
- Buchcover Trockeneis - Wißner-Verlag
Eine Kneipe, ihr Wirt und ihre Stammgäste stehen im Mittelpunkt des neuen Kriminalromans von Viktor Glass. Die Kneipe heißt im Roman "Nordpol". Sie steht an einem Eck im Augsburger Norden gleich neben dem Nordfriedhof. Von ihren Fenstern und ihrem Biergarten blickt man auf einen weithin sichtbaren, riesigen Gaskessel, eines der alten Augsburger Industriegebäude, die teils renoviert und für neue Zwecke genutzt werden, teils von Verfall bedroht sind. An dieser Straßenecke steht auch im realen Augsburg eine Gastwirtschaft, der Hirblinger Hof, in dem der Autor Viktor Glass oft während der Arbeit an seinem Werk mit dem Laptop gesessen hat.
Das Augsburger Viertel Oberhausen, wie es leibt und lebt
Der Augsburger Stadtteil, in dem die Kneipe steht, heißt Oberhausen. Den Autor reizt an dieser Umgebung das Aufeinandertreffen von alten, stillgelegten Industrieanlagen mit ihren schummrigen Winkeln und Ecken und einem multikulturellen Wohngebiet mit kleinen Geschäften, Kneipen und Werkstätten. Oberhausen ist ein literaturträchtiger Stadtteil. Hier spielt auch der "Roman unserer Kindheit", der seinem Autor, dem gebürtigen Augsburger Georg Klein, bereits den diesjährigen Hauptpreis der Leipziger Buchmesse eingebracht hat. Und Augsburg scheint eine krimiträchtige Stadt zu sein. In ihr wohnt Volker Klüpfel, der Autor der allgäuer Regionalkrimis rund um den Kommissar Kluftinger. Und auch eine Krimireihe, die in Augsburg spielt, gibt es bereits, geschrieben von einem sich "Peter Garski" nennenden Autorenteam.
Die Personen des neuen Krimis "Trockeneis" von Viktor Glass zeigen einen guten Querschnitt durch die Bevölkerung. Sie gehören verschiedenen Generationen, Gesellschaftsschichten und Nationen an. Da ist der Seniorchef, der pflegebedürftige Vater des jungen, Rolli genannten Kneipenwirts Roland Findeisen, der sich noch um die Buchhaltung kümmert, während Sohn Rolli nicht nur die Kneipe schmeißt, sondern zusätzlich einen kleinen Kurierdienst betreibt. Da ist die smarte Bedienung Tessa, mit der Rolli gern anbandeln würde. Da sind der italienische Koch Giovanni Rosetti, seine türkische Küchenhilfe Aysun und der aushelfende griechische Student Eleftherios Papakonstantinou, den alle einfach Papa nennen. Ferner gibt es einen Ex-Stasi-Leutnant, der in einem Haus wohnt, in dem auch ein Bordell untergebracht ist, einen maßlos dicken und stets hungrigen Dauerarbeitslosen auf Existenzgründungskurs und etliche Rentner, von denen einer in den Fall verwickelt wird, während andere als Randfiguren zum Abonnementessen in das Gasthaus kommen, das der findige, wendige Wirt stets fünfzig Cent billiger als das "Essen auf Rädern" anbietet, Kaffee hinterher inklusiv.
Eine spannende Krimihandlung
Der harte Kern dieses bunten Haufens Kollegen und Freunde hält tapfer und unbeirrt zusammen, geht miteinander durch Dick und Dünn, dass es dem Leser eine Freude ist, dabei zuzusehen. Diese Truppe wird mit dem Alltag und dem Kneipengeschäft, das mal dahindümpelt, mal unerwarteten Gästeansturm bringt, sowie den zuweilen bizarren Aufträgen für den Kurierdienst ebenso tatkräftig und ideenreich fertig wie mit übereifrigen, sich auf der falschen Fährte befindenden Polizei- und Steuerbeamten, und schließlich auch mit zwielichtigen Gestalten, die in dunkle Geschäfte verwickelt sind und selbst vor Mord nicht zurückschrecken. So deckt die kunterbunte Clique gemeinsam einen Kriminalfall auf, auf den sie durch das Verschwinden der jungen, im Lokal verkehrenden Studentin Jana gestoßen ist. Sowohl Wirt Rolli, der mit der Studentin geflirtet hatte, als auch der Rentner, an dessen Hütte am Stadtrand ihr Fahrrad gelehnt war, kommen in Verdacht, sich an ihr vergangen zu haben. Darauf reagieren sie jeder auf seine Weise unwirsch und stürzen sich mit Hilfe ihrer Freunde in eigene Ermittlungen, teils aus purer Neugier, teils um die eigene Unschuld zu beweisen.
Treffsichere, humorvolle Charakter- und Milieustudien
Diese in einer wilden Verfolgungsjagd gipfelnde Geschichte erzählt der seit einigen Jahren in Augsburg lebende Autor mit Witz, guter Beobachtungsgabe und Liebe zum Detail. Treffsicher proträtiert er dabei ein Stück Augsburg und einen bunten Querschnitt seiner Bewohner. Die Handlungsorte erscheinen anschaulich und stimmungsvoll vor dem Auge des Lesers, seien es Landschaften vor den Stadtgrenzen, schummrige Ruinen, in denen sich plötzlich etwas Unheimliches regt, oder eben immer wieder die Kneipe Nordpol, in der alle Fäden zusammen laufen. Man ist nicht nur von der spannenden Handlung gefesselt, sondern ebenso von den eingefangenen Stimmungen und den lebensnahen, turbulenten Situationen, denen die lebendig gezeichneten Charaktäre im Lauf der Geschichte ausgesetzt sind. Trotz Schwächen, Marotten und schrulligen Eigenheiten sind es - mit Ausnahme des ermittelnden Polizeikommissars und natürlich der Kriminellen - liebenswerte Personen, die eine sympathische Clique bilden, mit der man gern noch etwas mehr Zeit verbringen würde, nachdem die letzte Seite des Romans erreicht ist. Das soll einem auch vergönnt sein. Denn "Trockeneis" bildet den Auftakt zu einer Krimireihe mit dem Motto "Nordpol ermittelt" und der nächste Band mit dem Titel "Russensärge" ist schon in Arbeit.
Über den Autor und sein Werk
Viktor Glass wurde in Westfalen geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Er studierte Publizistik und Sinologie in Bochum. Seit 1980 ist er freiberuflich als Autor und Übersetzer tätig. Glass hat mehrere erfolgreiche Romane geschrieben, in den letzten Jahren erschienen „Diesel“ und „Goethes Hinrichtung“.
Viktor Glass: Trockeneis, Wißner-Verlag 2010, Paperback 240 Seiten, ISBN 978-3-89639-783-6, Euro 12,80
