
- Genazino: Wenn wir Tiere wären - Hanser Literaturverlag
"Ein Regenschirm für einen Tag", "Die Obdachlosigkeit der Fische", "Eine Frau, eine Wohnung ein Roman" - Wilhelm Genazino ist in Deutschland bekannt geworden durch Geschichten, die genauso kreativ und außergewöhnlich sind, wie ihre Titel. Er ist ein Meister der Wortneuschöpfungen und besticht durch seine Fähigkeit das Außergewöhnliche im Alltag zu erkennen. Diese Fähigkeit zu Pointieren ist auch in seinem neuesten Roman "Wenn wir Tiere wären" noch spürbar. Der Protagonist entwickelt eine Taktik der "Lebenseinsparung". Von allem, was es in der Welt zu erleben gibt, möchte er nur ein Minimum genießen, sich so viel wie möglich aufsparen. Das führt leider dazu, dass sein Leben sehr langweilig wird. Er vermeidet alles, was seine Freiheit irgendwie einschränken könnte, pflegt keine Freundschaften, schreckt vor einer Festanstellung als Architekt heftig zurück und versäumt es, eine Familie zu gründen, als er die Gelegenheit dazu hat. Das einzige, was er sich nicht versagen kann, sind Frauen.
Gefangen zwischen Exfrau, Exgeliebter und Geliebter
Er unterhält eine Beziehung zu seiner Exgeliebten Maria, die damals der Grund für die Scheidung von seiner Frau war. Eigentlich ist die Beziehung längst abgekühlt, doch, da für ihn eine Frau an seiner Seite besser ist als keine Frau an seiner Seite, bleibt er bei ihr. Doch auch Maria trennt sich von ihm, als sie erfährt, dass er bereits eine neue Geliebte gefunden hat. Karin ist die Witwe von einem seiner Auftragsgeber als freier Architekt. Auf dessen Beerdigung kommen sie sich näher. Von diesem Zeitpunkt an scheint es, als würde der Ich-Erzähler das Leben seines Kollegen übernehmen. Neben seiner Frau bekommt er auch noch seinen Job angeboten und schließlich bedient er sich auch noch eines kleinen Tricks, den sein Vorgänger erfunden hat, als sie einen Personalausweis fanden. Er bestellt auf den Namen des Ausweisinhabers Konsumgüter, die er an ein Postfach liefern lässt. Dieses kleine Hobby seines Vorgängers bringt ihn schließlich zu Fall. Er wird des Betrugs überführt und muss ins Gefängnis. Von hier aus nimmt er wieder Kontakt zu Maria auf. Sein Arbeitgeber kündigt ihm als er noch einsitzt. Schließlich wird er aufgrund von Geringfügigkeit des Verbrechens entlassen. Er nutzt die Gelegenheit, um sein altes Leben wieder aufzunehmen.
Ein Minimum an Lebenserhaltung und regelmäßiger Beischlaf
Abgesehen davon, dass der Plot relativ einfach und ohne spannungssteigernde Höhepunkte ist - Genazino ist es zuvor oft gelungen solch minimalistische Erzählungen zu literarischen Gourmetstücken zu machen - lässt auch die Gestaltung von "Wenn wir Tiere wären" zu wünschen übrig. Statt der liebevollen Beobachtungen des Alltags seiner frühen Werke, setzt Genazino in diesem Roman viel zu viel auf Schilderung von Körperausscheidungen, Brüsten und Beischlaf. Bei Betrachtung eines berittenen Polizisten, dessen Pferd gerade seine Notdurft verrichtet, stellt der Protagonist fest, dieser Vorgang sehe aus, als würde der Beamte durch das Pferd hindurch defäkieren. Kaum ein Spaziergang, bei dem kein Zusammentreffen mit einer Frau stattfindet, deren Oberweite zur Betrachtung einlädt. Am liebsten werden Schwangere beobachtet, überhaupt gibt sich der Ich-Erzähler gerne Fantasien über ein Leben mit einer ewig in besseren Umständen befindlichen Frau hin. Für die eigene Familienplanung steht dagegen fest, dass Nachwuchs nicht in Frage kommt. Die schwangere Frau wird so zum rein erotischen Objekt. Ebenso sind auch die Frauen an seiner Seite weniger Persönlichkeiten als vielmehr Objekte seiner Bedürfnisse.
Eine Erscheinung des Alters?
"Wenn wir Tiere wären" erinnert in trauriger Weise an gegenwärtige Werke anderer, ehemals großer Literaten, die sich im Alter schnöden erotischen Fantasien über jüngere Frauen hingeben. Auch wenn bei Genazino der Protagonist eigentlich als relativ jung beschrieben wird, hängt ihm doch eine so starke Altersträgheit an, dass der Leser das Gefühl bekommen muss, dass es sich hier eher um einen Senioren handelt. Die Frauenfiguren scheinen viel jünger zu sein. Seine Exfrau trifft er in anderen Umständen wieder und seine Geliebte steht als erfolgreiche Werbetexterin mitten im Leben. Dadurch entsteht eine merkwürdige Dissonanz, der Charakter des Ich-Erzählers erscheint nicht ganz stimmig.
Insgesamt ist Wilhelm Genazinos Roman "Wenn wir Tiere wären" trotz einiger lichter Momente ein nur schwer erträgliches Werk. Es reizt im Besten Falle dazu, den Ich-Erzähler schütteln und aufrütteln zu wollen. Weniger wohlwollende Leser würden es wohl eher sehr schnell aus der Hand legen und vergessen. Vielleicht trifft Genazino mit seinem Schreiben noch den Nerv der eigenen Generation, von seinen früher scharfen Beobachtungen des gegenwärtigen Geschehens ist leider zu wenig noch zu spüren. Der Hang zu fäkalen Vorgängen soll vielleicht das tierische im Menschen beschreiben, wirkt jedoch zu plump, um wirklich literarische Kraft zu entwickeln. Gerade für Verehrer der Kunst des Büchner-Preisträgers Wilhelm Genazino ist "Wenn wir Tiere wären" eine äußerst enttäuschende Lektüre.
Genazino, Wilhelm: Wenn wir Tiere wären; Hanser 2011; 978-3-446-23738-4; gebundene Ausgabe 17,90Euro
