Einsseins. So lässt sich die Intensität des Augenblicks aushalten. Wer kreative Inspiration für das Leben und das Sterben sucht, wird sie in diesem Buch finden.

Über den Theseus Verlag

Theseus besteht seit 1975 und gehört zur J. Kamphausen Mediengruppe. Mit einem Verlagsprogramm, das sich auf fernöstliche Weisheiten spezialisiert hat, bietet es ein vielfältiges und zeitloses Themenangebot von Buddhismus über Yoga bis hin zu fernöstlicher Spiritualiät zur Orientierung und Lebenshilfe. Alle Themen sind für den europäischen Leserkreis aufbereitet. Die Leser werden in ihrer spirituellen Lebenspraxis durch Achtsamkeitstechniken oder fernöstliche Weisheitstraditionen unterstützt. "Dem Leben Tiefe geben" ist der Grundsatz, nach dem Theseus sein Verlagsprogramm auswählt. Die Bücher begleiten die Leser auf dem Weg zu sich selbst. Große spirituelle Lehrer wie der Dalai Lama, Thich Nhat Hanh oder Willigis Jäger gehören zu den bekanntesten Autoren des Verlags.

Literaturhinweis

Joan Halifax: Im Sterben dem Leben begegnen. Mut und Mitgefühl im Angesicht des Todes. Theseus 2011. 24,95 Euro. ISBN: 978-3-89901-395-5. 288 Seiten, Hardcover,

Dörthe Huth, privat

Dörthe Huth - Als Autorin ranken sich meine Themen rund um Körper, Geist und Seele. In den folgenden Bereichen kenne ich mich besonders gut ...

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