
- Buchtitel Sommerlügen - Diogenes Verlag
Der Kalauer bietet sich zwangsläufig an: Der gesamte vergangene Sommer war in Deutschland eine einzige Lüge, was das Wetter betrifft! Aber darum geht es natürlich nicht in diesem Erzählband von Bernhard Schlink, einem unserer größten deutschen Gegenwartsautoren. Diesen Superlativ hat er sich wahrlich verdient nicht nur seit seinen Kriminalromanen, sondern vor allem seit dem Bestseller „Der Vorleser“ in 1995. Dieses Buch wurde in 45 Sprachen übersetzt, 2009 verfilmt und mit einem Oscar und einem Golden Globe für den besten ausländischen Film ausgezeichnet.
Aber wie ein Rezensent einmal anmerkte, Kurzgeschichten sind Bernhard Schlinks wahres Talent. Das zeigt sich auch im Erzählband „Sommerlügen“, das sieben Geschichten vereint. Allen ist bei den unterschiedlichsten Themen oder besser Ausgangssitutationen gemeinsam, dass sie nicht unbedingt auf Lügen basieren, meist eher auf falschem Schweigen, das eben nicht immer Gold ist gegenüber dem silbernen Reden, auf falschen Erwartungen, Interpretationen und ein Leben lang mitgeschleppten falschen Illusionen.
Von Ehekrisen bis Mord, von problematischer Vaterbeziehung bis Bindungsangst
Es sind ganz unterschiedliche Geschichten, die zwischen Rügen und New York spielen. Da ist etwa von einer Liebesbeziehung in späten Jahren und in der Nachsaison die Rede, die einen Musiker verunsichert, weil er ungern Abschied nimmt von seinem eingefahrenen Single-Leben in New York. Ein überzeugendes Plädoyer für die Bach-Motetten ist eine andere Story, die wiederum auf Rügen spielt und die ein Sohn zum Aufarbeiten seines Vater-Sohn-Problemes helfen soll, was aber misslingen muss nach so vielen Jahren. Ein Stück über einen beabsichtigten, doch in diesem Buch (noch) nicht stattgefundenen Selbstmordversuch eines unheilbar Krebskranken findet sich darin. Dann gibt es noch die alte Dame, die ihre erste Liebe besucht und den unschlüssigen Mann zwischen zwei Frauen, der beide betrügt, bis er keine mehr von beiden hat. Der Autorin dieser Rezension aber gefällt am besten die Beichte eines Totschlägers oder vielleicht sogar Mörders gegenüber seinem Sitznachbarn auf einem langen Übersee-Flug. Hier kommt der alte Schlink, der Krimiautor durch, obwohl der Plot sehr unwahrscheinlich klingt: Kann man glauben, dass Scheichs aus Abu Dhabi blonde Europäerinnen heutzutage in ihren Harem entführen?
Offene Schlüsse - kaum Happyends
Auffallend Schlinks präzise Ausdrucksweise, zum Glück ist er kein Anhänger von Schachtelsätzen. Er formuliert sehr korrekt, manchmal wirkt das mit einem Touch antiquiert, wie eine Sprache aus dem 19. Jahrhundert, Fontanes etwa. Ein weiteres Phänomen dieser Erzählungen fällt auf: Bis auf eine kürzere Ausnahme schafft Bernhard Schlink es, die Geschichten so ziemlich genau zwischen 42 und 47 Seiten stattfinden zu lassen. Aber er bringt die Leser immer um echte Schlüsse, läßt die meisten offen, auch wenn sie sich eigentlich aufdrängen würden. Das macht man halt so in der modernen Literatur? Es ist manchmal ärgerlich, so wie viele der Figuren in ihrer Gefangenheit ihrer Biografie, ihres Denkens Depressionen verbreiten. Deshalb sei gleich vorgewarnt: Das ist keine leichte Sommer-Lektüre zur puren Unterhaltung oder zum Amüsement am Strand, das Buch verbreitet eher Herbst- oder November-Blues-Stimmung.
Bernhard Schlink: Sommerlügen. Zürich 2010. Diogenes Verlag. 288 Seiten. Hardcover. 19,90 Euro.
