
- Dürrson: Lohmann Oder die Kunst... - Klöpfer und Meyer
Das Spiel mit der Sprache, das braucht ein Lyriker, schon gar einer, der Preise wie den Schubart- oder Eichendorff-Preis für sein lyrischen Schreiben bekommen hat und in den 1970er und 80er Jahren ein hochgeschätzter Dichter Oberschwabens war.
Ein ungewöhnlicher Buchtitel
Und so ist schon der Titel ein Spiel, ein bitteres Spiel des Thomas Lohmann, der sich nicht nur während einer schweren Erkrankung in der Kindheit für das Leben entscheiden muss, sondern sein Dasein lang darum kämpft, sich sein „eigenes Leben“ zu erobern, das unabhängig ist von der Erwartungshaltung seines Vaters, für den nur handfeste, handwerkliche Berufe und Bodenständiges einen Wert haben. Ein Dichter ist für ihn ein Träumer, ein Taugenichts, der nur durch eine Tracht Prügel männlich und lebensfähig gemacht werden kann.
Zum Dichter geschlagen
Und so fragt sich Werner Dürrson, alias Lohmann, in seiner romanesken Biographie, ob ihn nicht gar sein Vater „zum Dichter geschlagen“ habe. Denn dieser ständige Kampf gegen die Selbstzweifel, dieser Drang, mehr und mehr zu erreichen, es dem Vater immer wieder zu beweisen, ist lebensbestimmend. Sei es als Musiker und „Goschenhobel“-Spieler, der es nicht nur zum „weltbesten Mundharmonikaspieler“, sondern auch bis zum Präsidenten der Vereinigten Staaten schafft, oder als renommierter Dichter und Übersetzer französischer Literatur. Immer ist Erfolg nur ein kurzzeitiger Genuss, Zweifel und Zerrissenheit bleiben.
Ein Traum, der sich nie erfüllt
Und bis zum Schluss bleibt es nur ein Traum, dass der Vater weich und versöhnlich wird. „Da kommt der Vater aus dem Halbdunkel auf mich zu, lächelt mild, als wäre alles abgetan, weggewischt, und streicht mir, mit weicher Hand, übers Haar.“ Die Wirklichkeit bietet nur die groben Riesenhände, die schlagen, und später die schlagenden Worte, bis zum traurigen und einsam-verbitterten Tod des Vaters.
Begegnung mit Hermann Hesse
Erzählt wird nicht nur die Geschichte eines Musikers und Dichters, der mit den Worten ringt, das Buch ist auch ein einzigartiges Zeitzeugnis des 1932 geborenen Künstlers. Der Krieg, die Verdrängung des Vaters, der sich als Deutscher überall wieder zeigen könne, weil er immer rechtschaffen war, die Begegnung mit Sinclair alias Hermann Hesse, die 60er und 70er Jahre ... So kommt auch Gesellschaftskritik nicht zu kurz, der „Einsatzgruppenprozess“ von Ulm und die Verwunderung über die unzähligen Nazi-Morde, die nie verfolgt wurden. Es wird auch die Atmosphäre des Kalten Kriegs oder der Anti-Atomkraftdemos beschrieben. Dazu eine tiefe Trauer über das nie kennen gelernte Kind, das seine damalige Freundin – und so scheint es – große Liebe Nicole eigenmächtig im Sinne der „Mein-Bauch-gehört-mir-Zeit“ abgetrieben hat, ohne ihn, Lohmann, dazu zu befragen. „Daß sie selbst kein Kind wollte (solang ich nicht da war), beschwichtigt mich nicht. Ein Tiefschlag, zürne ich, jetzt für Beide, nun hat auch unsere, meine Geschichte ihren Mord.“
Die Sprache verführt und lässt Platz
Das Buch ist poetisch erzählt, mit der eigenen Dringlichkeit der schönen Sprache. „Zitronenbrause Bärendreck Süßholz, und der Knoten im Hals. Wahr ist, meist war ich bedrückt und den Tränen nah, mit Schlucken beschäftigt ...“ Werner Dürrson spielt auch hier mit der Sprache, hält sich nicht an Regeln, jongliert gekonnt und unaufdringlich mit Satzzeichen oder der Groß- und Kleinschreibung, gibt der Sprache ihre eigene Form, ohne den Leser vom Text abzulenken. Gelegentlich werden auch Gedichte eingestreut, als lyrisches Zeitzeugnis eines Dichterlebens.
Ein Abschied für immer
„Lohmann oder die Kunst, sich das Leben zu nehmen“ ist ein beeindruckendes Buch, eine Geschichte, die einen bis zum Schluss ohne Weinerlichkeit durch ein Künstlerleben führt. Und mag es auch an manchen Stellen vielleicht romanesker als streng biographisch zugehen, so ist dies ja das Recht eines Künstlers, seine eigene Welt zu schaffen und den Leser dahin mitzunehmen. Ein würdiges Buch und ein Stück großartige Literatur, das uns Werner Dürrson hinterlassen hat. Er ist am 17. April 2008 verstorben.
Werner Dürrson: Lohmann oder die Kunst, sich das Leben zu nehmen. Klöpfer & Meyer Verlag 2007. Hardcover, 406 Seiten. Euro 22,50.
