
- Schaut nicht weg! Stephanie zu Guttenberg - Kreuz Verlag 2010, ISBN 978-3-7831-3485-8
Der sexuelle Missbrauch in Deutschland ist kein Thema, das gern besprochen wird. Vielen verschafft es zunächst ein gewisses Unbehagen. Doch Schweigen, das vermeintlich Unaussprechliches totschweigen will, gefährdet Kinder extrem. Fakten sprechen eine deutliche Sprache. Etwa jedes fünfte Mädchen und jeder zehnte Junge werden sexuell belästigt. Zumeist im sozialen Nahraum. Tatsachen, die alarmieren. Die Autorin betont ihr Anliegen, die Öffentlichkeit aufzurütteln. Stephanie zu Guttenberg schildert einleitend, wie sich diese Thematik zu ihrer Herzensangelegenheit entwickelte und sie sich bereitwillig zur populären Galionsfigur machte.
Missbrauch muss öffentlich werden
Es ist schockierend, die Tatsache grausamer Akte sexueller Gewalt gegen die Schwächsten der Gesellschaft. Augen zu und die Angelegenheit verschweigen wäre die häufigste Reaktion Erwachsener. Durchschnittlich würde ein missbrauchtes Kind mehr als acht Erwachsene ansprechen müssen, ehe man ihm überhaupt zuhört und es ernst nimmt. Zu Recht meint die Autorin, es würde vom Wegschauen nicht besser werden. Sexuelle Missbrauchserfahrung in der Kindheit hätten tiefgreifende Folgen auf das weitere Leben, schädigten die Gesundheit massiv. Sogar neurobiologische Folgen hätte die Hirnforschung erkannt. Derartig traumatische Erlebnisse minderten das Gehirnzellenwachstum und begünstigten eine Vielzahl psychischer Krankheiten. Das Anliegen der Autorin und ihrer Mitautorin Anne-Ev Ustorf ist die umfassende Aufklärung. Je mehr über das Thema in der Öffentlichkeit bekannt ist, um so eher und effektiver kann betroffenen Kinder geholfen werden.
Information gegen die Mauer des Schweigens
Stephanie Freifrau zu Guttenberg ist seit 7 Jahren aktiv im Verein gegen sexuellen Missbrauch von Kindern, seit 2009 Präsidentin des Innocence in Danger e.V. (Verein für Unschuldige in Gefahr). Sie ist ehrenamtlich dafür verantwortlich, Projekte mitzuentwickeln und durchzuführen. Sie hält Vorträge, nutzt Medien öffentlichkeitswirksam. In dem rezensierten Buch schildert sie einführend die Arbeit des Vereins. Weiterhin wird klar angesprochen, was jeder Einzelne tun kann und wie Täter erkannt werden. Auch sind Möglichkeiten erklärt, um betroffenen Kindern zu helfen. Ein weiterer Teil ist der öffentlichen Wahrnehmung von Missbrauch gewidmet, insbesondere im Internet. Auch thematisieren die Autorinnen, wie Missbrauchsskandale die Gesellschaft verändern. Ein eigenes Kapitel beschäftigt sich mit der sexualisierten Gesellschaft, die Kinder und Jugendliche immer früher mit Sexualität konfrontiert. Der letzte Teil beinhaltet Tipps für Eltern, Adressen und eine Bibliographie. Das Nachwort schrieb der Präsident des BKA, Jörg Ziercke. Auf insgesamt 177 Seiten bietet das Buch strukturiert aufbereitete Information im handlichen Format (12,8 x 21 cm).
Fakten zum sexuellen Missbrauch
Sexuellen Missbrauch nur als Tatbestand der Vergewaltigung zu interpretieren, wäre zu kurz gegriffen. Es handelt sich um länger andauernde Prozesse, die mit aufgezwungenen Berührungen beginnen und sich zunehmend steigern. Die Herstellung kinderpornografischen Materials zählt ebenso zu Formen sexueller Gewalt, wie etwa das gemeinsame Anschauen von Pornofilmen mit Kindern. Auch Begegnungen mit Exhibitionisten sind für Kinder traumatisch verletzend und zählen zum sexuellen Missbrauch. Gesetzlich wird zwischen verschiedenen Formen und Schweregraden unterschieden. Im Strafgesetzbuch finden sich die § 176, § 176a, § 177, § 184b und § 184c zu den jeweiligen Ausprägungsformen - von schwerem sexuellen Missbrauch bis zur Nötigung und Vergewaltigung, der Verbreitung, dem Erwerb oder Besitz kinderpornographischen Materials. Unterscheidungen sind für die Festlegung der Strafe wichtig. Für Opfer ist jedoch jede Form sexueller Gewalt schädigend.
Sexueller Missbrauch als Form von Gewalt
Die Autorin beschreibt Sex als Waffe, Missbrauch als Gewaltakt. Missbrauch findet in einem Machtgefälle statt. Täter leben ihre Macht aus, indem sie schwächere und unterlegenere Menschen dazu bringen, gegen ihren Willen zu handeln. Betroffenen Kindern wird ein enormer Geheimhaltungsdruck aufgezwungen, der typisch für das Machtbedürfnis der Täter wäre. Es ginge weniger um Perversion. Missbrauch würde eher zur Gewalt und den damit verbundenen Grenzerfahrung gehören. Sexualität wäre nur ein Mittel zum Zweck. Täter wären erschreckend alltäglich, tragen die Maske der Normalität. Und passen so gar nicht in die Annahme, es würde sich überwiegend um erkennbar sexuell Abartige, Perverse, Monster oder klinisch Kranke handeln. Mehr als 90 Prozent der Täter kommen aus dem sozialen Umfeld des Kindes, ihrer Familie oder dem Bekanntenkreis. Sie werden weniger durch den kindlichen Körper erregt. Sie nutzen vielmehr derart die Möglichkeit, ihre Machtbedürfnisse und Aggressionen an Kindern auszuleben. Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten und Lebensformen, mit oder ohne eigene Missbrauchserfahrung. Es gibt keine einfache Täterschablone, kein typisches Profil oder Alter. Ein Fünftel der Täter ist selbst minderjährig. Sie gehen geplant und gezielt vor. Der Frauenanteil bei Tätern wäre bei etwa 20 Prozent. Gemeinsam ist allen Tätern nur ihr Bedürfnis nach Macht und Manipulation.
Das Buch ist übersichtlich strukturiert. Die Texte von den Autorinnen klar formuliert und verständlich lesbar. Nachvollziehbar erklärt sind die vielen Facetten sexuellen Missbrauchs. Ein lesenswertes Buch, das mit vielen Fallbeispielen arbeitet und ehrliches Engagement erkennen lässt. Es kann Leser sensibilisieren, genauer hinzuschauen und hinzuhören. Anzeichen früher wahrzunehmen, da mit alten Vorurteilen und Pauschalisierungen gründlich aufgeräumt wird. Ein empfehlenswertes Buch. Da jeder eine Mitverantwortung trägt. Sexueller Missbrauch ist nur möglich, wenn er verdeckt wird. Offener Umgang mit der Thematik ermutigt Opfer zu sprechen, behindert Täter, bietet wissenswerte Aufklärung und schützt gefährdete Kinder schon vorbeugend.
Buch: Schaut nicht weg! Was wir gegen sexuellen Missbrauch tun müssen, Stephanie zu Guttenberg mit Anne-Ev Ustorf, 2010, Freiburg im Breisgau, Kreuz Verlag, 177 Seiten, ISBN 978-3-7831-3485-8
