Rezension – Mythos Czernowitz

Eine Aufsatzsammlung über die Geschichte der Bukowina

Mythos Czernowitz - Deutsches Kulturforum Östliches Europa
Mythos Czernowitz - Deutsches Kulturforum Östliches Europa
Die Entwicklung des „Buchenlandes" zu einer deutschen Sprachinsel und Zentrum deutscher Kultur ist das Verdienst österreichischer Politik.

Der vorliegende Sammelband wurde mit dem Untertitel „Eine Stadt im Spiegel ihrer Nationalitäten“ vom Deutschen Kulturform Östliches Europa“ im Jahre 2008 anlässlich der 600 Jahre seit der ersten Erwähnung dieser Stadt herausgegeben. Wobei es schon damit so eine Sache ist: Zwar hat das heutige ukrainische Tscherniwizi im Oktober 2008 sein sechshundertjähriges Stadtjubiläum gefeiert. Aber was 1408 erstmals erwähnt worden ist, war eine Zollstation. So wie die Stadt heute im Schnittpunkt der Ukraine, Rumäniens und Moldawiens liegt, war diese Gegend auch damals schon eine Grenzregion – im Osten das halbsouveräne Fürstentum der Moldau, im Norden die entwickelnden Staaten Mitteleuropas mit Böhmen und Polen.

Czernowitz – seit 1774 österreichisch

Im Zuge der Ersten Polnischen Teilung wurde die Bukowina mit Czernowitz – damals ein armseliges Dorf – 1774 von Österreich besetzt. Vom späteren Glanz war die neue Verwaltungshauptstadt der Bukowina weit entfernt. Im Zuge der Bemühungen, die Region voranzubringen, warb Österreich wie schon ein halbes Jahrhundert zuvor für das Banat Siedler aus verschiedenen deutschen Gegenden an.

Die hier ansässigen Juden, Rumänen, Polen und Ukrainer – damals Ruthenen genannt – wurden nicht behindert. Im Gegenteil: Die Polen gewannen Ansehen und nahmen bald in Verwaltung und Gesellschaft einen wichtigen Rang ein. Czernowitz wuchs vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beachtlich und entwickelte ein reichhaltiges Kulturleben aller hier ansässigen Nationen. Weil aber die Juden Deutsch sprachen und fühlten, stand das deutsche Element im Vordergrund. Und so entwickelte sich die reiche deutsche Kultur einer Sprachinsel.

Nach 1918 Teil von Groß-Rumänien

Während des Ersten Weltkrieges wurde die Bukowina mehrfach von russischen Truppen besetzt. Durch die Pariser Vorortverträge wurde die Bukowina Rumänien zugesprochen, das sich hier ungut aufführte. Das überschäumende Nationalbewusstsein erlebte hier im Grenzgebiet seine schlimmsten Auswüchse.

Durch den „Zweiten Wiener Schiedsspruch“ fiel die Nordbukowina 1940 an die Sowjetunion. Hitler-Deutschland holte die deutschen Volksgruppen in der Nord- und Südbukowina aufgrund von Verträgen mit der Sowjetunion und Rumänien „heim ins Reich“. Dort begegnete man freilich diesen „Volksdeutschen“ mit Vorbehalten.

Rumänische Besatzungszone in Transnistrien

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde Rumänien eine Besatzungszone in Transnistrien zugesprochen. Dorthin wurden die Czernowitzer Juden verschleppt, so sie nicht schon nach dem Einmarsch der rumänischen und deutschen Truppen ermordet worden waren. Immerhin durften einige Tausend dank der Fürsprache des rumänischen Bürgermeisters als „kriegswichtig“ bleiben.

1944 wandte sich das Kriegsglück erneut. Die Rumänen flüchteten ins Altreich. Was in der Stadt sonst geblieben war, wurde von der Sowjetregierung weitgehend nach Sibirien verschleppt. So ist die Bevölkerung nach 1945 vollkommen ausgetauscht worden. Als 2001 die Ukraine unabhängig wurde, stellten die Bürger dieser Stadt erstaunt fest, dass deren Geschichte nicht erst 1940 beginnt, sondern weit länger zurückreicht. Und die vor allem in den Neunziger Jahren einfallenden Heerscharen von Journalisten und Historikern ließ in ihnen das Gefühl des Besonderen wachsen.

Das ukrainische Czernowitz ist sich seiner Geschichte bewusst

Czernowitz hat das alte österreichische Wappen wieder angenommen. Die Bausubstanz wird gepflegt. Die Universität untersucht ihre deutsche Vergangenheit und unterhält enge Beziehungen mit Hochschulen überall in Europa. Literatur und die schönen Künste werden gefördert. Und: erstaunlich viele Menschen in dieser Stadt sprechen Deutsch!

Mythos Czernowitz – Eine Stadt im Spiegel ihrer Nationalitäten. Deutsches Kulturforum Östliches Europa 2009. Taschenbuch, 263 Seiten. Euro 11,90.

Horst Schinzel, Valentina Jermakova

Horst Schinzel - Ich bin seit mehr als fünfzig Jahren journalistisch und publizistisch tätig. In den Siebziger Jahren habe ich einen Kleinverlag ...

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