Rezension: Roman von Jodi Picoult

„Beim Leben meiner Schwester“ erzählt von einer Leukämieerkrankung

Picoult: Beim Leben meiner Schwester - Piper-Verlag
Picoult: Beim Leben meiner Schwester - Piper-Verlag
Ein Geschwisterpaar und eine schwere Krankheit: Jodi Picoults aufrüttelnder Roman über den Wert des Menschen lässt niemanden kalt.

Kate Fitzgerald hat Leukämie, und ohne ihre Schwester Anna kann sie nicht überleben. Bisher ist Anna immer für ihre Schwester eingetreten. Nabelschnurblut, Knochenmarkspende und unzählige Operationen hat sie hinter sich. Aber als sie mit dreizehn eine Niere spenden soll, weigert sie sich und nimmt sich einen Anwalt. Anna will selbst über ihren Körper entscheiden, auch wenn Kate dann sterben wird.

Zuinnerst ist Anna unsicher und zweifelt daran, ob sie jemals als eigenständiger Mensch gesehen und geliebt wurde, oder ob ihre Eltern sie immer nur als „Ersatzteillager“ für ihre kranke Schwester Kate gesehen haben. Denn geboren wurde sie, um ihre Schwester Kate zu retten. Würde sie überhaupt leben, wenn Kate nicht krank wäre?

Menschen als Ersatzteillager?

Jodi Picoult nähert sich in „Beim Leben meiner Schwester“ einem brisanten Thema: Darf man mit den gentechnischen Möglichkeiten der Präimplantationsdiagnostik, die der Wissenschaft heute zur Verfügung stehen, Menschen schaffen, die als Spender für Geschwister in Frage kommen? Ist es ethisch richtig, dass ein Mensch ins Leben gerufen wird, um Leben zu retten?

Der Roman ist fesselnd geschrieben, ein Lesegenuss sowohl aufgrund des brisanten und gut erzählten Plots als auch aufgrund der stilistischen Qualität.

Alle Personen – Vater Brian, Mutter Sara, Bruder Jesse; Kate, die kranke Schwester; Anna, die ungewollte Spenderin; der Anwalt Campbell und die Verfahrenspflegerin Julia – erzählen in der Ich-Perspektive. Dadurch kommen sie mit ihren Fragen, Zweifeln und auch ihren Hoffnungen dem Leser nahe.

Die ethisch richtige Entscheidung

Es ist schwer, ja vielleicht unmöglich, die ethisch richtige Entscheidung zu treffen. Eltern wollen das Leben ihres Kindes retten, Spender wollen selbst über ihre Gabe entscheiden und nicht in eine Rolle gezwungen werden. Kranke wollen nicht um jeden Preis weiterleben und wünschen sich einen würdigen Tod.

Wie verhalten sich Qualität und Schutz des Lebens zueinander?

Letztendlich geht es um die Frage: Wie verhalten sich Qualität und Schutz des Lebens zueinander? Lebensqualität ist nicht an ein langes und schmerzfreies Leben gebunden, denn auch ein kurzes Leben kann erfüllt sein, weil es geteilte Zeit gab, menschliche Nähe und Freundschaft. Somit bleibt die Frage an den Leser, was für ihn das Leben eigentlich wertvoll macht.

Eine andere Frage ist, ob wir als Menschen entscheiden dürfen, welches Leben Schutz verdient. Interessen kollidieren, so wie hier das Leben der (noch nicht geborenen) Anna und ihrer kranken Schwester. Jodi Picoult zeigt, dass die Gesunden oft zu wissen meinen, was den Kranken am Herzen liegt, sich aber ebenso oft täuschen, weil sie deren Leben(squalität) mit den Maßstäben ihres Lebens messen. Nicht immer geht es darum, das Leben um jeden Preis zu verlängern, sondern es noch lebenswert und schmerzfrei für den Kranken zu gestalten.

Die Autorin besticht mit ihrer klaren Sprache, den treffenden und ausdrucksstarken Vergleichen und den starken Persönlichkeiten, die sie aufs Papier bringt. Sie vermittelt das schwierige Thema mit Humor und ist sich bewusst, wie schmerzhaft ein solches Leben für alle Beteiligten ist. Denn die Familie Fitzgerald ist von der Krankheit belastet und zerrissen.

„Beim Leben meiner Schwester“ möchte man nicht aus der Hand legen. Spannung bis zum letzten Satz ist garantiert, weil der Schluss einfach überrascht. Zurück bleibt ein nachdenklicher Leser: Nicht alles ist so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht. Das Buch ist kein Plädoyer für „savior siblings" – Designerbabys – oder Präimplantationsdiagnostik, sondern versucht die Tragweite dessen, was uns heute möglich ist, an fiktiven Menschen und ihren Schicksalen festzumachen.

Es ist eine Fiktion, die unter die Haut geht und die man so schnell nicht beiseitelegen kann – auch wenn das Buch längst ausgelesen ist.

Jodi Picoult: Beim Leben meiner Schwester. Piper 2007. Broschiert, 478 Seiten. Euro 8,95.

Eva Maria Nielsen, Eva Maria Nielsen

Eva Maria Nielsen - Kurzvita 1994 Diplom Theologin in Münster 1996 Rezensentin für den Evangelischen Buchberater 1999 Magister in ...

rss