Rezension: Stephen Baker - Die Numerati

Ein Sachbuch über Daten und was man aus ihnen machen kann

Baker: Die Numerati - Hanser
Baker: Die Numerati - Hanser
Jeder hinterlässt in seinem Alltag unzählige Daten. Experten gewinnen daraus immer ausgefeiltere Erkenntnisse über uns. Und Stephen Baker hat darüber geschrieben.

„Die Numerati“ – der Titel von Stephen Bakers Buch erinnert an Bestsellerautor Dan Brown, an Verschwörungstheorien und Geheimgesellschaften. Kurz: an düstere, aber trotzdem leicht verdauliche Belletristik. Wer nach dem ersten Blick auf das Buchcover noch daran zweifelt, dass Hanser hier wirklich einen Verschwörungsreißer veröffentlicht hat, den belehrt spätestens der Untertitel eines besseren: „Datenhaie und ihre geheimen Machenschaften“.

Natürlich: Untertitel gehören eher ins Reich der Sachbücher. Aber auch die können ja reißerisch sein, von hinterhältigen (Haie!), verschwörerischen (geheim!) und illegalen (Machenschaften!) Umtrieben berichten. Schade nur, dass „Die Numerati“ keines dieser Versprechen einlöst. Stephen Baker hat zwar über die schöne neue Datenwelt geschrieben, über die Spuren, die wir darin hinterlassen, und über die vielen Erkenntnisse, die gewiefte Experten daraus gewinnen können. Allerdings ist das Buch von der Einführung bis zur Schlussbetrachtung sachlich, nüchtern und ausgewogen. Das ist im Grunde gut. Es passt nur nicht zur Erwartung, die der Titel weckt: Wer einen echten Aufreger erwartet, wird sich wahrscheinlich nach der Hälfte des ersten Kapitels langweilen. Und wer nach differenzierter Information sucht, legt das Buch womöglich nach einem Blick auf den Titel weg. Die amerikanische Originalausgabe hat es ihren Lesern in dieser Hinsicht leichter gemacht. Sie hieß einfach „The Numerati“.

Von „geheimen Machenschaften“ keine Spur

Es bleibt zu hoffen, dass der Titel nicht zu viele Leser auf die falsche Fährte lockt, denn die Lektüre lohnt sich. Der Wirtschaftsjournalist Baker hat akribisch recherchiert – bei Großkonzernen wie IBM und Intel genauso wie bei kleineren, aber nicht weniger fortschrittlichen Unternehmen. Und seine Gesprächspartner gaben ihm offenbar bereitwillig Auskunft. Von Geheimniskrämerei keine Spur: Praktisch alle Informanten sind mit vollem Namen und Kurzbiographie genannt. Es sind Mathematiker, Ingenieure, Informatiker, Menschen also, die sich mit Zahlen und Statistiken auskennen. Baker gibt ihnen einen Sammelnamen: Numerati.

Was diese Numerati mit Daten über Menschen und ihr Verhalten alles anstellen können, breitet der Autor in sieben Kapiteln aus. Jedes ist nach der Gruppe benannt, um die es geht: Arbeitende, Käufer, Wähler, Blogger, Terroristen, Patienten, Liebende. So gewinnt der Leser schon beim Blick auf das Inhaltsverzeichnis den Eindruck, dass die Datensammler in beinahe jeden Bereich unseres Lebens eindringen.

Baker skizziert den gläsernen Angestellten

Das kann durchaus unheimliche Formen annehmen – etwa wenn Baker den gläsernen Angestellten skizziert, dessen Vorgesetzte alles über ihn wissen: welche Websites er besucht (das sowieso), mit welchen Kollegen er wie häufig spricht, was er leistet, ob er eine Gehaltserhöhung braucht oder entlassen werden soll. Das klingt ungemütlich – und doch vergisst Baker nicht, auch die möglichen positiven Seiten der Entwicklung zu nennen: Arbeitnehmer werden produktiver und könnten dadurch mehr Geld verdienen. Sie könnten sogar auf Daten basierende Kennzahlen bei der Suche nach einer neuen Stelle einsetzen.

Kein Urteil über die Numerati – aber viel Information

So geht Baker auch die übrigen Kapitel an: Er urteilt nicht über die Datensammler, er beschreibt ihre Tätigkeit, ihren Erfindungsreichtum, ihre Macht – und zwar mit einem durchaus faszinierten Unterton. Ob es um die Manipulation von Menschen beim Einkaufen geht oder die Überwachung von Senioren im Dienst der Gesundheit: Stets nennt er neben den negativen auch die positiven Seiten der Jagd nach Daten.

Wer ein Buch über böse Machenschaften und finstere Datenhaie sucht, schaut sich also besser anderswo um. Wer aber einfach nur verstehen möchte, wie die schöne neue Datenwelt funktioniert, welche Verheißungen und welche Gefahren sie birgt, der sollte „Die Numerati“ lesen. Denn genau darüber hat Stephen Baker geschrieben – fesselnd, verständlich und unterhaltsam.

Stephen Baker: Die Numerati. Datenhaie und ihre geheimen Machenschaften. Hanser 2009. Gebundene Ausgabe, 264 Seiten. Euro 19,90.