
- Buchcover zu Rebecca Gablé Der Dunkle Thron - Lübbe Verlag
Die historischen Romane von Rebecca Gablé überzeugen durch präzise Recherche und schriftstellerischem Geschick. Fakten und Fiktion fügen sich zu einem Lesevergnügen zusammen, bei dem die Leser außerdem viel über das englische Mittelalter lernen. Unterhaltsam und ganz beiläufig zwischen den Zeilen.
"Der dunkle Thron" entführt die Leser in die Zeit der englischen Reformation, als König Henry VIII. sich von der katholischen Kirche lossagte und sich von seiner ersten Frau Katharina von Aragón scheiden ließ. Ihr folgten fünf weitere Ehefrauen.
Nick of Waringham und Henry VIII.
Am Rande dieser Ereignisse steht Nick of Waringham, ältester Sohn des Earl of Waringham. Ihm fällt nach dem Tod des Vaters die Aufgabe zu, sich um die heruntergewirtschaftete Baronie zu kümmern und seiner Schwester, Stiefmutter und Stiefschwester ein Dach über dem Kopf zu bieten. Nicks Vater musste sterben, weil er im Verdacht stand, mit Ketzern und Reformern vom Kontinent konspiriert zu haben.
Nick tritt sein schweres Erbe an. In den Wirren der Reformation trifft er Königin Katharina – im Roman heißt sie spanisch Katalina – und muss ihr versprechen, ihre Tochter Mary im Kampf um die rechtmäßige Thronfolge zu unterstützen. Ein Versprechen, das Nick sein ganzes Leben lang begleiten wird. Doch Marys Feinde, darunter Reformer Thomas Cromwell und Thomas Wolsey, wissen, Nick und Marys Sympathisanten Steine in den Weg zu legen.
Unterdessen setzt Henry VIII. die Loslösung von der katholischen Kirche durch und räumt seine Gegner - und Ehefrauen - mit Gewalt aus dem Weg.
Intrigen, politische Umbrüche und der Kampf um den wahren Glauben
Es sind turbulente Zeiten, in die Rebecca Gablé ihre Protagonisten wirft. Jeder agiert auf den eigenen Vorteil bedacht und um beim König in einem guten Licht dazustehen, es wird intrigiert, politische Umbrüche machen sich die Emporkömmlinge am Hof zu Nutze. Unsicherheit besteht in Bezug auf Glaubensvorstellungen. Niemand konnte mit Sicherheit sagen, dass die geltenden Glaubensvorstellungen auch am nächsten Tag noch galten. Anne Boleyn, die neue Königin, wird vom Volk gehasst, als Hexe und Hure bezeichnet, doch der König ist von ihr geblendet in der Hoffnung, dass sie ihm einen Thronfolger schenkt.
Hauptfigur Nick of Waringham ist jedoch nur Beobachter am Rande. Im Gegensatz zu seinen Ahnen, die in den Vorgängerromanen "Das Spiel der Könige" oder "Das Lächeln der Fortuna" noch direkt am Hof das Geschehen miterlebten, ist Nick auf Boten und Freunde am Hof angewiesen. Er selbst hat es sich mit dem König verscherzt, sympathisiert er doch offen mit Prinzessin Mary und bietet Henry die Stirn.
Rebecca Gablés Ausflug ins 16. Jahrhundert
So abenteuerlich und spannend die englische Reformation auch ist, sie ist nicht das englische Mittelalter. Für "Der dunkle Thron" begab die Autorin sich auf historisches Neuland und recherchierte monatelang in England, wälzte Chroniken und Schriften über Henry VIII. und seine Zeit. Handwerklich ist an "Der dunkle Thron" nichts auszusetzen. Geschickt nutzt die Autorin die weißen Flecken in der englischen Geschichte für sich und stellt fundiert die einzelnen Zusammenhänge und politische Wirren dar. Trotzdem muss der Leser genau aufpassen, dass er den politischen Entwicklungen folgen kann. Das liegt teilweise auch daran, dass Nick of Waringham abseits der Ereignisse steht.
Rebecca Gablé hat mehrfach bewiesen, dass sie im englischen Mittelalter zuhause ist, zuletzt mit ihrem Sachbuch "Von Ratlosen und Löwenherzen". Doch gelegentlich fällt beim Lesen ihres neuen Romans auf, dass der Autorin die gewohnte Intuition beim Schreiben fehlt. Manche Passagen wirken steif und gut überlegt, als wollen sie über eventuelle Unsicherheiten in Bezug auf das 16. Jahrhundert hinwegtäuschen.
Einen gewieften Bösewicht, der für ein wenig Pepp in die Handlung sorgt, gibt es leider nicht. Auch die Hauptfigur Nick of Waringham ist weniger sympathisch und farbloser als als die Figuren in Gablés bisherigen Romanen. Sein Schwur gegenüber Prinzessin Mary bringt ihn von einer prekären Situationen in die nächste, seine Freunde wenden sich von ihm ab und seine Ehefrau Polly ist nur gut genug, solange sie ihm Nachrichten von Mary bringen kann.
Ein weiterer Unsympath, jedoch historisch überliefert, ist König Henry VIII. In seiner Jugend charismatisch und athletisch, musisch begabt, leidet er in zunehmendem Alter an seiner Fettleibigkeit und ist chronisch krank – was weder seinem Temperament noch seinem sturen Verhalten schadet.
"Der dunkle Thron" ist ein unterhaltsamer und fundierter historischer Roman, der die Geschichte des fiktiven Adelsgeschlecht Waringham fortsetzt. Rebecca Gablés Ausflug ins 16. Jahrhundert ist weitestgehend gelungen. Lebendig und farbenfroh schildert sie das Leben in England und belebt historische Figuren und Orte mit ihrem schriftstellerischem Einfallsreichtum. Ob mit "Der dunkle Thron" die Waringham-Saga einen Abschluss gefunden hat, bleibt jedoch abzuwarten. Das Elisabethanische Zeitalter oder die Glorious Revolution im 17. Jahrhundert bieten genug spannenden historischen Stoff als Hintergrund für eine weitere Fortsetzung.
Rebecca Gablé: Der dunkle Thron, Lübbe Ehrenwirth, Köln 2011, Gebunden, 956 Seiten, ISBN: 978-3-431-03840-8
