Wagner-Buch von Oliver Hilmes – Cosimas Kinder

In der Sippschaft Wagner war man einander oft spinnefeind

Cosima Wagner - Sammlung Schinzel
Cosima Wagner - Sammlung Schinzel
Schon Richard Wagner war menschlich kaum ein Vorbild. Seine und Hans von Bülows "Brut" aber trieb es arg. Davon erzählt dieses Buch.

Nein – eine „amazing family“ waren die Wagners ganz gewiss nicht. Schon der Komponist Richard Wagner war offensichtlich – bei aller Bewunderung für sein künstlerisches Schaffen – menschlich gesehen eine höchst fragwürdige Gestalt. Seine Wandlung von Demokraten zum Fürstenknecht, seine Liebesbeziehungen, seine absurden Vorstellungen von Germanentum und deutscher Volksseele und sein abgrundtiefer Antisemitismus – das alles sind Züge, die ihn aus heutiger Sicht kaum erträglich machen. Einzig die Darstellung, dass er im Rahmen seiner zeitlichen Möglichkeiten ein liebevoller Vater gewesen sei, gibt dem Künstler Wagner ein menschliches Antlitz.

Und da sind seine Kinder, Enkelkinder und jetzt die Urenkelinnen, die als angestellte Festspielleiterinnen das vom Urgroßvater begonnene gewaltige Werk in eine neue Zeit hinüber führen sollen. Was ja bis jetzt ganz passabel zu laufen scheint. Die Familie aber hat mehr als hundert Jahre lang Deutschland und Europa amüsiert, verwirrt, geärgert. Da ist manches sehr absurd gelaufen.

Familienbeziehungen nach Holstein

Und um die mit dieser Familie verbundenen Kuriositäten voll zu machen, spielt das Schicksal einer Enkelin des Komponisten zu einem Teil in Schleswig-Holstein. Die Tochter Blandine (1863 bis 1941) war mit einem italienischen Grafen Bigaio Gravina verheiratet. Die 1886 in Palermo geborene Tochter Maria heiratete 1911 den aus Husum stammenden Arzt Dr. Paul Wassily, mit dem sie bis zur Scheidung 1924 in Kiel lebte. Wassily war als Homöopath ebenso berühmt wie als Kunstsammler.

Im Zweiten Weltkrieg wurde er ausgebombt und lebte sehr zurückgezogen im ostholsteinischen Eutin, wo man mit dem berühmten Mitbürger wenig anzufangen wusste. Als die Zeiten sich normalisierten, ging er nach Kiel zurück, wo er am 7. Mai 1951 gestorben ist.

Richard Wagner hat dem Freund Kuckuckskinder untergejubelt

Wie man weiß, hat Richard Wagner seinem Freund Hans von Bülow dessen Frau Cosima – eine Tochter Franz Liszts – „ausgespannt“. Cosima hatte mit von Bülow die Töchter Daniela und Blandine, während ihre Kinder Isolde und Eva einem ehebrecherischen Verhältnis mit Richard Wagner entstammten. Nur der Sohn Siegfried ist ehelich als Sohn des Komponisten geboren. Das allein ist schon verwirrend genug. Auch die beiden Bülow-Kinder sind nach der Heirat Cosimas und Richard Wagners in dessen Haushalt aufgewachsen.

Das Leben aller fünf Kinder war bunt, verwirrend und voller Schicksalsschläge. Nach dem Tode des Meisters wurde Cosima zur „Hohen Frau“, zur Ersatz-Heiligen hochstilisiert. Siegfried wollte eigentlich ursprünglich eine Architekturlaufbahn einschlagen, wandte sich dann aber der Kunst zu, ohne hier rechten Erfolg zu erlangen. Seine Opern kamen über Achtungserfolge nicht hinaus. Immerhin wurde er als Dirigent und später Künstlerischer Leiter der Bayreuther Festspiele anerkannt.

Vorkämpfer für alldeutsche Bestrebungen

Insbesondere seine Schwester Eva geriet – nicht zuletzt durch ihre Ehe mit dem rechtsradikalen Schriftsteller Houston Stewart Chamberlain – früh in den Dunstkreis ultranationaler Kreise. Sie war eine der frühesten Verehrer Hitlers. Von dem fühlte sich auch Siegfrieds Frau Winifred magisch angezogen.

In der Familie Wagner ist über Jahrzehnte hinweg viel schmutzige Wäsche gewaschen worden, was uns Autor Oliver Hilmes – durch eine Biografie Cosimas als Sach- und Fachkenner ausgewiesen – mit großer Liebe zum Detail vorträgt. Darüber hinaus mussten die einzelnen Familienmitglieder viele schwere Schicksalsschläge verkraften – bis in die jüngste Zeit, als Wolfgangs Wagners Frau Gudrun plötzlich starb. Dass der Autor dabei den roten Faden nicht verliert, ist schon fast bewundernswert.

Oliver Hilmes: Cosimas Kinder – Triumph und Tragödie der Wagner-Dynastie. Siedler-Verlag 2009. Gebunden, 320 Seiten. Euro 22,95.

Horst Schinzel, Valentina Jermakova

Horst Schinzel - Ich bin seit mehr als fünfzig Jahren journalistisch und publizistisch tätig. In den Siebziger Jahren habe ich einen Kleinverlag ...

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